Brandung im Küstenschutz in Hörnum. © NDR Foto: Gitte Alpen

Studie: Arnis, Grömitz, Heidkate und der steigende Meeresspiegel

Stand: 20.10.2022 19:31 Uhr

Der steigende Meeresspiegel könnte ganze Regionen im nördlichsten Bundesland verändern. NDR Schleswig-Holstein hat sieben gravierende Beispiele und Stimmen aus Naturschutz, Tourismus und von Betroffenen gesammelt.

von Christopher Gaube

Irgendwo zwischen 47 und 140 Zentimetern liegt die Wahrheit - so stark könnte das Wasser an den Küsten in Schleswig-Holstein bis zum Jahr 2100 steigen. Mit diesen Werten haben die Forschenden der HafenCity Universität (HCU) in Hamburg gerechnet. Welches Szenario eintritt, ist abhängig davon, wie stark die Temperaturen weltweit ansteigen.

Für Schleswig-Holstein wird das eine besondere Herausforderung, denn laut Marschenverband Schleswig-Holstein liegt etwa ein Fünftel der Landesfläche nur kaum oder wenig oberhalb des Meeresspiegels. Einige von diesen Niederungsflächen sind Naturschutzgebiete und bedroht, vom Meer überspült zu werden.

Geltinger Birk: "Anstieg des Meeresspiegels ist auch Chance für die Natur"

Radfahrer fahren auf einem Weg am Wasser entlang durch das Naturschutzgebiet Geltinger Birk. © imago images/Niehoff
Die Geltinger Birk ist ein beliebtes Ausflugsziel in Schleswig-Holstein.

Zu diesen Naturschutzgebieten gehört die Geltinger Birk im Kreis Schleswig-Flensburg. Die Landschaft ist durchzogen von Salzwiesen, Wasserflächen, schilfbewachsenen Ufern und Wäldern. Nicht nur ein Naherholungsgebiet für Wanderer und Radfahrer, sondern auch ein Paradies für Wasservögel. Laut dem Verein "Integrierte Station Geltinger Birk" brüten hier mehr als 90 Vogelarten wie Graugänse, Kraniche, Knäkenten und Zwergseeschwalben. Im Frühjahr und Herbst seien zahlreiche Zugvögel auf der Durchreise.

Die Prognosen sehen für die Geltinger Birk düster aus. Selbst im Falle einer gemäßigten Prognose von Szenario 1, bei dem ein Anstieg des Meeresspiegels von 47 Zentimetern erwartet wird, verschwindet laut der Hamburger Forschenden ein Großteil der Fläche. "Für die Birk ist das kein großes Problem", sagt Nils Kobarg, Leiter des Vereins Integrierte Station Geltinger Birk. "Für die Natur ist es eher ein Gewinn. Durch die abgedeichten Bereiche fehlt die Interaktion zwischen Ostsee und Land." Durch die Überschwemmung könnten sich Salzwiesen ausdehnen und natürliche Dünenbereiche entstehen, so Kobarg. Die Wanderwege würden dann an die neue Situation angepasst werden.

In der Dynamik zwischen Ostsee und Land entsteht ja erst die Artenvielfalt. Nils Kobarg, Leiter der Integrierten Station Geltinger Birk e.V.

Schleimündung: "Hochwasser wird Orte stärker treffen"

Der Leuchtturm von Schleimünde vom Wasser aus. © Werner Wegner Foto: Werner Wegner
Der Leuchtturm von Schleimünde. Bald droht die Halbinsel zu einer richtigen Insel zu werden.

Akut bedroht ist auch die Halbinsel Schleimünde, die die Schlei von der Ostsee trennt. Sie wird bereits jetzt durch Stürme und Hochwasser abgetragen, droht durch den Anstieg des Meeresspiegels aber auch komplett in der Ostsee zu verschwinden. "Das hat Auswirkungen auf die gesamte Schlei", sagt Philipp Zülsdorff, Gründer der Bürgerinitiative "Schleimünde retten": "Wenn der ganze Schleimünder Arm weggebrochen ist, bekomme ich in der Schlei eine Fördesituation wie in Kiel oder Flensburg. Wenn ein Hochwasser auftritt, drückt es das Wasser rein und verstärkt den Hochwassereffekt."

Das bedroht zahlreiche Orte, die an die Schlei grenzen, beispielsweise Olpenitzdorf oder Arnis (beide Kreis Schleswig-Flensburg). Wenn im schlimmsten Fall das Inlandeis von Grönland sowie die Antarktis abschmelzen und der Meeresspiegel über 1,40 Meter ansteigt, wäre zumindest Arnis nicht mehr zu retten. Aber auch wenn diese von den Forschern der HCU als Szenario 3 bezeichnete Situation nicht eintrifft, würden Hochwasser zur permanenten Gefahr für die Orte an der Schlei. Deshalb fordert Zülsdorff mehr Küstenschutz zu unternehmen. Beispielsweise sind seiner Meinung nach die Anrainer der Schlei nicht hilflos ausgeliefert. Man müsse nur was tun und da sei auch das Land gefragt.

Heidkate und Hohwacht: "Tourismusbetriebe sehen noch keine Probleme"

Bei den von NDR Schleswig-Holstein vorgestellten Prognosen gehen die Hamburger Forscher von einem intakten Küstenschutz aus. Doch selbst der könnte die Strände rund um Heidkate (Kreis Plön) nicht mehr retten. Auch die Touristenorte Kalifornien, Brasilien und Teile von Schönberg würden der Ostsee zum Opfer fallen, wenn die Eismassen abschmelzen. Ein ähnliches Bild gilt auch für die Küste rund um Hohwacht (Kreis Plön). Bis zum Jahr 2100 werden der Kleine und Große Binnensee sowie der Sehlendorfer Binnensee mit der Ostsee verbunden sein, auch die Strände verschwinden.

Für das Gastgewerbe und die Vermieter von Ferienwohnungen spielt das Thema noch eine untergeordnete Rolle, sagt Katja Lauritzen, Geschäftsführerin des Ostsee-Holstein-Tourismus e.V.. "Ich glaube, da herrscht noch kein Problembewusstsein, weil es noch keine abschließenden Informationen für diese Zielgruppe gibt. Im Moment sind mehr die Verwaltungen involviert, aber das ist noch nicht runtergebrochen worden auf einzelne Betriebe."

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Massive landschaftliche Veränderungen könnte der steigende Meeresspiegel auch in Ostholstein mit sich bringen. In einem breiten Bogen, über das Naturschutzgebiet Wesseker See hinweg, könnte die Ostsee im schlimmsten Fall bis an die Stadtgrenze von Oldenburg in Holstein reichen. Eine immerhin fünf Kilometer lange Bucht würde so entstehen, wenn Szenario 3 eintritt.

Dann hieße es auch Land unter für das Gebiet zwischen Scharbeutz und Haffkrug. Etwas weiter nördlich liegen Kellenhusen und Grömitz. Das flache Land zwischen den beiden Orten wird in jedem Fall untergehen. "Wie sehr der Küstenschutz intensiviert wird und ob das überhaupt gewollt ist, müssten die Orte und Gemeinden für sich entscheiden", sagt Lauritzen. "Wir hatten schon einmal eine Küstenschutzmaßnahmen im Bereich der Lübecker Bucht. Das betraf die Orte Scharbeutz und Haffkrug. Da hat man den ganzen Deich im Grunde genommen aufgebaggert und die Spundwände unter die Düne gelegt."

Nicht jeder Ort hat Lust, eine zwei Meter hohe Spundwand am Strand stehen zu haben. Katja Lauritzen, Geschäftsführerin des Ostsee-Holstein-Tourismus e.V.

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.10.2022 | 19:30 Uhr

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