Stand: 17.07.2020 11:31 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Siebeneichen ohne Schule? Ein Dorf wird aktiv

von Andreas Bell

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Siebeneichen ist ein idyllisches Dorf am Elbe-Lübeck-Kanal. Jetzt gibt es wieder eine Schule im Ort. Die Dorfgemeinschaft hat sich dafür eingesetzt.

Siebeneichen ist im Grunde der Prototyp eines Dorfidylls: Es liegt direkt am Elbe-Lübeck-Kanal im Herzogtum Lauenburg. Kopfsteinpflaster ziert die Straßen, im Ort befindet sich eine Feldsteinkirche. Sieben historische Bauernhäuser stehen dort, ursprünglich auch sieben alte Eichen, jetzt sind es nur noch sechs. Das Dorf hat sogar eine eigene historische Seilzug-Fähre am Kanal. 264 Einwohner leben hier, schätzt die stellvertretende Bürgermeisterin Birgit Koch. "So ganz genau wissen wir das nie," scherzt sie.

Bis zum vergangenen Jahr gab es in Siebeneichen auch eine Dorfschule. Die musste im Sommer 2019 aber schließen, weil es zu wenig Schüler gab und das Gebäude renovierungsbedürftig war - ein Drama für den kleinen Ort. Die Stimmungslage zu dem Zeitpunkt beschreibt Koch so: "Wir waren alle entsetzt, das hat uns sehr getroffen, furchtbar."

Siebeneichener akzeptieren Schulschließung nicht

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Im Rahmen der Wiedereröffnung wurde die alte Schule umfangreich saniert.

Ein Schritt zurück in den vergangenen Sommer: Seit mehr als 100 Jahren hat es eine Dorfschule in Siebeneichen gegeben und jetzt soll das Geschichte sein? Die Siebeneichener geben sich mit der Situation nicht zufrieden und werden aktiv. Sie gründen einen Förderverein und suchen einen passenden Partner. Die Schulstiftung der Nordkirche bietet sich als Träger der neuen, alten Schule an. Aus der staatlichen Schule soll eine private werden.

Die Gemeinde leiht sich 120.000 Euro und startet mit der Sanierung. "Das ist schon eine Hausnummer für eine Gemeinde, die im Jahr gerade so um die 8.000 Euro an Überschüssen erwirtschaftet," sagt Bürgermeister Jan Lucas. Toiletten werden gekachelt, Fenster und Türen gestrichen, neue Böden verlegt. Bis zum Schluss ist nicht klar, ob alle Genehmigungen zum geplanten Schulstart vorliegen.

Vor sechs Tagen dann die große Erleichterung: Die Schule darf nach den Sommerferien starten - mit vorerst zehn Anmeldungen. 

Eltern zahlen bis zu 120 Euro Schulgeld pro Monat

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Aus der alten staatlichen Schule wird jetzt eine Privatschule.

Marie Oswald gehört zu den Eltern, die das Experiment Dorfschule wagen. "Ich war selber in einer Dorfschule. Das schöne Außengelände, die kleinen Klassen - das hat den Ausschlag gegeben", erzählt sie. Pro Monat fällt ein Schulgeld in Höhe von drei Prozent des Nettogehaltes an, maximal 120 Euro.

Wer mehr als ein Kind einschult, muss nicht die volle Summe für jedes Kind zahlen. Wer sich das Schulgeld nicht leisten kann, bekommt Hilfe vom Förderverein der Schule.

Schulleiterin tauscht Großstadt gegen Dorf

Oswalds Drillinge Max, Ben und Till werden am 8. August eingeschult und zwei Tage später morgens zum ersten regulären Unterricht in ihrer neuen Dorfschule antreten. Begrüßt werden sie dann sehr wahrscheinlich von der neuen Schulleiterin Jutta Hügel, die gleichzeitig auch Klassenlehrerin ist. Sie hat vorher in Berlin gelebt und unterrichtet, tauscht nun Großstadt gegen Dorf. "Eigentlich geht hier mein Lebenswunsch in Erfüllung. Ich habe immer geträumt, eine kleine Schule zu gründen und bin einfach nur glücklich darüber", schwärmt sie.

Die Finanzierung ist für zwei Jahre gesichert

Die Finanzierung der Dorfschule für die nächsten zwei Jahre steht bereits: Die Schulstiftung der Nordkirche zahlt als Träger Miete an die Gemeinde, die damit wiederum den Kredit für die Renovierung abzahlt. Nach zwei erfolgreichen Schuljahren ist danach eine Kostenbeteiligung durch den Schulverband der umliegenden Gemeinden möglich.

Siebeneichen arbeitet übrigens schon an der nächsten Idee: eine Kita und eine Seniorenwohnanlage direkt neben der Schule. Ein kleiner Ort hat große Pläne.

Weitere Informationen

Fähre Siebeneichen erfolgreich unter neuer Regie

14.03.2018 20:05 Uhr

Die Fähre Siebeneichen pendelt seit fast 120 Jahren auf dem Elbe-Lübeck-Kanal. Weil dem Kreis der Unterhalt zu teuer wurde, hat ein Verein das Schiff übernommen - mit großem Erfolg. mehr

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.07.2020 | 19:30 Uhr

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