Stand: 21.02.2019 05:00 Uhr

Azubi-Serie: Mehr Aufgaben, Routine und Hornhaut

Fünf Autoren begleiten fünf Auszubildende in fünf Branchen - über Wochen, Monate und Jahre: In einer langfristig angelegten Serie berichtet NDR Schleswig-Holstein über junge Menschen, die ins Berufsleben starten. Wie liefen die ersten Monate der Ausbildung? War die Berufswahl die richtige oder wird die Entscheidung bereut? Stellt sich Ernüchterung ein oder wächst die Begeisterung? Nach dem ersten halben Jahr ziehen die Auszubildenden im zweiten Teil der Serie eine erste Zwischenbilanz.

von Robert Tschuschke

Sarah Kragge hebt einen schweren Hammer und hat dabei eine anderthalb Meter lange Metallstange fest im Blick. "Wir beulen gerade ein Saxophon aus. Ich schlage mit dem Hammer leicht auf die Stange. Da ist am anderen Ende eine Ausbeulkugel aufgeschraubt, die dann von innen auf den S-Bogen des Saxophons drückt", erklärt die Auszubildende. Holzblasinstrumentenmacher und Ausbilder Torsten Köhler bringt das Instrument in Stellung: "Ganz vorsichtig", sagt er, der von allen Toko genannt wird. Das "Conn"-Saxophon ist ungefähr 80 Jahre alt und von hoher Qualität. Das weiche Material gibt leicht nach. Das Zweier-Team in grauen Schürzen kommt zügig mit den kleinen Beulen voran.

Mit Fingerspitzengefühl und Kraft zum Erfolg

"Ich will das immer noch"

"Die Zeit geht echt schnell rum. Es macht mir nach wie vor viel Spaß. Ich will das immer noch", freut sich Sarah und lächelt. Seit August hat die 19-Jährige viele Klarinetten generalüberholt und die ersten Saxophone hat sie ebenfalls repariert. "Es wird immer mehr, was ich selbstständig machen kann, ohne den Chef andauernd fragen zu müssen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich zum Beispiel die Querflöte schon reparieren darf." Chef Thorsten Köhler ist mit Sarah sehr zufrieden. "Das hat sie erstaunlich gut hinbekommen. Das ging fast schon flotter als bei den anderen Instrumenten. Dabei unterscheidet sich die Reparatur der Querflöte von den anderen Instrumenten sehr stark."

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Mehr Routine und Verantwortung

Reparieren und dafür auch eigene Werkzeuge bauen, zum Beispiel bestimmte Spezialbohrer, das interessiert Sarah am meisten. Die handwerkliche Arbeit habe auch bereits ihre Spuren hinterlassen, erklärt die 19-Jährige. "Man merkt, dass man mehr Kraft in die Hand bekommt. Ich habe auch ein paar Abschürfungen gehabt und ein bisschen Hornhaut bekommen. Manchmal hab ich mich auch geschnitten. Ein paar Pflaster habe ich schon verbraucht." Schwieriger sind ihrer Meinung nach aber Beratung und Verkauf. Sarah wurde vor Kurzem in die Kasse eingeführt. Thorsten Köhler erinnert sich: "Du hast neulich dein erstes Instrument verkauft. Eine Blockflöte." Für Sarah ist es immer aufregend, wenn ihr Chef nicht im Laden ist. "Es ist schon viel Verantwortung. Ich weiß ja noch nicht alles, aber das wird noch kommen - und dann traue ich mich auch mehr."

Auf geht's zur Berufsschule nach Baden-Württemberg

In ein paar Tagen geht es für Sarah zur Berufsschule nach Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Deutschlandweit gibt es nur drei Berufsschulen, die Holz- und Blechblasinstrumentenmacher unterrichten. Sechs Wochen lang wird Sarah in verschiedenen Blockkursen mit 16 Azubis büffeln und die gemachten Erfahrungen austauschen: "Wir bauen Werkzeuge und feilen, aber sonst haben wir auch Theorie. Und die ganz normalen Hauptfächer, Deutsch und Mathe - obwohl ich Abitur habe." Thorsten Köhler war auf der gleichen Berufsschule und schwärmt: "Wir hatten 'ne wahnsinnig tolle Berufsschulzeit. Vom Orgelbauer bis zum Holzblasinstrumentenmacher war da damals alles dabei." Sein Tipp mit Augenzwinkern an Sarah: "Das Wichtigste ist natürlich, abends zu lernen. Die Studentenkneipen finden die Azubis meistens selbst."

Sarah Kragge (r) spielt mit ihrem Ausbilder Torsten "Toko" Köhler (l) ein Lied auf der Klarinette. © NDR Foto: Robert Tschuschke

"Es macht mir nach wie vor Spaß"

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NDR Schleswig-Holstein begleitet fünf junge Menschen, die im Sommer 2018 ihre Ausbildungsstelle angetreten haben. Die angehendenHolzblasinstrumentenmacherin Sarah Kragge zieht eine erste Bilanz.

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Bewegte Zeiten für Sarah

Sarahs Leben ist momentan wie ein kleines Abenteuer. Seit Weihnachten wohnte sie abwechselnd bei ihren Eltern im niedersächsischen Stade und bei ihrem Bruder in Hamburg, weil ihr Vermieter die Pinneberger Wohnung selbst wieder gebraucht hatte. Nach den Blockkursen in der Berufsschule will sie aber wieder in die Nähe ihres Ausbildungsplatzes ziehen. Sarah hat sich an die neuen Tagesabläufe gewöhnt. "Der Tag geht schneller rum. Ich war wieder joggen. Außerdem habe ich angefangen, mir selbst Querflöte beizubringen. Es macht viel Spaß, mehrere Instrumente spielen zu können." Auch mit ihrer Klarinette hat sie wieder verstärkt geübt. "Zu Weihnachten habe ich auf dem Weihnachtsmarkt bei einer Lehrerin, die bei uns Kundin ist, im Ensemble mitgespielt", freut sich die 19-Jährige.

Mit Musik und den Studio-Hunden durch den Alltag

Im Holzblasinstrumentenstudio ist musikalisch auch immer etwas los. Ein Kunde, der extra aus dem Ruhrgebiet angereist ist, spielt im Ausstellungsbereich sein repariertes Saxophon an. Chef Thorsten Köhler tüftelt an einer zusätzlichen Klappe für ein Bariton-Saxophon, um anderthalb Oktaven höher spielen zu können. Natürlich muss er dafür das Instrument häufig anspielen. Die beiden Studio-Hunde Eddie und Benno geben dann ebenfalls ihr Bestes und stimmen jaulend mit ein. "Das Arbeitsklima ist sehr gut", sagt Sarah und grinst. Heute überholt sie noch ein Saxophon, entfernt als erstes die Polster von den Klappen, die die Tonlöcher abdecken. Die Handgriffe sitzen. Toko schaut stolz und anerkennend zu Sarah: "Ich habe generell kaum Nacharbeiten." Sarah sind Arbeit und Instrumente sehr ans Herz gewachsen. "Man freut sich, wenn alles funktioniert und die Instrumente wie neu klingen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 21.02.2019 | 10:40 Uhr

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