Ein Reetdachgebäude in Eiderstedt.  Foto: Jan Ö. Meier

Seit 40 Jahren retten Baupfleger alte Häuser an der Küste

Stand: 14.12.2020 14:24 Uhr

Die Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen (IGB) hat viele alte Häuser gerettet. Sie ist seit 40 Jahren als praktischer Helfer für Althausretter, Berater und Erforscher der einmaligen Hauslandschaft nicht nur in Nordfriesland unterwegs.

von Werner Junge

Es ging über den Hindenburgdamm zum Festland. Draußen zog das Watt vorbei, drinnen schüttelte Carl-Ingwer Johannsen den Kopf. Der Hausforscher und langjährige Chef des Freilichtmuseums Molfsee ärgerte sich: "Da wart je blots noch afrieten." Gert und Rainer Kühnast nickten dazu. Ja, der Friesenkongress auf Sylt im Herbst 1979 hatte gezeigt, dass es schlecht um den Erhalt alter Baukultur steht. Alte Gebäude wurden gedankenlos abgerissen. Fertighäuser von der Stange statt Friesenhäusern - Reet runter, Blech rauf auf die Dächer. Riesige Glasflächen statt Fenstern, die wie Augen schauen. "Es müsste eine neue Baupflegebewegung entstehen", hieß es plötzlich in dem Abteil. Damit war eine Idee vom Anfang des 20. Jahrhunderts wiederbelebt.

Hans-Georg Hostrup, Vorsitzender der IG Baupflege Nordfriesland und Dithmarschen vor seinem Haubarg. © NDR/Claudio Campagna

AUDIO: "Schleswig-Holstein-Schnack" mit Hans-Georg Hostrup (20 Min)

Leitsatz der Baupfleger: "Nicht kopieren, sondern kapieren"

Die neuen Baupfleger bekamen schnell Zulauf und fanden - erst noch als Arbeitsgemeinschaft - Unterkunft im Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Als historisches Vorbild galt die nach 1904 vom Tonderaner Landrat Friedrich Rogge initiierte Baupflegebewegung. Sie versuchte nicht nur Altes zu erhalten, sondern auch Neues zu schaffen, das dem Bedarf der Zeit entsprach, aber in Material und Form mit dem gewachsenen traditionellen Bestand harmonierte. Leitsatz der Baupfleger bis heute ist deshalb: "Nicht kopieren, sondern kapieren". So ein Haus entstand 1913 in Breklum bei Bredstedt mit dem Kirchspielskrug Möllgaard. 1981 startete die IG-Baupflege dort ihre monatlichen Beratungsabende. Es war rappelvoll. Familien, die alte Häuser gekauft hatten, belagerten mit Planrollen unter dem Arm die damals noch wenigen Berater.

Altes Foto eines Reetdachhauses. © IGB/Ellen Bauer Ein Reetdachhaus © IGB/Ellen Bauer

Eine Kate in Langenhorn bekommt ihr Gesicht zurück - links der Zustand vor der Sanierung.

Die Vielfalt verschwindet

Einmalig ist die Vielfalt der bäuerlichen Haustypen im Norden. Von Niedersachsen reicht das Gebiet des Niederdeutschen Hallenhauses bis über die Eider. Große Häuser mit einem Ständerwerk, das die Reethaube trägt und mit einer großen Einfahrt von der Giebelseite. Aus dem Norden kommt dagegen das quergeteilte Geesthardenhaus. Lang und schön mit der Schmalseite im Wind. Wohnung, Stallgang, Stall, Scheune sind von der Seite zu erreichen, das Haus ist deshalb quergeteilt. Die mächtigsten Bauernhäuser kamen von Westen über die Nordsee. Aus den Niederlanden stammen die Vorläufer der Gulfhäuser, der Haubarge. Sie sind die größten. Vier oder sechs gewaltige Balken bilden ein Geviert, den sogenannten Vierkant, in dem früher Stroh und Heu gestapelt wurde, der Haubarg eben. Sie tragen das gewaltige Reetdach. Über der in der Marsch angeschütteten Warft erheben sich die Haubarge nochmal um bis zu 16 Metern. Das entspricht der Höhe von zwei Einfamilienhäusern.

Nachhaltige Spezialisten in der Bausubstanz

Alte Häuser sind speziell. Das Material kommt aus der Region. Es ist wiederverwendbar, kein Ziegel wird nur einmal verbaut. Hinzu kommt, dass alte Häuser technisch ausgereift sind. Licht kommt von oben, die alten Gebäude kennen bei Fenstern nur stehende Formate. Die öffnen nach außen, denn dann drückt der Nordseewind sie zu und nicht auf. Bis hin zu den geteilten Klöntüren (Luft kommt rein, Vieh bleibt draußen) stimmt jedes bauliche Detail. Bei falscher Isolierung, wenn also den Häusern das Atmen verwehrt wird, bekommen die alten Gemäuer Probleme.

Altes Foto eines Reetdachhauses. © IGB/Ellen Bauer Altes Foto eines Reetdachhauses. © IGB/Ellen Bauer

Die Kate in Borsthusen: Das Gebäude wurde 1965 "modernisiert" und 1992 gerettet.

Zu viel Material und zu wenig Handwerk

Anfang der 1980er-Jahre startet die IG Baupflege durch. Im Jahr 1983 schickt sie vier Leute in Nordfriesland von Dorf zu Dorf. Sie sollen im ganzen Kreis den Bestand alter Höfe, Katen, Zweckbauten und Relikte aus der vorindustriellen Zeit dokumentieren. 140 Gemeinden werden erfasst. Bis heute ist diese Bestandsaufnahme in 60 Ordnern auch für den staatlichen Denkmalschutz und Planer eine zentrale Quelle. Die IG Baupflege sucht seit Anbeginn nach Planern, die Sinn und Wissen für das Traditionelle haben - und sich sucht nach Reetdachdeckern, Zimmerleuten, Tischlern, Maurern und Schmieden.

Werben für Mehrwert

Die Liste der Häuser, die mithilfe der IG-Baupflege inzwischen in Nordfriesland und Dithmarschen gerettet wurden, ist lang. Wesentlich länger ist die Liste der Häuser, die für immer verloren sind. Hans-Georg Hostrup, der 2008 Nachfolger von Gerd Kühnast wurde, ist auf dem schwierigen Weg der Kooperation und Opposition, wenn es um Baurecht geht. Lange schon sind der Denkmalschutz und die IGB Partner. Doch den Baupflegern sind nicht nur die Landschaft zerteilende Hochspannungstrassen ein Dorn im Auge. Sie kritisieren auch die fehlende Bauplanung in vielen Gemeinden, den gerade in Nordfriesland starken Zugriff ortsfremden Kapitals oder auch uninformierte und uninspirierte Bauplaner, die bauen, was der Baumarkt hergibt - ohne dabei einen Bezug zur Landschaft zu finden. Hans-Georg Hostrup hofft, dass die Handelnden in Nordfriesland und Dithmarschen erkennen, dass die Küstenlandschaft nur attraktiv bleibt und Menschen anlockt, wenn sie typisch und nicht beliebig ist.

Eigene Zeitschrift mit "Der Maueranker"

Schmiedeeiserne Anker sind in Giebeln und Wänden der alten Häuser an der Westküste typisch. Deswegen heißt die Zeitschrift der IG-Baupflege seit 1981 "Der Maueranker". Er interessiert heute weit über den Kreis der 500 Mitglieder hinaus. Er brachte unter anderem der IG-Baupflege 1984 den Deutschen Preis für Denkmalschutz ein. Die schönste Anerkennung für die Arbeit der Interessengemeinschaft sei, wenn wieder ein Förderprogramm aufgelegt werde, meint Hans-Georg Hostrup. Als es vor fünf Jahren 750.000 Euro für die die Erhaltung der Baukultur auf Eiderstedt und in Stapelholm gab, habe das mindestens das Vierfache an Investitionen ausgelöst, rechnet er vor. Hostrup selbst ist unermüdlich für die Interessengemeinschaft unterwegs. Das große Ziel von Hostrup und der IGB ist, mehr Hilfe, mehr Wissen und mehr Interesse digital zu wecken.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 15.12.2020 | 20:40 Uhr

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