Stand: 07.06.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

SOS-Kinderdorfmutter: Der Platz im Herzen ist für immer

Seit 1970 finden Kinder im SOS-Kinderdorf in Lütjenburg (Kreis Plön) ein neues Zuhause. Der Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, wollte nach dem Krieg, dass Kinder in Familien anstatt in Heimen aufwachsen. Mittlerweile kommen die Kinder meistens aus zerrütteten Elternhäusern - wo Väter und Mütter überfordert sind, psychische Probleme haben, Gewalt oder Drogen zum Alltag gehören. Das Jugendamt kann dann ein SOS-Kinderdorf als neue Heimat wählen. In einer Kinderdorfmutter finden die Kinder eine Mutter, die sich kümmert, als wären es ihre eigenen Kinder. Gudrun Schumacher war 27 Jahre eine von ihnen.

von Frauke Hain

Es gibt diesen einen Moment, an den Gudrun Schumacher häufig denkt, als sie Mutter im SOS-Kinderdorf war: "Wenn er dich fragt, ob er in deinem Bauch gewachsen ist, dann sagst du einfach ja." So wünschte es sich die ältere Schwester für ihren jüngeren Bruder, der damals drei Jahre alt ist. Gudrun Schumacher erklärte "ihrem Mädchen", dass der Bruder schon die Wahrheit erfahren müsse. "Sie guckte mich an und sagte: 'Dann sagst du einfach - leider nicht'", erzählt die 62-Jährige über ihre Erlebnisse als Kinderdorfmutter. "Das hat gezeigt, dass sie das auch ein bisschen bedauert hat, nicht in meinem Bauch gewachsen zu sein."

"Da hast du dir was vorgenommen"

Bild vergrößern
Gudrun Schumacher ist 62 Jahre alt, gelernte Erzieherin und in Mainz aufgewachsen.

Die gelernte Erzieherin ist in Mainz aufgewachsen. Dort arbeitete sie viele Jahre erst im Kindergarten. Dann lernte sie in der Pfalz ein SOS-Kinderdorf kennen. Sie hospitierte als Familienhelferin und arbeitete in den Familien mit. "Ich wollte immer Kinder haben. Das hat sich leider privat nicht ergeben. Dann habe ich gedacht, das ist eigentlich eine ganz gute Möglichkeit, mit Kindern zusammenzuleben und nicht ganz alleine zu sein. Man hat ja Unterstützung und Nachbarschaft im Dorf", begründet Schumacher ihre Entscheidung, als Kinderdorfmutter nach Lütjenburg zu ziehen. "Meine Mutter sagte damals: 'Ich wundere mich, dass du da nicht schon längst draufgekommen bist.' Und meine Oma hat gesagt: 'Da hast du dir was vorgenommen'", erzählt sie.

Auf einmal Mutter von fünf Kindern

Als sie damals in Lütjenburg startet, ist sie 35 Jahre alt und ledig. Auf einmal ist sie Mutter von fünf leiblichen Geschwistern. Das Konzept der SOS-Kinderdörfer sieht vor, dass auch größere Geschwistergruppen aufgenommen und nicht voneinander getrennt werden. Nach einiger Zeit kommt das jüngste Geschwisterchen als Baby im Alter von zehn Wochen noch hinzu. Die Kinder sind bei ihr in Lütjenburg anonym untergebracht. Kontakt zu den leiblichen Eltern gibt es nicht. 

"Das Wichtigste ist die Liebe zu Kindern"

Sie kümmert sich um die Kinder, als wären es ihre eigenen. Sie weckt und versorgt sie, schickt sie zur Schule, macht mit ihnen Hausaufgaben. Die Kinder haben von Beginn an einen Platz in ihrem Herzen. "Das ist für immer. Das Wichtigste, was man haben muss, ist die Liebe zu Kindern", erzählt Schumacher. Jede Kinderdorfmutter versucht, den Kindern Vertrauen und Liebe entgegenzubringen - und hofft, dass das Vertrauen zurückkommt. "Wenn man das schafft, dass die Kinder zu einem Vertrauen finden, dann hat man ganz viele Möglichkeiten, den Kindern weiter auf ihrem Weg zu helfen."

Auch professionelle Distanz ist wichtig

Dass sie nicht die leibliche Mutter ist, hat sie im Laufe der Jahre immer mal wieder fast vergessen. Bei manchen Reaktionen der Kinder sei professionelle Distanz wichtig, denn gemeint sind dann eigentlich die leiblichen Eltern, beschreibt sie. "Die lassen viel Wut raus. Und brauchen ein Gegenüber, wo sie das ablassen können. Das bezieht sich manchmal auf Ereignisse, die zu Hause passiert sind." Auslöser dafür können zum Beispiel ein bestimmter Geruch oder eine Körperhaltung sein. "Dann werden bei den Kindern Erinnerungen wach, dass gleich etwas ganz schlimmes passiert", erzählt sie.

Zureden, Liebe und Ausdauer bringen Vertrauen

Auch sie hat Reaktionen der Kinder erlebt, die für sie unerwartet waren. Sie erzählt, wie einem ihrer Mädchen einmal ein Teller heruntergefallen ist, es dann die Arme über den Kopf genommen und sich geduckt hat, weil es annahm, dass es geschlagen wird. Dass sie anders reagieren würde, mussten die Kinder erst einmal lernen. Schumacher hat ihren Kindern immer wieder gesagt, dass sie für sie da ist und sie sich auf sie verlassen können. "Man muss natürlich alles, was man den Kindern sagt, auch umsetzen", beschreibt Schumacher ihre Arbeit. "Man muss absolut verlässlich sein und den Kindern immer wieder zeigen: Ich hab dich lieb und du bist gut, wie du bist." Mit dieser Mischung - aus immer wieder gut Zureden, viel Liebe und Ausdauer zu zeigen - war Schumacher erfolgreich. Damit war Vertrauen und schließlich auch eine Beziehung möglich.

Warum schlagen Eltern?

Ihre Entscheidung, Kinderdorfmutter zu werden, hat sie nie bereut. "Für mich war das der Weg, der gut für mich war. Es war meine Leidenschaft. Natürlich gab es zwischendurch Tage, wo man völlig fertig ist", sagt sie nachdenklich. Ein Kind ist mit 17 Jahren nach einem Party-Besuch nicht nach Hause gekommen. "Wir haben sie drei Tage lang gesucht. Irgendwann haben wir dann erfahren, dass sie bei ihrem Freund ist. Da war ich fassungslos, weil ich gar nicht vermutet hatte, das so etwas vorkommen kann", erinnert sie sich.

Auch die Sehnsucht, dass Kinder zu ihren Eltern wollen, sei eigentlich immer da. Und sie wollten zum Beispiel wissen, warum Eltern schlagen und warum sie nicht zu Hause wohnen können. Hilfe bekam Schumacher von pädagogischen Mitarbeiter und Psychologen, die bei Problemen halfen. "Man muss, was manchmal nicht so einfach ist, versuchen, das Gute an den Eltern herauszufinden." Denn wenn Kinder immer das Gefühl hätten, ihre leiblichen Eltern waren schlecht, dann führe es dazu, dass auch die Kinder denken, sie können nicht gut sein. 

Man braucht viel Geduld

Nicht nur die Kinder mussten lernen - auch Schumacher musste lernen, wie sie zum Beispiel mit den Reaktionen der Kinder umzugehen hat. Dabei halfen ihr oft die Akten. Sie las, was den Kindern vor ihrer Zeit im Kinderdorf passiert ist. "Manchmal erwartet man zu viel von den Kindern. Man braucht sehr viel Geduld." Außerdem konnte sie von den Geschwisterkindern manches ablesen, denn es gab identische Verhaltensweisen. Und sie musste sich darum sorgen, dass es auch ihr selbst gut ging. "Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mir das eingestanden habe, dass ich auch etwas tun muss, woran ich Freude habe." Zum Ausgleich lernte sie Bogenschießen und Klavier spielen, regelmäßig traf sie sich auch mit den anderen Dorfmüttern.

"Ich bin die Mama, die sich um euch kümmert"

Die Frage des kleinen Jungen kam tatsächlich, als andere Mütter im Kindergarten schwanger waren. Und Schumacher erklärte ihm: "Ihr seid alle im Bauch von einer anderen Mama gewachsen. Ich bin die Mama, die sich um euch kümmert." Auch, dass er einen Papa hat, musste er erst lernen. "Ich habe immer versucht, ihre fragen so zu beantworten, dass sie es verstehen und dass sie damit zufrieden sind."

Kinderdorfmutter bleibt sie für immer

In ihren 27 Jahren als Kinderdorfmutter hat sich Gudrun Schumacher insgesamt um 17 Kinder gekümmert. Manche von ihnen waren nur wenige Wochen bei ihr - mit vielen hat sie die komplette Kindheit und Jugend verbracht. Seit einem Jahr ist sie im Ruhestand und lebt in Eutin. Die ersten Monate hat sie viel geschlafen und sich daran gewöhnt, alleine zurecht zukommen. Kinderdorfmutter bleibt sie aber für immer - und mittlerweile ist sie sogar Oma.

Weitere Informationen
Schleswig-Holstein Magazin

Zeitreise: Die Idee der SOS-Kinderdörfer

Schleswig-Holstein Magazin

Ein Zuhause für Waisenkinder schuf der Österreicher Hermann Gmeiner mit der Gründung der ersten SOS-Kinderdörfer. Zwei davon gibt es in Schleswig-Holstein. Unsere Zeitreise. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 05.06.2020 | 20:05 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:28
Schleswig-Holstein Magazin
02:38
Schleswig-Holstein Magazin
00:59
Schleswig-Holstein Magazin