Rollstuhl-Basketball - wenn mehr zählt als die Punkte

Stand: 02.10.2021 06:00 Uhr

Dribbelnde Bälle, lautes Lachen und ein gelegentliches "Klonk" sind beim Abschlusstraining der Rollstuhl-Basketballer des SV Adelby durch den Anbau der Flensburger Fördehalle zu hören.

von Samir Chawki

Es ist laut und es wird viele gelacht - trotzdem wird bei der letzten Einheit vor der schleswig-holsteinischen Landesmeisterschaft am Sonnabend bei den Rollstuhl-Basketballern des SV Adelby hart trainiert. Das "Klonk" ist das Geräusch aneinander rasselnder Rollstühle. Denn auch beim Training schenken sich die Flensburger Spieler keinen Zentimeter - und so wird unter dem Korb gedrängelt und hart verteidigt. Das Abschlusstraining ist besonders intensiv, da die Flensburger am Sonnabend fit sein wollen.

Vorbereitung auf den langersehnten Wettkampf

Kay SV Adelby Rollstuhlbasketball in einer Trainingseinheit. © NDR Foto: Christoph Klipp
Kay Clausen ist Spartenleiter des SV Adelby und seit der Gründung 1986 dabei.

Mit der Landesmeisterschaft vor eigenem Publikum steht der erste Wettkampf nach der langer Corona-Pause an. Spartenleiter Kay Clausen freut sich darauf, mit seiner Mannschaft wieder auf Korbjagd zu gehen: "Es ist überhaupt das erste Mal, dass in Schleswig-Holstein wieder Mannschaften im Rollstuhlsport zusammenkommen und nach zwei Jahren das erste Mal, dass wir unsere Konkurrenten wiedertreffen." Den Wettbewerb hat er vermisst, denn ein richtiges Turnier ist schon etwas Besonderes für jeden Sportler, wie Kay mit einem Lächeln erzählt: "Es ist deutlich herausfordernder gegen andere zu spielen als immer nur im Training gegen die eigene Mannschaft."

Jung und Alt gemeinsam im Team

Kay ist seit Gründung der Sparte im Jahr 1986 im Verein aktiv. Seitdem ist die "kleine Familie" der Basketballer immer mehr gewachsen. Kein Wunder, denn das Tolle an der Sportart ist, dass das Alter hier eigentlich kaum eine Rolle spielt. Beim SV Adelby ist der älteste aktive Spieler Mitte 60 und die jüngste Akteurin gerade mal 13 Jahre alt. Eine Mischung, die Kay Clausen schätzt: "Man hat soziale Kontakte quer durch die Generation, und das ist ganz wichtig."

Regeln identisch, aber spezielles Punktesystem

Spieler des SV Adelby Rollstuhlbasketball in einem Trainingsspiel. © NDR Foto: Christoph Klipp
Rollstuhl-Basketball funktioniert nach den gleichen regeln wie "Fußgänger-Basketball". Schrittfehler und Fouls gibt es auch.

Gespielt wird beim Rollstuhlbasketball auf einem ganz normalen Feld, die Körbe hängen in der üblichen Höhe und Schrittfehler gibt es auch. Diese werden gepfiffen, sobald ein Spieler zwei Mal seinen Treibreifen berührt, ohne den Ball zu dribbeln. Ein Kontakt des gegnerischen Rollstuhls ist nicht erlaubt und soll ebenfalls als Foul gewertet werden. Auch wenn Basketball oft als "körperloser Sport" bezeichnet wird, wird auch hier oft großzügiger gepfiffen.

Der größte Unterschied zum "Fußgänger- oder Läuferbasketball" ist die sogenannte Punkteregel. Sinn dieser Regel ist es, dass Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsgraden in einem Team spielen können. Dafür bekommt jeder Spieler einen Punktewert. Dieser richtet sich danach, welche Bewegungen dem Spieler im Rollstuhl möglich sind. Alle fünf Spieler auf dem Feld dürfen addiert keinen höheren Wert als 14 haben. Für bis zu zwei Spielerinnen auf dem Platz steigt der erlaubte Wert um 1,5 Punkte. Ein Team mit zwei oder mehr Frauen darf also maximal 17 Punkte haben.

Diese Klassifizierung soll dafür sorgen, dass auch schwer behinderte Menschen eingesetzt werden. Spieler ohne Handicap wie Adelbys Trainer und Topscorer Lewe Stelling erhalten die höchste Punktzahl von 4,5 und sie dürfen nicht an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Spartenleiter Kay Clausen hat den Wert 3,5.

Titelverteidigung, Heimsieg oder triumphierende Kieler

Mit welchen Behinderungsgraden die anderen Teams zur Landesmeisterschaft kommen, bleibt abzuwarten. Allein die Anfahrt ist eine logistische Herausforderung, zahlreiche Rollstühle müssen transportiert werden. Das ist nicht zu vergleichen mit dem von den Rollstuhlsportlern sogenannten "Läufer- oder Fußgängerbasketball", wo eine Mannschaft meistens mit dem Kleinbus anreisen kann.

Der Aufwand ist wesentlich größer, erfordert Planung und viele helfende Hände. Vielleicht hat das Team aus Lübeck die Teilnahme an der Landesmeisterschaft deshalb abgesagt. So haben nun die Flensburger, die erste und zweite Mannschaft der Kieler Wheeler und der aktuelle Landesmeister Nusse Rams die Chance auf den Titel.

Rebecca Lieb: Aufgeben, das schaffe ich nicht

Rebecca vom SV Adelby Rollstuhlbasketball im Gespräch mit dem NDR. © NDR Foto: Christoph Klipp
Rebecca Lieb hat schon für die deutsche Nationalmannschaft gespielt, sie sehnt sich nach Normalität auf und um dem Platz.

Titel hat die ehemalige U25-Nationalspielerin Rebecca Lieb auch schon gewonnen. Für Deutschland trat die Handewitterin schon bei Turnieren in Frankreich, England oder auch in Thailand an. Ihr größter Triumph war eine Bronze-Medaille bei den Europameisterschaften. Eigentlich dürfte Rebecca wegen ihrer kaputten Schultern nicht mehr spielen, aber Aufhören ist für sie keine Option: "Es bedeutet mir einfach zu viel. Aufgeben, das schaffe ich nicht. Ich habe es versucht, aber es geht einfach nicht."

Willkommene Treffen in Flensburg

Sie spielt seit jüngster Kindheit im Verein und hat dadurch auch Freundschaften zu Spielerinnen außerhalb des SV Adelby geknüpft. Deshalb sind für Rebecca die anstehenden Landesmeisterschaften auch ein Treffen unter Freunden. Sie schwärmt jetzt schon: "Da sind so viele Leute, die man kennt und natürlich jetzt ewig nicht gesehen hat. Auch Freunde wiederzusehen, mit denen man sich lange nicht getroffen hat, ist toll."

Und so freuen sich wahrscheinlich alle Teilnehmer des Turniers am Sonnabend in der Fördehalle auf viele Treffer und mindestens genau so sehr auf die Treffen mit den Konkurrenten, die sie solange nicht mehr gesehen haben.

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Spieler des SV Adelby Rollstuhlbasketball in einem Trainingsspiel. © NDR Foto: Christoph Klipp
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 02.10.2021 | 14:40 Uhr

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