Stand: 08.04.2018 16:59 Uhr

Risiko Radon: Wie gefährlich ist das Gas in SH?

von Hauke von Hallern

Mit kritischem Blick schaut Frank Sirocko in ein Plastikschälchen mit grobkörnigem Sand. Der Geologe steht in Gummistiefeln auf einer Wiese mitten in der Holsteinischen Schweiz. Um ihn herum: Hügel und ein kleiner Teich. Doch die Idylle trügt, denn aus der Erde strömt Gas - Radon: geruchlos, geschmacklos und radioaktiv. Für Nichtraucher ist Radon die häufigste Ursache für Lungenkrebs. Das radioaktive Gas ist ein Abbauprodukt der Metalle Uran und Radium, die in allen Gesteinen der Erde enthalten sind. Radon sucht sich durch das Erdreich seinen Weg nach oben und gelangt in Keller und Wohnräume. Frank Sirocko will das Problem genauer untersuchen. Dazu hat er auf der Wiese in der Nähe von Plön einen haushohen Bohrturm aufstellen lassen. Denn das Stück Land ist einer der Radon-Hotspots in Schleswig-Holstein. Aus dem Boden strömt besonders viel Gas. Aber warum?

Radon: Das unsichtbare Risiko

Salzstöcke bringen Radon nach oben

"Jedes Sediment, jedes Gestein im Boden hat eine gewisse Durchlässigkeit. Je höher sie ist, desto schneller quillt das Gas ganz natürlich an die Oberfläche", erklärt der Forscher von der Universität Mainz. Der grobkörnige Sand sei besonders durchlässig. Doch es gibt noch mehr Gründe, warum Radon vermehrt aus dem Boden kommen kann. In Schleswig-Holstein sind das vor allem Salzstöcke: "Das Salz bewegt sich sehr langsam und öffnet so Bewegungsfugen. An diesen Fugen kann Radon schnell an die Oberfläche geraten", erzählt Sirocko. Der Forscher und sein Team wollen deshalb die Bodenbeschaffenheit an dem Hotspot genauer untersuchen und bohren sich Meter für Meter ins Erdreich. Immer wieder entnimmt der Geologe Gesteinsproben. Diese sollen später analysiert werden.  

Radon wird in geschlossenen Räumen zur Gefahr

Besonders viel Radon gibt es im Bayerischen Wald, im Erzgebirge und im Schwarzwald. "Aber auch im Norden strömt das radioaktive Gas aus der Erde", betont Jan-Henrik Lauer vom Bundesamt für Strahlenschutz. In Schleswig Holstein gebe es vor allem entlang der Ostseeküste und südlich von Kiel im Landkreis Plön kleine Radon-Hotspots. Wenn das Gas an die Oberfläche ins Freie kommt, verteilt es sich. Die Konzentrationen draußen auf der Wiese sind gering und ungefährlich. Zur Gefahr wird Radon erst, wenn es durch kleine Risse und Ritzen im Fundament in Keller und Wohnräume eindringt. Dort kann es nicht verteilen. Es sammelt sich und kann - über längere Zeit eingeatmet - Lungenkrebs verursachen.

Dosis macht das Gift

Dabei ist Radon selbst eigentlich gar nicht das Problem. "Wir atmen es schnell ein und auch schnell wieder aus", erklärt Lauer. Beim Zerfall von Radon setzen sich allerdings kleine radioaktive Teilchen auf Staub oder Feuchtigkeit in der Raumluft. "Dieses Gift atmen wir ein und es bleibt dann länger in der Lunge", betont Lauer. Dabei gilt: Die Dosis macht das Gift. "Als unproblematisch gelten Konzentrationen von 100 bis 200 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Je mehr Radon in der Luft ist, desto gefährlicher wird es", berichtet Jan-Henrik Lauer vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Habeck schickt Mess-Teams los

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt. Seit vergangenem Jahr gilt ein neuer Grenzwert: 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Nach dem neuen Strahlenschutzgesetz darf dieser Wert nicht überschritten werden. Im Laufe des Jahres tritt die Regelung schrittweise in Kraft. Im Norden sind die Bundesländer deshalb jetzt dabei herauszufinden, wo die Radon-Belastung besonders hoch ist. Dazu sollen Mess-Teams genaue Karten erstellen. Denn: Das bisherige Wissen beruht in Norddeutschland auf nur wenigen Probe-Messungen. Das soll sich jetzt ändern, erklärt Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne). "Wir stellen gerade Teams zusammen und messen dann im kommenden Jahr in den Verdachtsfeldern, ob es eine Radon-Belastung gibt", verspricht Habeck.

Oft reicht einfach Lüften

Der Umweltminister geht davon aus, dass Radon-Probleme in Schleswig Holstein schnell und unkompliziert gelöst werden können. In den meisten Fällen reiche schlichtes Lüften: regelmäßig und ausreichend. Das senke die Radonbelastung erheblich. Wer ein neues Haus plant, sollte sich allerdings mit dem Thema beschäftigen, rät der Hamburger Baubiologe Reinhard Hamann. "Beim Neubau kann die Bodenplatte so dicht gestaltet werden, dass kein Radon eintreten kann", erklärt Hamann.

Radon oft ein lokales Problem

Der Mainzer Geologe Frank Sirocko hat in seinem Bohrloch auf der Wiese in der Holsteinischen Schweiz eine Belastung von mehreren 100 Becquerel gemessen. Wer in der Region wohnt, müsse sich aber nicht unbedingt Sorgen machen. "Die hohen Werte sind lokal oft sehr begrenzt", erklärt der Geologe. Ursache sei manchmal nur ein Findling unter dem Haus. "Auf dem Nachbargrundstück zehn Meter daneben messen wir dann schon wieder fast nichts mehr", berichtet Sirocko. "Selbst die neuen Radon-Belastungskarten der Bundesländer werden lange nicht jeden Hotspot aufspüren", ist sich der Forscher sicher. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann die Radonkonzentration aber sogar selbst messen. Die Geräte dazu - sogenannte Exposimeter - gibt es im Fachhandel.

Weitere Informationen

Radon im Haus: Gefahr für die Gesundheit

Wenn Radon aus aus der Erde austritt, kann es die Raumluft in Häusern vergiften. Auf das radioaktive Gas sind laut Experten jedes Jahr 2.000 Fälle von Lungenkrebs zurückzuführen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 04.04.2018 | 20:05 Uhr

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