Stand: 30.03.2019 00:00 Uhr

Ralf Stegner: Schleswig-Holsteins Twitter-König

von Daniel Kummetz

Ralf Stegner, schleswig-holsteinischer SPD-Fraktions- und SPD-Landesvorsitzender, blickt am Rande einer Wahlsendung auf sein Smartphone. © dpa Foto: Carsten Rehder
Twittert viel und schnell: SPD-Politiker Ralf Stegner.

Ralf Stegner hatte schon viele Posten in der Politik. Er war Ministeriums-Pressesprecher, Stabschef, zwei Mal Staatssekretär, zwei Mal Minister, Landesvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein, SPD-Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Er ist Fraktionschef im Landtag und einer der Vize-Bundesvorsitzenden seiner Partei. Manchen Job hatte er viele Jahre, doch kaum einen so lang wie diesen einen inoffiziellen: Er ist der gar nicht so heimliche König der politischen Twitter-Sphäre in Schleswig-Holstein - für seine Gegner ein unheimlicher. Er ist ein Herrscher ohne Untertanen und Reich, aber mit Reichweite und der auch sonst von ihm bekannten verbalen Rauflust. Mehr als 46.000 Nutzer folgen seinen Äußerungen. Darunter sind viele Multiplikatoren - Journalisten, andere Twitter-Stars, Politiker. Niemand aus Schleswig-Holstein hat mit seinen Tweets so oft für Schlagzeilen gesorgt in den letzten zehn Jahren wie Ralf Stegner.

Einer seiner Tweets gilt manchen als Koalitionskiller

Sein Twitter-Leben hatte kaum begonnen, da erlebte Stegner den Höhepunkt der Aufregung: Seine politischen Gegner sagen, er habe mit einem Tweet 2009 die Große Koalition zum Platzen gebracht. Darin warf er Politik und Medien in Schleswig-Holstein vor, sich wie zu Zeiten der skandalreichen 1970er- und 80er-Jahre zu verhalten. Stichwort: Barschel-Affäre. Unbestritten ist: Das war ein harter Vorwurf. Dass diese Kurznachricht allerdings der wahre Grund für das Ende der Koalition war, glaubt Stegner nicht. Er nennt diese Version "Geschichtsklitterei".

Ohne Zweifel wahr ist: Stegner kann die Gemüter seiner Gegner via Twitter besonders gut zum Kochen bringen. Denn auf dem Kurznachrichtendienst gibt es Stegner kompakt - früher auf 140, inzwischen auf bis zu 280 Zeichen. Wer seine Art mag, bekommt dort viel davon - und alle anderen auch, wenn sie nicht wegschauen können. Er kommentiert schon mal schnell und bissig - aktuelle Berichte und Geschehnisse und was ihm sonst so in den Sinn kommt. Stegner ist hier manchmal noch zugespitzter als im Landtag oder auf dem Parteitag, manchmal auch ein bisschen gemein gegenüber politischen Gegnern wie FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Sogar den kranken Dackel von Ex-CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen verspottete Stegner schon.

Morgengruß samt Musiktipp aus Bordesholm

Es ist nicht zu überlesen, was er für richtig und gerecht hält - und wenn es nur ein Sieg des HSV ist. Im Twitter-Leben des Ralf Stegner geht es viel um Politik, aber nicht nur. Das wird schon beim Start in den Tag deutlich - ein Gruß ("Guten Morgen aus Bordesholm"), ein gern mal doppeldeutiger Musiktipp "für Euch da draußen im digitalen Orbit", ein Kommentar zu Artikeln aus den Tageszeitungen. Er verbreitet viele Nachrichten vor allem von Parteigenossen, Parteimedien, offiziellen Partei-Accounts.

Zwischen 5 und 7 Uhr setzt Ralf Stegner laut einer statistischen Auswertung am meisten Kurznachrichten ab, im Schnitt etwa 20 am Tag, an sieben Tagen in der Woche. Wenn es gut läuft, retweeten mehrere Hundert Twitter-Nutzer Stegners Nachrichten an ihre Follower - verbreiten sie also weiter. Solche Twitter-Analysen haben allerdings einen Haken: Sie erlauben nur die jüngsten 3.200 Nachrichten zu betrachten.

46.000 Nachrichten - morgens, abends, zwischendurch

Was ist das schon bei einem Viel-Twitterer wie Stegner? Das lässt sich wiederum ganz präzise sagen: Bei ihm ist es der Rückblick auf die letzten fünf Monate. Denn insgesamt hat er schon über 46.000 Kurznachrichten abgesetzt oder weiterverbreitet. "Ich mache das morgens und abends und manchmal auch ein bisschen zwischendurch", sagt Stegner. "Aber es ist ein sehr viel kleinerer Teil meines täglichen Lebens als andere das vielleicht wahrnehmen mögen."

Stegner entschuldigt sich für Fehlgriffe

Stegner weiß, dass nicht jeder Tweet eine Punktlandung war. "Wenn man mehr als 45.000 Tweets in die Welt geschickt hat, dann sind da auch ein paar dabei, die nicht schlau waren, ein Griff daneben. Vielleicht gab es auch ein paar, die man nicht wieder machen würde", sagt Stegner. Ein Beispiel: Zu einem Bild, auf dem die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg zu sehen ist, schrieb er: "Und ich dachte Frau Tschzäpe sei in U-Haft" - in Anspielung auf eine vermeintliche Ähnlichkeit mit NSU-Terroristin Beate Zschäpe. 

Kurz nach der Veröffentlichung löschte Stegner den Tweet - und entschuldigte sich für Fehlgriff und Geschmacklosigkeit. Er habe weniger als zehn Mal etwas löschen müssen, sagt Stegner. Vom ersten Gedanken bis zum Absenden eines Tweets gebe es gelegentlich eine gewisse Verzögerung, sagt Stegner. Aber "manchmal ist das auch gleichzeitig".

Morddrohungen in den sozialen Netzwerken

Anfangs war die Reaktion auf einen umstrittenen Stegner-Tweet oft eine empörte Pressemitteilung vom politischen Gegner. Wenn sich heute jemand angegriffen fühlt - gerade aus dem politischen Rechtsaußen-Lager -, gibt es schnell einen sogenannten Shitstorm. Stegner sagt, ihn ficht das nicht an. "Das sind ja nicht mal Stürmchen im Wassergläschen. Das ist ja ein schlechter Scherz." Wer davor davonlaufe, dem sei nicht zu helfen. Einmal allerdings war es ihm doch zu viel: Anfang 2016, da gingen in seinen Profilen auf Twitter und Facebook vermehrt anonyme Morddrohungen ein. Er schaltete die Behörden ein, löschte die entsprechenden Kommentare und forderte eine Debatte über die Anonymität im Netz.

Der Anfang: "Da gibt es dieses Twitter"

Dabei hatte es eigentlich ganz harmlos angefangen mit Stegners Twitterei - mit Tweets von einem Parteitag am 18. Oktober 2008. In Karlsruhe wurde der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum SPD-Kanzlerkandidaten gewählt. In einem seiner ersten Tweets schrieb Stegner: "Er wird ein guter sozialdemokratischer Kanzler!". Stegner erinnert sich heute noch gut an seine ersten Gehversuche in dem damals noch recht unbekannten sozialen Netzwerk. "Mein damaliger Pressesprecher kam auf dem Parteitag zu mir und sagte: ‚Du, da gibt es dieses Twitter, das solltest du auch machen'." Heute sind Twitter und Facebook für Stegner "einfach Teil des Handwerkszeugs".

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.03.2019 | 18:00 Uhr

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