Ein älterer Herr und eine Frau halten ein Heft in der Hand und blicken in die Kamera.  Foto: Linda Bande

Plattdeutsch an Schulen: Früher verboten, heute gefördert

Stand: 06.02.2022 06:00 Uhr

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Plattdeutsch aus vielen Schulen in Schleswig-Holstein, auch bedingt durch die Heimatvertriebenen. Heute steht die Regionalsprache oft sogar fest im Stundenplan.

von Lina Bande

Bequeme orangefarbene Drehstühle statt den alten, knarzenden Holzmodellen. Kreide und Schwamm haben ausgedient, dafür hängen in allen Klassenräumen interaktive Tafeln. Die Gemeinschaftsschule Mildstedt in Nordfriesland ist mittlerweile ziemlich gut ausgestattet. Da muss Uwe Carstens erst mal seinen Blick schweifen lassen. So sah es zu seiner Zeit als Schulleiter in Langenhorn noch nicht aus.

Erst in der Schule Hochdeutsch gelernt

Der 86-Jährige ist in Wanderup aufgewachsen, wurde während des Zweiten Weltkriegs eingeschult. "Bi uns wurr blots Plattdüütsch schnackt, ik hebb miene Öllern nie Hoochdüütsch schnacken hört. Un denn keem ik to School, un dor hett de Lehrer glieks seggt - mit Plattdüütsch is hier nix, du schasst man Hoochdüütsch lehrn", erzählt er. ("Bei uns wurde nur Plattdeutsch gesprochen, ich habe meine Eltern nie Hochdeutsch reden hören. Und als ich zur Schule kam, hat der Lehrer direkt gesagt - mit Plattdeutsch ist hier nichts, du musst Hochdeutsch lernen.")

Schlechtes Image wurde verbreitet

Bei Uwe Carstens zu Hause wurde aber weiterhin Platt gesprochen. Das sei dann irgendwann richtig verpönt gewesen, erinnert er sich: "Dor wurr behauptet, all de wat Plattdüütsch schnacken doon, de hebbt nich so veel in'n Kopp. Un dat is völliger Unsinn. Wer wat in'n Kopp hett, wart dat dör't Plattdüütsche nich verleren!" ("Es wurde behauptet, dass alle, die Plattdeutsch reden, nicht so viel im Kopf haben. Und das ist völliger Unsinn. Wer was im Kopf hat, verliert das durch's Plattdeutsche doch nicht.")

Über die Jahrzehnte hat sich vieles verändert

Britta Petersen hört ihrem früheren Kollegen aufmerksam zu. Sie ist Lehrerin in Mildstedt, unterrichtet mehr auf Platt- als auf Hochdeutsch. Denn sie arbeitet an einer der mehr als 40 Modellschulen im Land, an denen die Regionalsprache fest im Stundenplan steht. "Un ik geneet dat ganz dull, weil dat Spaaß maakt un weil man richtig wat mit opbuen kann un weil dat bi de Schölers ok positiv besett is", sagt sie lächelnd. ("Ich genieße das sehr, weil das Spaß macht, man richtig was mit aufbauen kann und weil das bei den Schülern auch positiv besetzt ist.")

Man wollte Heimatvertriebene nicht benachteiligen

Er beneide Britta Petersen darum, gibt Uwe Carstens zu. Als er Anfang der 70er-Jahre als Dorfschullehrer anfing, hatte die Sprache an den Schulen nach wie vor einen schweren Stand - auch, weil die Heimatvertriebenen nach dem Krieg kein Plattdeutsch sprachen. "Dormit se nich dat Geföhl harrn, dat över se schnackt wurr, hebben de Schoolleiders anoordnet - blots jümmers Hochdüütsch, ok op denn Schoolplatz." ("Damit sie nicht das Gefühl hatten, dass über sie gesprochen wurde, haben die Schulleiter angeordnet, dass nur Hochdeutsch gesprochen werden durfte, auch auf dem Schulhof.")

Mit dem Lesewettbewerb änderte sich einiges

Als er später die Schulleitung in Langenhorn übernahm, existierte dort sogar ein Sprachverbot, aufgestellt von seinem Vorgänger. Das änderte er direkt. Und auch seitens der Landesregierung gab's mittlerweile einen Erlass: dass das Plattdeutsche doch wenn möglich gefördert werden solle.

Dabei spielte der Lesewettbewerb eine große Rolle. Die Schülerinnen und Schüler von Uwe Carstens damals in Langenhorn durften natürlich mitmachen - und auch Britta Petersen setzt sich heute, mehr als 30 Jahre später, dafür ein.

Heute viele Möglichkeiten für den Unterricht

Ein Textheft zum Plattdeutschen Lesewettbewerb 1982/83.  Foto: Linda Bande
Das alte Textheft vom landesweiten Lesewettbewerb aus dem Jahr 1892/83 hat Uwe Carstens bis heute aufbewahrt.

"Dat maakt wirlich Spaaß, dat mit de Schölers to begleiten un to sehn, wie stolt de sind, wenn de nachher dor op de Bühn sitten un glänzen köönt", erzählt sie. ("Das macht wirklich Spaß, die Schüler dabei zu begleiten und zu sehen, wie stolz sie sind, wenn sie dann auf der Bühne sitzen und glänzen können.")

Sie hat mittlerweile auch verschiedene Schulbücher zur Verfügung, die sie ihrem pensionierten Kollegen gerne zeigt: "Bi't Ünnerichtsprinzip klau ik bi de Englischlehrers. Dat is wirklich so de glieke Didaktik un Methodik, dat dat as en Fremdspraak ünnerichtet wart." ("Beim Unterrichtsprinzip klaue ich bei den Englischlehrern. Das ist so die gleiche Didaktik und Methodik, dass das wie eine Fremdsprache unterrichtet wird.")

Froh über den Wandel

Uwe Carstens ist davon so begeistert, dass er am liebsten nochmal eine Stunde Unterricht geben würde. Und er freut sich, dass die Stunden dafür nun fest eingeplant sind. "Wi hebbt dat domals afknappst, wenn man so will. Dat is schön, dat de Minschen en Licht opgahn is, wie wichtig dat is, dat dat Plattdüütsche erholen blifft." ("Wir mussten das damals irgendwo abknapsen. Es ist sehr schön, dass den Menschen jetzt ein Licht aufgegangen ist, wie wichtig es ist, dass das Plattdeutsche erhalten bleibt.")

Weitere Informationen
Schild mit der Aufschrift "Moin" © fotolia Foto: DOC RABE Media

Dit und Dat op Platt

Hier finden Sie alle gesendeten Beiträge, Audios und Videos der plattdeutschen Sendungen in einem Archiv. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 16.08.2021 | 20:10 Uhr

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