Pioniere der Hospizarbeit: Haus Porsefeld feiert Jubiläum

Stand: 25.05.2022 20:43 Uhr

Vor 26 Jahren wurde in Rendsburg das erste stationäre Hospiz in Schleswig-Holstein eröffnet. Damals gab es Protest, viele Anwohner wollten den Tod nicht in ihrer Nachbarschaft haben. Seitdem hat sich viel geändert.

von Malin Girolami

Früher haben die Menschen mit Befremdung reagiert, wenn sie von ihrem Beruf erzählt hat, sagt Sybille Jeske. Das Tabuthema "Tod" war noch viel größer. Sie leitet das Hospiz Haus Porsefeld in Rendsburg und sorgt dafür, dass es den 25 Teammitgliedern, zehn Patienten und ihren Angehörigen so gut wie möglich geht.

Als die Idee Mitte der 1990er Jahre aufkam, waren nicht alle von einem Hospiz mitten in der Stadt begeistert. Die Menschen wollten nicht jeden Tag einen Leichenwagen in der Nachbarschaft sehen und so an die Sterblichkeit erinnert werden. Heute sei da viel Interesse für Ihre Arbeit und auch Respekt, erzählt Sybille Jeske. In der Stadt sei man stolz auf das Hospiz.

Rituale zum Abschied

Sybille Jeske sitzt an einem Schreibtisch und lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Malin Girolami
Sybille Jeske ist die Leiterin Hospiz Hauses Porsefeld.

Die Atmosphäre in dem roten Backsteinhaus mitten in Rendsburg ist ruhig. Fast heiter. Auch wenn heute im Foyer wieder eine Kerze brennt. Der Herr aus Zimmer vier ist in der Nacht verstorben. Sybille Jeske stellt einen hölzernen Engel vor seine Zimmertür. Ein Ritual vor allem für die Pflegekräfte. Denn die Menschen, die hier gepflegt werden, sind da, um in Ruhe und in Würde zu sterben. Der Abschied gehört dazu und ist doch keine Routine.

Gute Küche für Patienten und Nachbarn

Frischer Spargel mit Kartoffeln, Hollandaise und Schinken. Danach Apfelcrumble und eine Kugel Vanilleeis. Dustin Andresen war früher Hotelkoch. Seit September arbeitet er im Hospiz Haus Porsefeld in Rendsburg. Er kocht mit Hingabe und viel Butter für die zehn Patienten und Patientinnen dort. Auch wenn die meisten nur eine halbe Portion schaffen, ist er glücklich mit dem neuen Job. Die Stimmung in der Küche ist fröhlich, die Menschen, die er bekocht, sind oft dankbar. Gerade wenn er kleine Extra-Wünsche erfüllt.

Fast jeden Mittag kommen auch zusätzlich Gäste aus der Nachbarschaft vorbei. Meist Rentner, die sonst alleine wären und im Wintergarten des Hospizes gemeinsam essen. Vor Corona waren die Türen immer offen. Über die Jahre und durch viele Begegnungen haben sich Ängste und Vorbehalte in der Nachbarschaft abgebaut.

Eigener Rhythmus statt Krankenhausroutine

Eine Person sitzt zum Übergabegespräch in ihrem Zimmer im Hospiz. © NDR Foto: Malin Girolami
Herr Hansen sitzt in seinem Zimmer im Hospiz.

Herr Hansen ist nach einer Lungentransplantation hier. Die hat ihm sechs Jahre seines Lebens geschenkt, erzählt er. Doch nach einer Infektion konnte er sich nicht mehr erholen. Jetzt ist er im Hospiz. Dort ist die Bettwäsche bunt, und er muss anders als im Krankenhaus keine Visiten und Blutabnahmen mehr über sich ergehen lassen.

Er sei den Pflegern hier dankbar, alle wäre so nett und hilfsbereit. Außerdem dürfen seine Frau und seine Kinder vorbeikommen, wann immer sie wollen. Feste Besuchszeiten gibt es nicht. Wer hier einzieht, kann seinen eigenen Rhythmus leben. Ausschlafen, wenn er möchte. Den Spargel isst Herr Hansen im Sessel. Es schmeckt, sagt er.

Anspruchsvolle Pflege, intensive Gespräche

Um halb zwei wechseln Früh- und Spätschicht. Eine Stunde dauert die Übergabe. Viel mehr Zeit als in einem regulären Krankenhausbetrieb. Alles, was in der Nacht und am Vormittag passiert ist, wird besprochen. Zu dritt beziehungsweise zu viert sind sie für die zehn Patienten da. An diesem Vormittag hat es außerdem eine Überraschung gegeben. Eine ehemalige Patientin ist vorbeigekommen. Sie war wegen eines Hirn-Tumors im Hospiz, konnte sich kaum bewegen. Dann hat eine Bestrahlung angeschlagen und die junge Frau hat sich erholt. Die Freude über diesen Besuch ist groß im Team, auch wenn das eher die Ausnahme ist.

Alle Pflegekräfte hier haben zusätzlich eine Palliativausbildung. Zum pflegerischen Standardprogramm kommen Gespräche: über den Tod und über Ängste. Da müsse man ehrlich bleiben, sagt Olaf Schlossbauer. Er selbst ist seit fast 25 Jahren Pfleger im Hospiz Haus Porsefeld. Ungewöhnlich lang sei das für die Palliativpflege, weil die Arbeit psychisch anspruchsvoll sei. Doch ihm bringe genau das Spaß. Die ständige Konfrontation mit dem Tod könne das Leben auch bereichern.

Akzeptanz auch bei den Krankenkassen

Zu Beginn waren die Hospize auf Spenden angewiesen. Mittlerweile übernehmen die Krankenkassen mit 95 Prozent einen Großteil der Kosten. Der Rest kommt weiterhin von Spenden. Auch sind es längst nicht mehr ausschließlich Krebspatienten, die in ein Hospiz gehen. Sondern beispielsweise auch Menschen mit Lungenerkrankungen, so wie Herr Hansen.

Die meisten sind zwei Wochen da, manche länger, manche kürzer. Viele ziehen sich bewusst in ihre Zimmer zurück. Schlafen viel und konzentrieren sich auf sich und ihre Angehörigen. Kommen zur Ruhe, werden leise. Und leiser. So beschreiben es die Pflegekräfte.

Feier zum Jubiläum

Das Jubiläum zum 25 Geburtstag des ersten Hospizes in Schleswig-Holstein haben sie in Rendsburg im vergangenen Jahr nicht feiern können - wegen Corona. In diesem Jahr soll es nachgeholt werden. Ganz bewusst mit einer fröhlichen Party und vielen Gästen. Auch, um zu zeigen, dass dieser Ort in die Mitte der Gesellschaft gehört. Aber auch um allen Team-Mitgliedern, Helfern, Angehörigen und Patienten Danke zu sagen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.05.2022 | 19:30 Uhr

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