Pflegeheime: Schnelltests halten "den Laden am Laufen"

Stand: 14.11.2020 06:00 Uhr

Pflegeheime sollen ihre Beschäftigten regelmäßig auf Corona testen. Für die Einrichtungen bedeutet das mehr Aufwand - aber auch mehr Sicherheit.

Von Constantin Gill und Julia Schumacher

5 Uhr morgens im Landhaus Nis Puk in Klanxbüll. Die Schiebetür der Pflegeeinrichtung geht auf. Pflegefachkraft Sina Hobusch empfängt die erste Kollegin. "Wie willst Du es haben?"

Die Kollegin entscheidet sich für eine Entnahme aus dem Rachen. Sina Hobusch führt das Stäbchen in den Mund ihrer Kollegin ein. Dann kommt die entnommene Speichelprobe für zwei Minuten in eine Flüssigkeit - die Testlösung. Drei Tropfen von dieser Lösung träufelt sie dann auf ein Loch auf dem kleinen Schnellteststreifen selbst - und nach weiteren 15 Minuten warten ist das Ergebnis sichtbar: nur der Kontrollstreifen ist zu sehen, der Test ist negativ. Die Kollegin kann ihren Dienst beginnen. Und Sina Hobusch nimmt den nächsten Kollegen in Empfang.

Sie trägt dabei Schutzkleidung- und Brille, Maske und Handschuhe. Die Schnelltests dürfen nur von geschultem Pflegefachpersonal durchgeführt werden. Im Landhaus Nis Puk haben Ärzte die Pflegefachkräfte geschult.

Schnelltests bedeuten mehr Arbeit für Pflegefachkräfte

Zwar sind die Antigen-Tests, mit denen Pflegeeinrichtungen ihre Beschäftigten neuerdings regelmäßig testen sollen, nicht so verlässlich wie die sogenannten PCR-Tests. Für ein positives Ergebnis braucht es eine größere Virusmenge als beim empfindlicheren PCR-Test. Doch sie sollen helfen, den Heimen und ihren Bewohnern etwas mehr Sicherheit zu bringen. Sie sind als Vortest gedacht, sprich: Wird jemand positiv getestet, dann muss ein "richtiger" Test folgen - also ein PCR-Test.

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Corona-Schnelltests für Pflegeheime

Jörg Henningsen vom Pflegeheim Landhaus Nis Puk in Klanxbüll erklärt, wie groß der Aufwand für die Durchführung ist. 3 Min

Das Gesundheitsministerium empfiehlt den Pflegeeinrichtungen, die Mitarbeiter alle ein bis zwei Wochen zu testen. Im Landhaus Nis Puk finden die Tests bei den Beschäftigten, die Kontakt zu den Bewohnern haben, sogar täglich statt. Die Bewohner werden einmal pro Woche "durchgetestet" - was bei 39 Bewohnern und 20 Minuten pro Test insgesamt 13 Stunden Zeit in Anspruch nimmt. Besuch wird vor jedem Betreten getestet. Insgesamt bedeutet das Testen viel Aufwand: "Wir haben für jeden die Dienstzeit um 30 Minuten verlängert, um das zu organisieren", sagt Heimleiter Jörg Henningsen.

Schutz der Bewohner geht vor

Henningsen geht davon aus, etwa 1.000 Tests im Monat zu brauchen. Ob er alle Kosten erstattet bekommt, steht noch nicht fest. Laut Testverordnung des Bundes müssten ihm 780 zustehen, 20 pro Bewohner und Monat. Sein Konzept muss nun das Gesundheitsamt genehmigen, erst dann ist die Refinanzierung für alle Tests gesichert - und nur dann übernehmen die Kassen alle Kosten.

Es könnte also sein, dass er auf den Kosten für mehr als 780 Tests sitzen bleibt. Henningsen will aber so oder so an seinem Konzept festhalten: "Ob alle Tests, die wir auch brauchen, refinanziert werden, ist zweitrangig, weil die Sicherheit der Bewohner vorgeht und die wirtschaftlichen Interessen dem erstmal nachfolgen."

Engpässe bei Schnelltests?

Und nicht zuletzt müssen genügend Tests verfügbar sein. Henningsen hofft auf die nächste Lieferung in ein paar Tagen. Er bekommt sie von seinem Berufsverband. Einen Mangel an Schnelltests befürchtet der Apothekerverband in Schleswig-Holstein nicht. Geschäftsführer Thomas Friedrich verweist auf die stark gestiegene Zahl an neuen Produkten auf dem Markt. Mehr als hundert sind es inzwischen.

Anette Langner, Sprecherin des Forums Pflegegesellschaft, in dem die großen Trägerverbände organisiert sind, berichtet dagegen, dass es für die Einrichtungen wegen der steigenden Nachfrage schwerer wird, die empfohlenen Tests zu bekommen - und sie auch zu einem guten Preis zu bekommen. Zumal nur maximal sieben Euro pro Test erstattet würden. Solche Preise erreicht man aber meist nur bei großen Bestellungen. Man sei aber mit dem Bund in Verhandlungen über die Finanzierung, so Langner.

Für sinnvoll hält Langner die Tests dennoch. Denn die Pflegeheime hätten lange auf eine Möglichkeit gewartet, für mehr Sicherheit zu sorgen. Auch Heimleiter Jörg Henningsen ist froh, dass es diese Möglichkeit gibt, Bewohner und Mitarbeiter besser zu schützen. Die will er nutzen, so gut es geht. So könne man "den Laden am Laufen halten", sagt er. "Als die zweite Welle auf uns zukam, waren wir ein bisschen nackt, weil wir ja - neben den Hygienemaßnahmen - kaum Möglichkeiten hatten, unsere Bewohner zu schützen." Man habe das Heim auf keinen Fall schließen wollen. Die Schnelltests ermöglichten das jetzt, so Henningsen.

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