Pflegedienste: Die Löhne steigen, die Probleme bleiben

Stand: 09.08.2022 20:51 Uhr

Die Pflegerinnen und Pfleger sollen ab September mehr Geld bekommen. Das Problem: Die Patientinnen und Patienten sollen die Mehrkosten großteils selber tragen. Schleswig-Holsteins Sozialministerin Aminata Touré spricht von einer "nicht ausgereiften Finanzierung".

Pflegeberufe sollen attraktiver werden. Ein wichtiger Baustein ist die Bezahlung. Die alte Bundesregierung hatte deshalb im vergangenen Jahr ein Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung beschlossen. Danach muss, wer in der Pflege arbeitet, ab dem 1. September nach Tarif oder zumindest tarifähnlich bezahlt werden. Das Problem ist, damit steigen auch die Kosten für diejenigen, die gepflegt werden - ob zu Hause oder in einer Einrichtung. Zuschüsse von den Pflegekassen gibt es nur für diejenigen, die in stationärer Pflege sind - und zu Pflegebeginn zunächst nur fünf Prozent.

Touré: Keine ausgereifte Finanzierung

Das ist nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) zu wenig. "Es ist keine ausgereifte Finanzierung und deswegen bin ich auch der Meinung, dass der Bund an der Stelle definitiv noch nachbessern muss. Wir sind der Überzeugung, dass man beispielsweise 25 Prozent der Eigenanteile mitfinanzieren sollte seitens des Bundes", sagte sie. Ein entsprechender Antrag an den Bund sei in Arbeit. Mit Blick auf all die Herausforderungen, die aktuell zeitgleich stattfänden, sei dies eine echte Entlastungsmaßnahme. Die Ministerin betonte, wer mit der finanziellen Situation durch die steigenden Pflegekosten überfordert sei, könne sich an das Sozialamt wenden oder Pflegewohngeld beantragen.

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Beispiel aus einer Pflegeeinrichtung

Daniel Schöneberg, Geschäftsführer der Pflegeheime Riedel GmbH mit Einrichtungen in Bad Oldesloe und Rümpel im Kreis Stormarn, berichtet, seine Personalkosten hätten sich durch die neuen Regelungen um etwa 21 Prozent erhöht. Grundsätzlich sei es gut, dass Pflege jetzt das bekomme, was sie wert sei, meint er. Aber es sei eben auch schwierig.

Ein Beispiel aus seinem Haus: Wer mit Pflegegrad drei bei der Riedel GmbH versorgt wird, musste bisher monatlich etwa 2.100 Euro zahlen. Ab dem 1. September sind es mehr als 2.600 Euro. Das sind etwa 24 Prozent mehr. Bei Pflegegrad zwei erhöht sich der monatliche Eigenanteil sogar um rund 32 Prozent. Schöneberg hofft, dass er und die Bewohnerinnen und Bewohner mehr Unterstützung von den Pflegekassen bekommen.

Unterstützung für ambulante Pflegedienste?

Seit Jahresbeginn gibt es Zuschüsse von den Pflegekassen. Diese sind gestaffelt und richten sich danach, wie lange die Bewohnerinnen und Bewohner schon in einer Einrichtung sind. Wer noch nicht so lange da ist, bekommt weniger. Die Diakonie in Schleswig-Holstein, die einige Einrichtungen betreibt, sieht da ein Problem: Viele Menschen seien älter und noch nicht lange genug in einer Pflegeeinrichtung, um von den Zuschüssen zu profitieren. Ähnlich sieht es auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Er kritisiert, dass diese Zuschüsse nur Menschen bekämen, die in stationärer Pflege seien. Wer eine Pflegekraft zu Hause benötige, der bekomme keine Unterstützung, müsse aber trotzdem mehr Geld bezahlen oder Leistungen, wie die Hilfen beim Waschen, kürzen.

Stundenlohn in der Pflege steigt - keine Hilfe

Auch bei den Pflegekräften hält sich die Freude über den steigenden Stundenlohn momentan noch in Grenzen. Der steigt im Kreis Segeberg ab dem 1. September von jetzt 18,50 Euro auf fast 24 Euro. "Die Befürchtung ist einfach, dass die Klienten mit ihren Leistungen abspringen, oder sie reduzieren. Für uns als Personal heißt das, dass wir noch mehr Klienten aufnehmen müssen, damit wir das, was wir im Monat brauchen auch da ist. Für uns heißt das Mehrarbeit, weil die Arbeit auch wieder aufgefangen werden muss."

"Existenzgefährdend" für ambulante Pflegedienste

Für viele ambulante, aber auch stationäre Pflegedienste im Land sei das existenzgefährdend, erklärt Pflegedienstleiter Michael Schoop: "Das Problem dabei ist, dass uns gerade in der ambulanten Pflege die Preise, die wir für unsere Leistungen nehmen dürfen, vorgegeben werden und jetzt per Gesetz eben die Kosten, die wir haben dürfen, oder müssen. Dadurch werden die ambulanten Pflegedienste wirtschaftlich ins Minus fallen."

Ob das alles so bleibt, bleibt abzuwarten: Alle Beteiligten, die sich gegenüber NDR Schleswig-Holstein geäußert haben, fordern Nachbesserungen vom Bund: Mehr Unterstützung für die Pflegekassen, damit die wiederum die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen besser entlasten können.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.08.2022 | 19:30 Uhr

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