Palliativnetz Horizont in Rendsburg - Leben bis zum Schluss

Stand: 23.10.2021 06:00 Uhr

Der Mann von Claudia Jürgens ist im Juni an seiner schweren Krebserkrankung gestorben. Das Palliativnetz Horizont stand der Familie in der schweren Zeit bei.

von Janina Harder

Claudia Jürgens sitzt mit ihren Kindern am Esstisch in ihrer Rendsburger Wohnung. Zusammen schauen sie sich Fotos an, aus glücklicheren Tagen. Vier Monate ist es nun her, dass ihr Mann Thorsten im Alter von 57 Jahren gestorben ist. Gemeinsam lässt die Familie noch einmal Revue passieren, wie es ihr seitdem ergangen ist. "Anfangs ist das ja immer so ein Gefühl, als wenn er nur im Urlaub wäre, und er würde gleich wieder zur Tür reinkommen. Das ist so endgültig", sagt die Mutter Claudia Jürgens. Beim 25 Jahre alten Sohn Colin kommt die Traurigkeit über den Tod seines Vaters "immer zwischendrin mal schwallartig, wenn man Musik hört, die er mal gehört hat." Er tröstet seine jüngere Schwester Casey, die mit ihren Tränen kämpft.

Diagnose: Leberkrebs und Gallengangskrebs im Endstadium

Alles hatte im Sommer 2020 damit angefangen, dass sich Thorsten Jürgens schwach fühlte, immer dünner wurde und weniger belastbar war. Ein Arzt stellte Wassereinlagerungen fest, daraufhin kam Thorsten Jürgens sofort ins Krankenhaus. "Der junge Arzt hat uns angeschaut und uns dann gesagt, dass uns eine sehr schwere Zeit bevorstehen wird", erinnert sich die Rendsburgerin. Für Claudia Jürgens und ihren Mann war es eine Hiobsbotschaft: Die Diagnose lautete Leberkrebs und Gallengangskrebs im Endstadium. "Wir waren beide geschockt, mein Mann natürlich erst recht. Wir haben teilweise nächtelang darüber gesprochen, um das zu verarbeiten und uns gegenseitig Hoffnung gemacht, dass es doch anders ausgeht", erinnert sich Claudia Jürgens. Fast zeitgleich zur Diagnose erhielt Thorsten Jürgens auch eine weitere Nachricht: Er wird zum ersten Mal Großvater. Unbedingt wollte er seinen Enkel noch kennenlernen.

Familie zunächst auf sich gestellt

Mit einer Chemotherapie wollten die Ärzte sein Leben verlängern. Doch die Behandlung hat Thorsten Jürgens schlecht vertragen - nach einem halben Jahr entschied er sich, die Chemo abzubrechen. Thorsten Jürgens hat sich im März dieses Jahres filmen lassen und über diese schwere Zeit gesprochen. Die Filmaufnahmen liegen dem NDR vor und dürfen in Absprache mit der Familie verwendet werden. Thorsten Jürgens sagte damals: "Schon nach der zweiten Chemotherapie habe ich gemerkt, dass meine Beine angeschwollen sind, die Füße angeschwollen sind und wir wirklich nicht mehr wussten, was wir noch machen sollen." Was kommt dann?

"Dann sitzt man da - und diese Entscheidung bedeutet ja auch was", sagt Claudia Jürgens. "Das ist ja der sichere Tod und ich fühlte mich unheimlich alleingelassen." Alleingelassen von den Ärzten, von der Klinik. Vollkommen auf sich gestellt, so beschreibt die Familie die folgende Zeit. Für Claudia Jürgens eine Situation, die schwer zu verkraften war. Mit den eigenen Ängsten und der Trauer konfrontiert zu sein und gleichzeitig die gesamte Pflege zu übernehmen und drumherum alles zu organisieren - das war nicht leicht. Vor allem, wenn ein naher Angehöriger dazu noch stark unter den Schmerzen seiner unheilbaren Krankheit leidet. Sie recherchierte daraufhin im Internet, stieß auf das Palliativnetz Horizont in Rendsburg.

Palliativmedizin wenig präsent im Bewusstsein

Eine Hospizmitarbeiterin hält die Hand eines todkranken Menschen, der im Hospiz im Bett liegt © picture alliance/dpa | Felix Kästle Foto: Felix Kästle
Psychoonkologen nehmen sich häufig bereits im Krankenhaus der Betroffenen an und sprechen mit ihnen über die Erkrankung und deren Folgen.

Ute Lieske, Geschäftsführerin des Palliativnetzes Horizont, erinnert sich; "Frau Jürgens hat eine Mail an unser Palliativnetz gesendet und um Hilfe gebeten. Hat ihre Situation beschrieben und gefragt: Wer ist eigentlich zuständig? Sind wir richtig hier? Sind wir palliativ genug, um überhaupt versorgt zu werden?". Das seien die häufigsten Fragen. Lieske vermutet, dass das Wort "palliativ" in den Köpfen der Menschen ausschließlich mit dem Zustand kurz vor dem Lebensende in Verbindung gebracht wird.

Palliativ bedeutet aber allgemein, dass eine heilende Therapie nicht mehr möglich und die Lebenserwartung begrenzt ist. Schwerstkranke Menschen und Sterbende haben Anspruch auf eine palliative Versorgung. "Die Palliativmedizin hat das Ziel, die Folgen einer Erkrankung zu lindern, wenn keine Aussicht auf Heilung mehr besteht", erklärt Lieske. "Wir sind für Lebensqualität da. Und manchmal können wir noch ein ganzes Jahr gemeinsam mit dem Patienten verbringen".

Dass Familie Jürgens nicht über die Unterstützungsmöglichkeiten aufgeklärt wurde, ärgert Ute Lieske sehr, sei aber "leider ein weit verbreitetes Phänomen", sagt sie. Auf die Hilfe des ambulanten Palliativdienstes haben alle Betroffenen Anspruch, die gesetzlich versichert sind. Die Kosten werden von der Krankenkasse getragen. Die Besonderheit: Neben den Erkrankten ist das Netz auch für deren Angehörige da. Und die Patienten müssen ihre letzte Zeit nicht im Krankenhaus verbringen, wo sie seit der Corona-Pandemie noch dazu nur wenig Besuch bekommen dürfen.

Palliativnetz unterstützt auf die Bedürfnisse bezogen

Ute Lieske organisierte damals Hilfe, die auf die Bedürfnisse von Familie Jürgens bezogen waren: Über sechs Monate konnte Familie Jürgens einen Ehrenamtlichen jederzeit kontaktieren. Hatte einen Arzt und Pflegerinnen, die Thorsten Jürgens permanent zur Seite standen. Wie oft, das konnte die Familie selbst entscheiden. Ging es Thorsten Jürgens besser, kamen sie zweimal pro Woche, hatte er Schmerzen oder gab es Komplikationen, bekam er jeden Tag Besuch. Dazu eine Psychonkologin, mit der sich die Familie immer wieder über den Abschied und den Tod austauschen konnte.

"Die Psychoonkologin war für uns besonders wichtig, damit wir das Ganze überhaupt verarbeiten können - damit wir wissen, wie wir mit der Situation umgehen", erzählt Claudia Jürgens. Für jeden Bereich habe es einen kompetenten Ansprechpartner gegeben, selbst für organisatorische Fragen und Anträge an die Krankenkasse. Auch eine Notfallbox installierten die Pflegerinnen in der Wohnung der Familie, damit Palliativarzt und Pflegepersonal im Akutfall sofort auf die notwendigen Medikamente zugreifen konnten.

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Konzentration auf das Wesentliche statt Überforderung

Gerade in den letzten Tagen von Thorsten Jürgens Leben waren die Pflegerinnen und die Psychoonkologin ein Fels in der Brandung. Seine Frau hatte sich große Sorgen gemacht, ob ihre 21 bis 29 Jahre alten Kinder es unbeschadet überstehen würden, wenn sie ihren Vater sterben sehen. "Die Psychoonkologin hat mich darin bestärkt, dass es die richtige Entscheidung ist, dass mein Mann bei uns zu Hause stirbt - und wir alle in den letzten Stunden mit dabei sind, weil wir unseren Verlust so besser verarbeiten können", sagt Claudia Jürgens. Im Krankenhaus dagegen wäre er wegen der kurzen Besuchszeiten und der strikten Coronarichtlinien möglicherweise allein gestorben - oder mit nur einem Angehörigen an seiner Seite.

Der Moment des Abschieds

An einem Vormittag im Juni kam er dann, der gefürchtete und unumstößliche Moment. Die Sonne schien durch das Fenster der Rendsburger Wohnung. Alle Kinder waren da. Seinen Enkel hatte Thorsten Jürgens wenige Monate vor seinem Tod auch noch kennenlernen können. "Wir haben seine Lieblingsmusik angemacht und saßen bei ihm, auch unser großer Bruder war da", erzählt seine Tochter Casey. Der Pflegedienst kam noch einmal, gab Thorsten Jürgens ein Beruhigungsmittel.

Der Familie war es wichtig, ihm seine letzten Stunden so angenehm wie möglich zu machen. "Dadurch, dass das Palliativnetz mit ihren ganzen Helfern da war, im Hintergrund war, gab es uns eine so große Sicherheit, dass wir auch das Gefühl hatten, wir konnten uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Und konnten, es hört sich vielleicht komisch an, aber konnten diesen Moment bewusst genießen", sagt Claudia Jürgens und meint den Moment, in dem ihr Mann Thorsten gestorben ist, nur zehn Monate nach seiner Krebsdiagnose.

Betroffene automatisch auf Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen

Sohn Colin erzählt, dass die Familie an dem Tag in Ruhe und ganz bewusst Abschied genommen hat. "Wir sind nicht ans Telefon gegangen, haben erstmal niemandem Bescheid gesagt, sondern sind nach Eckernförde an den Strand gefahren, um zusammen spazierenzugehen und das, was wir erlebt haben, als Familie nachwirken zu lassen", sagt er.

Sie alle sind sich sicher, dass sie sich vor allem durch die Unterstützung des Palliativnetzes würdig verabschieden konnten. Sie wünschen sich, dass Kliniken und Hausärzte Betroffene automatisch auf das Palliativnetz hinweisen - damit es nicht dem Zufall überlassen ist, ob sich Schwerstkranke und ihre Angehörigen auf dem letzten gemeinsamen Weg gut aufgehoben fühlen können.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.10.2021 | 19:30 Uhr

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