Stand: 18.02.2018 08:00 Uhr

Nach Feuer: Ein Dorf kämpft um seinen Treffpunkt

von Kai Salander

Seit einem Monat ist es die Brandnarbe im Herzen von Schafstedt (Kreis Dithmarschen): Mitte Januar brannte dort der Landgasthof "Zur Eiche" bis auf die Grundmauern nieder. Im Dorfkern liegt nun ein Trümmerhaufen mit verkohlten Relikten des mehr als 100 Jahre alten Traditionslokals: Weiße Blumentöpfe liegen auf einer Fensterbank mit losem Mauerwerk, ein Tisch und zwei Stühle stehen inmitten zerbrochener Backsteine, schwarze Holzbalken und Fensterglasscherben liegen herum. Die weiße Waschmaschine steht im starken Kontrast zum rußgeschwärzten Hintereingang.

Schafstedt: Ein Dorf packt gemeinsam an

Platz für 120 Gäste

Mehr als 100 Jahre lang war der Gasthof ein beliebter Treffpunkt der knapp 1.300 Einwohner zählenden Gemeinde. Sie mietete den Laden für Feuerwehrfeste, Bingoabende und das alljährliche Grünkohlessen. 120 Gäste passten hinein. Es gab Hochzeitswalzer oder Polonaisen auf dem Saalparkett. DJs und Musiker spielten auf der Bühne. An anderen Tagen versackten Geburtstagsgäste am 25 Meter langen Tresen. Alles vor den Augen der Wirtin und alleinigen Eigentümerin Tessi Winkel, die alle hier beim Vornamen nennen.

In Schafstedt ist die Rede von einer ausdauernden Gastgeberin, die Fest um Fest organisierte und sich mit ihrer norddeutschen Küche bei ihren Gästen beliebt machte. Nach der Arbeit hatte sie einen kurzen Heimweg. Über den Gaststätten Flur und die Treppe hinauf - die 67 Jährige wohnte in einer Drei-Zimmer-Wohnung über dem Gästesaal. Nun stehen nur noch wenige Wände, an einer hängt noch immer ein Poster der Fußballnationalmannschaft.

Feuer schweißt Dorf zusammen

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Ein gute Freund der Wirtin: Rentner Hans Hahnkamp.

In der Gemeinde hoffen viele auf den Wiederaufbau ihres zentralen Treffpunkts. Schon während die Flammen unter dem Gasthofdach lodern, rückt Schafstedt zusammen. Die Feuerwehrfrauen schmieren Brötchen und kochen Kaffee für die 100 Einsatzkräfte. Am gleichen Abend beherbergen Nachbarn die obdachlos gewordene Wirtin in einer Ferienwohnung, wenige Hundert Meter vom Brandort. Inzwischen haben die Besitzer allen Feriengästen abgesagt - Tessi Winkel darf vorerst bis zum Jahresende bleiben. Seit dem Großbrand wohnt sie nun in einem Gästezimmer ohne Telefonanschluss. Ihr Freund, der Rentner Hans Hahnkamp, besucht sie täglich und begleitet sie bei Behördengängen. "Sie ist ja gebürtige Philippinin und versteht deshalb nicht jedes Wort Amtsdeutsch, deshalb helfe ich ihr. Außerdem hat sie weder Auto noch Führerschein, also fahre ich sie zum Einkaufen", erklärt Hahnkamp. Tessi Winkel selbst ist nicht zu sprechen - sie hat Grippe und gibt deshalb keine Interviews.

Kicken für Kohle

Auch die 34 Vereine im Ort zeigen sich solidarisch und sammeln Spendengelder. Die Fußballer vom TSV Schafstedt eröffnen das Spendenkonto "Hilfe für Tessi" und veranstalten ein Benefizturnier in der Albersdorfer Sporthalle, 1.000 Euro kommen zusammen. Die Kicker der SG Geest 05 gewannen 200 Euro bei den Hallenkreismeisterschaften und spendeten ihr Preisgeld. Die Freiwillige Feuerwehr sammelte 500 Euro bei ihrer Jahreshauptversammlung und überwies die Finanzhilfe. An der örtlichen Tankstelle scheppert derweil die Solidarität zu Hof und Wirtin im Spendenkarton. Er steht auf der Theke. "Einige Kunden werfen auch mal einen Fünf- oder Zehneuroschein rein", berichtet Kassierer Ole Benthien. Auf der Box - ein großer schwarzer Schriftzug "Hilfe für Tessi" - darunter in rot die Daten des Spendenkontos. Bürgermeister Harald Mahn ist beeindruckt: "Ich werde ja auch angesprochen seitens der Bevölkerung, aber auch von Bürgermeisterkollegen und Nachbargemeinden, dass ein Verein gegründet worden sei. Das bekräftigt uns als Gemeinde, Tessi zu unterstützen bei dem Wiederaufbau."

Schafstedt baut auf Wirtin

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Die Gemeindevertreter wollen einen Wiederaufbau des Gasthofs unterstützen.

Konkrete Zukunftspläne schmieden Mahn und acht Gemeindevertreter in einer nicht-öffentlichen Sitzung, einen Monat nach dem Feuer. Stundenlang diskutieren sie im Feuerwehrgerätehaus über Tessi Winkels Wünsche. Der Bürgermeister erklärt: Die Wirtin will den Wiederaufbau des Gasthofs seitens der Gemeinde absichern lassen. Die Gemeinde kann ihr entgegenkommen und fasst zwei Beschlüsse: Sollte sich Winkel für den Wiederaufbau entscheiden, werde die Gemeinde Geld für den Inventarkauf bezuschussen - beispielsweise für Stühle. Zudem hat sich Schafstedt dazu bereit erklärt, den künftigen Landgasthof zu übernehmen. Sollte Winkel ihn krankheits- oder altersbedingt aufgeben müssen, zahlt die Gemeinde ihr eine Abfindung. Bürgermeister Harald Mahn ist ob des Wiederaufbaus optimistisch: "Die Signale sind im Moment so positiv, dass ich davon ausgehe. Ich freue mich, wenn die ersten Winkelböcke stehen." Einen Zeitplan habe die Gemeinde noch nicht.

Trümmer gehen - Schock bleibt

Auch Tessi Winkel blickt offenbar positiv in die Zukunft. "Sie hat eigens Grundrisse für einen Gasthof gezeichnet, steht mit Architekten im Gespräch und hat sich bereits andere Gaststätten angesehen", berichtet Mahn. Nun werde ein Abbruchunternehmen gesucht. Es soll die Trümmer räumen. Vorab haben bereits Feuerwehrleute in Schutt und Asche nach unversehrtem Inventar gewühlt - sie bargen Pokale, Plaketten und Urkunden des Spielmannszugs sowie eine Fahne des ehemaligen Gesangsvereins. Anna Kock wohnt direkt gegenüber der Ruine, feierte ihre Hochzeit im Landgasthof und kann sich offenbar immer noch nicht an den Anblick der Trümmer gewöhnen. "Jeden Abend gucke ich nochmal rüber, nur um zu sehen, ob bei Tessi noch Licht brennt."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 16.02.2018 | 07:40 Uhr

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