Stand: 13.09.2019 16:22 Uhr

Mit 80 in der WG: Scherf spricht im Altenparlament

von Sabine Alsleben

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Henning Scherf im Landeshaus in Kiel: "Eine von uns wurde plötzlich schwer krank. Sie wollte zu Hause bei uns bleiben. Und wir haben es wirklich hinbekommen, dass sie in den zwei Jahren Krankheit nie alleine war.

Kurz nach 9 Uhr am Freitag im Landeshaus in Kiel: ein großer, schlanker Mann betritt das Foyer und begrüßt jeden, an dem er vorbei geht, mit Handschlag. "Am liebsten umarme ich sogar jeden", sagt er später. Dieser Mann ist Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister von Bremen, 80 Jahre alt. Eingeladen wurde er anlässlich des Altenparlaments, das zum 31. Mal tagt. Einmal im Jahr nehmen schleswig-holsteinische Senioren in den Sesseln der Abgeordneten Platz und diskutieren über "ihre" Themen. Henning Scherf übernimmt als Gastredner den Auftakt.

Freunde kauften 1987 ein Haus

In diesem Jahr sollen drei Arbeitskreise gebildet werden. Die Themen: Soziale Teilhabe und Ehrenamt, Armut und Absicherung sowie Wohnen und Quartier. Dieses letzte Thema liegt Henning Scherf besonders am Herzen. Der 80-Jährige wohnt seit drei Jahrzehnten mit Freunden in einer Wohngemeinschaft. Zusammen haben sie 1987 ein altes Haus gekauft und - genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten - umgebaut.

Jeder wohnt in einer eigenen Wohnung - und doch sind sie eng zusammen und füreinander da. "Das ist so toll", schwärmt Scherf. "Es ist sogar genug Platz für unsere Verwandten, wenn sie uns besuchen kommen. Der Garten ist grün. Von sieben Autos haben wir uns inszwischen auf eins reduziert, das wir uns teilen."

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Frühstück am Sonnabend ist Pflicht

Den Freunden war damals klar: Sie wollen nicht einsam alt werden. Deswegen entschieden sich sich für diese Form des Zusammenlebens. An diesem Vormittag erzählt Scherf von seinen Erfahrungen und Erlebnissen. Denn das ist die Angst, die auch viele der 84 Zuhörer aus Gewerkschaften, Seniorenräten und Sozialverbänden kennen - Einsamkeit im Alter.

Scherf erzählt: "Natürlich ist nicht immer alles toll. Auch wir streiten, aber wir kennen uns so gut, dass wir drüber reden können. Wir haben einen Pflichttermin in der Woche: das Frühstück am Samstag. Dort sprechen wir über Konflikte und Planungen."

Scherf pflegte totkranke Mitbewohnerin

Wenn Henning Scherf spricht, fesselt er alle Zuhörer. Und dann gibt es diesen Moment, in dem alle noch einmal aufmerksamer werden. "Eine von uns wurde plötzlich schwer krank. Sie wollte zu Hause bei uns bleiben. Und wir haben es wirklich hinbekommen, dass sie in den zwei Jahren Krankheit nie alleine war. Wir haben uns abgewechselt und so kam es auch, dass ich nach einem anstrengenden Tag bei ihr schlief. Allein dieses Dasein hat sie beruhigt und ihr die Angst genommen."

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Rat des 80-Jährigen: Zum Bürgermeister gehen

Die Senioren im Plenarsaal nicken. Aber vielen ist anzusehen, dass sie sich nicht vorstellen können, wie das für sie selbst funktionieren kann. Einer der Anwesenden fragt: "Ist da nicht die Politik in der Verantwortung, Strukturen zu schaffen, um Einsamkeit im Alter zu verhindern?" Der ehemalige Bürgermeister von Bremen stimmt zu. Aber: "Man kann da nicht immer alles auf den Bund abwälzen. Die entscheidene Ebene ist die kommunale Ebene. Gehen Sie zum Bürgermeister und sagen Sie: 'Kümmern Sie sich'. Dafür müssen die Gemeinden aber auch finanziell besser aufgestellt werden."

"Zusammenleben mit jungen Leuten finde ich anregend"

Von einer reinen Alten-Wohngemeinschaft rät Scherf aber dringend ab. "Ich bin für Mehrgenerationenhäuser. Das Zusammenleben mit jungen Leuten finde ich anregend. Da profitieren doch beide Seiten von." Aktuell lebt in dem Haus von Scherf und seinen Freunden eine nigerianische Familie mit zwei Kindern. Auch dank der Senioren sprechen die Kinder inzwischen perfekt Deutsch, gehen aufs Gymnasium und sind dort mit die Besten.

Er erinnert auch an den Fachkräftemangel

So ein Wohnkonzept sei eine wirkliche Alternative zu Heimen. Scherf hat von amerikanischen Studien gehört, die besagen, dass Menschen in Heimen zehn Jahre eher sterben als Senioren, die zu Hause oder in anderen Modellen wohnen. Dieses Wohnen mit Freunden, noch dazu mit mehreren Generationen, sei perfekt für die meisten Senioren geeignet, findet Scherf - und erinnert auch an den Fachkräftemangel.

Vertreter von "Jugend im Landtag" lauschen gespannt

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Maxim Loboda, Falk-Ringo Finger, Glenn Depta (v. l.) gehören zur "Jugend im Landtag" und wollen beim Altenparlement Input bekommen und Input geben.

Senioren, Wohnen im Alter, Altersarmut - das alles klingt für einige der Gäste im Landeshaus noch weit weg. Vertreter von "Jugend im Landtag", dem Pendant des Altenparlaments für Jugendliche, sind zu Gast. "Alter ist eine Chance, das ist die Hauptbotschaft, die ich aus dem Vortrag von Herrn Scherf ziehe", sagt Maxim Loboda aus Lübeck, 19 Jahre alt.

Glenn Depta aus Ahrensburg pflichtet ihm bei: "Gerade jetzt in den Arbeitsgruppen können beide Seiten profitieren. Wir Jüngeren und die Älteren. Wir haben einfach einen anderen Blickpunkt auf die Debatten. Gerade der Punkt 'Wie schafft man bezahlbaren Wohnraum?' interessiert mich persönlich sehr."

Der 18-Jährige fand das Konzept von Henning Scherf sehr überzeugend und könnte sich das auch für sich selbst im Alter vorstellen. Für den 16 Jahre alte Falk-Ringo Finger aus Wahlstedt steht fest, das er auf keinen Fall ins Altersheim gehen wird. "Mein Opa ist 80 und wohnt auch immer noch zu Hause. So soll es mir später auch gehen."

Scherf rät zu einer Immobilie auf dem Land

Damit es jedem auch wirklich so gehen kann, bedarf es einiger Vorbereitungen. Henning Scherf war 50 Jahre alt, als er sich mit seinen Freunden für das gemeinsame Wohnen entschied. Wichtig sei es, so Scherf, Menschen zu finden, bei denen die Chemie stimmt. "Wenn man die gefunden hat, muss man sich umgucken, wo es eine passende, bezahlbare Immobilie gibt. Und die gibt es auf dem Dorf. Es gibt leerstehende Gasthöfe, Pensionen, Bäckereien. Und wenn das klappt, dann hat man nicht mehr das Gefühl, am Rand der Gesellschaft zu sein. Dann ist man mittendrin. Das hält jung."

Kaum jemandem glaubt man das so sehr, wie dem 80-jährigen Henning Scherf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.09.2019 | 16:00 Uhr

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