Stand: 13.11.2018 10:41 Uhr

Missbrauch: "Umgang mit Opfern oft desaströs"

Ahrensburg, die Stadt vor den Toren Hamburgs, steht für den größten Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche. Pastor Dieter K. hat in seiner Gemeinde von den 1970er- bis 1990er-Jahren Mädchen und Jungen missbraucht. Dutzendfach, auch die eigenen Stiefsöhne. 2010 wurde der Missbrauchsskandal öffentlich, doch die Aufarbeitung dauert immer noch an.

Betroffene wie Anselm Kohn von der Initiative "Missbrauch in Ahrensburg" sprechen auch heute noch von Mängeln im Umgang mit den früheren Opfern. Wer warum wieviel Entschädigung bekommt, ist seiner Meinung nach nicht transparent und oft unzureichend, der Umgang der Kirche mit Missbrauchsopfern oftmals desaströs. Kohn fordert externe Ansprechpartner und Ermittler: "Die Kirche kann nicht Aufklärer, Rechtsanwalt und Richter gleichzeitig sein. Das ist eine Konfusion, die funktioniert nicht."

Pastor missbraucht Minderjährige über Jahre

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Für "Ute" löste der Missbrauch im Religionsunterricht ein Trauma aus, das bis heute anhält.

Rückblick: Wenn sie erzählt, was sie Anfang der 90er-Jahre erlebt hat, kommt Ute, wie sie genannt werden will,  immer wieder ins Stocken. Pastor und Religionslehrer Dieter K. habe die damals 16-Jährige im Unterricht an Hals und Schulter gefasst, auf Kurstreffen die Hand auf Knie und Schenkel gelegt. Und als sie alleine waren, dann auch auf Rücken und Po. "Und dann konnte er auch nicht still stehen und hat sich so bewegt und ich dachte, meine Güte, was ist der hippelig. Und was haben Pastoren für ein großes Schlüsselbund in der Hose. Und schwer geatmet hat er auch", sagt Ute. "Das ist gefühlte 15 Minuten so gegangen, jedenfalls kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Ich habe Todesängste ausgestanden, weil er mich eben auch so festgehalten hat."

Zwei Jahre lang passierte das immer wieder, erzählt Ute NDR Info 2012. Jahrelang hatte sie die Vorfälle verdrängt. Doch das Trauma sitzt tief, heute noch. Ute ist auch körperlich schwer krank - wegen dieser Erlebnisse, glaubt sie. Und nicht nur der Missbrauch selbst macht ihr zu schaffen: "Auch das Umfeld, das gegrinst hat und es gesehen hat, aber auch genauso das Umfeld, das Gerüchte gehört hat und denen nicht nachgegangen ist."

Lange tut sich nichts, dann tritt Bischöfin Jepsen zurück

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Landesbischof Ulrich sagte schon 2011, Opfer seien nicht genügend gehört worden.

1999 wendet sich ein Opfer an die zuständige Pröpstin. Dieter K. wird versetzt, mehr nicht. Erst 2010 gehen die ersten Betroffenen an die Öffentlichkeit. Kurz darauf tritt die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen zurück, der vorgeworfen wird, von dem Fall gewusst und nichts getan zu haben, was sie selbst bestreitet. 2011 räumt Bischof Gerhard Ulrich für die nordelbische Kirche schwere Fehler ein. "Opfer sind nicht genug gehört worden, die Dramatik des Falles ist nicht recht eingeschätzt worden. Die kirchliche Dienstaufsicht hat nicht so funktioniert, wie es hätte sein sollen", sagt Ulrich damals.

"Wir als Kirche sind schuldig geworden"           

Und Jepsens Nachfolgern Kirsten Fehrs sagt bei der Vorlage eines unabhängigen Gutachtens 2014: "Wir als Institution Kirche sind schuldig geworden. Und wir als Kirche müssen und wollen uns institutionell wie persönlich also dieser Verantwortung auch stellen."

Die Nordkirche verfasste Leitlinien gegen sexuellen Missbrauch und beschloss als erste Landeskirche im März dieses Jahres ein Präventionsgesetz. Initiativenvertreter Kohn ist damit nur teilweise zufrieden. "Die Kirche kann sich nicht genug Gedanken machen um Prävention. Nur ohne Vergangenheitsbewältigung kann es nicht nach vorne gehen. Alles braucht eine Basis. Und die Basis wäre, dass man erst mal auf die Vergangenheit, die man ja selber erlebt, durchlitten oder zu verantworten hatte, dass die einmal bewertet wird."       

Opfer wünschen sich Entstigmatisierung

Die heute 42-jährige Ute wünscht sich, dass Opfer wie sie entstigmatisiert und unterstützt werden. Und dass man Strukturen beseitigt, die Missbrauch ermöglichen. "Ich habe einem Lehrer und Pastor vertraut, der mich verraten hat. Und ich bin quasi ins Bodenlose gefallen und falle da noch", sagt sie. "Und ich denke, es ist nicht übertrieben, dass es mein Leben zerstört hat."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 13.11.2018 | 10:20 Uhr

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