Stand: 09.01.2020 21:08 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Medikamentenversuche: "Erschreckend" bis "unfassbar"

Manche der Abgeordneten im Sozialausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtags beschäftigen sich nun schon länger mit dem Thema der Medikamentenversuche an Heimkindern. Dennoch fielen ihre Reaktionen auf den Zwischenbericht von Lübecker Wissenschaftlern am Donnerstag krass aus. "Erschreckend" fand Wolfgang Baasch (SPD) die neuen Fakten. "Unfassbar" nannte Dennis Bornhöft (FDP) die Erkenntnisse - und als "schockierend" bezeichnete Marret Bohn (Grüne) das, was Christof Beyer vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Uni Lübeck im Ausschuss vortrug.

Sein Zwischenfazit: Experimente mit nicht zugelassenen Medikamenten fanden in Schleswig-Holstein im Zeitraum der 1950er- bis 70er-Jahre statt. Und das nicht nur in Kinder- und Jugendpsychiatrien, sondern auch in allgemeinen Krankenhäusern und bei niedergelassenen Ärzten.

Nebenwirkungen wie Schmerzen und Atemstillstand

So geht es aus Patientenakten, Archiven von Pharmafirmen und Verwaltungsunterlagen hervor. Der genaue Umfang ist noch unklar, aber schon jetzt liegen neue Erkenntnisse vor. Beyer berichtete, dass auch die Haushaltsnot der landeseigenen Kliniken dazu beigetragen habe, dass Patienten in überfüllten Häusern mit Medikamenten ruhiggestellt wurden.

Auch über Nebenwirkungen gibt es in den Dokumenten Hinweise: So hätten Patienten über Schmerzen und Atemstillstände geklagt. Das sei notiert worden und habe "gelegentlich" auch dazu geführt, dass die Medikation angepasst wurde.

Medikamentenversuche waren keine Geheimsache

Beyer beschrieb die Motivation der Ärzte so: Man habe am medizinischen Fortschritt teilhaben wollen. Versuche an Menschen wurden demnach auch nicht heimlich durchgeführt, sondern sie waren in Fachpublikationen öffentlich einsehbar. Beyer sieht außerdem Hinweise darauf, dass Kliniken in einem Verbund mit Pharmaunternehmen zusammenarbeiteten.

Garg: Pharmaindustrie muss Mitverantwortung übernehmen

Für Sozialminister Heiner Garg (FDP) ist durch den Zwischenbericht klar: Das Ganze hatte System. Man rede hier nicht "von irgendwelchen singulären Ereignissen, die vielleicht irgendwo mal sporadisch stattgefunden haben", sondern von einer systematischen Anwendung von Arzneimitteln ohne Einwilligungserklärung.

Garg betonte, dass das Land zu seiner Verantwortung stehe und Betroffene über einen Fonds entschädige. Er forderte aber auch erneut die Pharmaindustrie auf, sich an der Aufarbeitung zu beteiligen. Gesprächseinladungen mit Betroffenen habe der Pharmaverband aber mehrfach abgelehnt, so Garg.

Vorschlag: Hilfswerk für ehemalige Heimkinder

Dass überhaupt Firmen ihre Archive geöffnet haben, ist laut Garg auch den Betroffenen selbst zu verdanken. Diese machten Druck bei Bayer, wurden eingeladen, recherchierten selbst in Archiven. Drei von ihnen waren bei der Sitzung des Sozialausschusses dabei. Weil sie sich immer wieder meldeten, ließ der Ausschuss sie auch selbst sprechen.

Nach dem Zwischenbericht am Donnerstag muss die Aufarbeitung aus Sicht der Abgeordneten nun weitergehen und "um weitere Aspekte, die sich aus den Nachforschungen ergeben, ergänzt werden", forderten Birte Pauls und Wolfgang Baasch (beide SPD). Der Ausschussvorsitzende Werner Kalinka (CDU) machte den Vorschlag, ein Hilfswerk für ehemalige Heimkinder einzurichten.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.01.2020 | 22:00 Uhr

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