Stand: 28.06.2018 07:00 Uhr

Letzte Rettung: Pflegebetreuerinnen aus Osteuropa

Der NDR Schleswig-Holstein beschäftigt sich in einer siebenteiligen Serie mit dem Thema Pflege. Dabei geht es unter anderem um die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf Pflegebedürftige und den Pflegemarkt. Reporter begleiten außerdem Pflegekräfte, Betroffene und Angehörige in ihrem Alltag.

von Julia Schumacher und Patrik Baab

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Magda ist rund um die Uhr für Bianca Dahlke da - auch, um ihr Gesellschaft zu leisten. Wie hier bei einer Runde Rummy.

Was tun, wenn man im Alter den Alltag nicht mehr alleine schafft? Fast 90.000 Pflegebedürftige in Schleswig-Holstein sind in dieser Situation. Und ihre Zahl wächst: 2030 werden es schon fast 116.000 sein - fast ein Drittel mehr. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Die meisten Pflegestützpunkte der Kreise sagen bereits heute, dass es zunehmend schwierig wird, für jeden Pflegebedürftigen die richtige Versorgung zu finden. In der Regel ist das ein Heimplatz oder ein ambulanter Pflegedienst, wenn es keine Verwandten gibt, die die Pflege übernehmen können.

Gegen die Versorgunglücke: Pflegehilfe aus Osteuropa

Ein Weg, der den Versorgungsengpass heute schon erheblich lindert, ist es, sogenannte Vollzeitbetreuerinnen zu beschäftigen. Sie kommen überwiegend aus Osteuropa und sind 24 Stunden für einen Pflegebedürftigen da. Der Verband "Häusliche Pflege und Betreuung" schätzt, dass es deutschlandweit etwa 300.000 Frauen aus Osteuropa gibt, die als Vollzeitbetreuerinnen arbeiten, - 30.000 bis 50.000 davon in Schleswig-Holstein. Die Dunkelziffer ist hoch.

"Die Slowakei hat keine Arbeit für mich"

Eine von ihnen ist Magda aus der Slowakei. Die ehemalige Kindergärtnerin ist selbst schon fast 70. "Ich bin ganz allein, ich muss arbeiten", sagt sie. Von ihrer kleinen Rente könne sie nicht leben: "Die Slowakei hat keine Arbeit für mich." Seit Mai wohnt sie jetzt in Geesthacht bei der 80-jährigen Bianca Dahlke und hilft ihr rund um die Uhr: Ankleiden, Waschen, Einkaufen, Kochen und Gesellschaft leisten.

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"Viele Betreuer schwarz beschäftigt"

Thomas Petras vermittelt am Hamburger Rand über seine Pflege-Agentur Betreuungskräfte aus der Slowakei und Polen. Seine Pflegekräfte sind legal beschäftigt, bei vielen anderen ist das nicht so. mehr

Hauswirtschaftliche Tätigkeiten müssen überwiegen

Magda ist bei einer Leiharbeitsfirma in Bratislava angestellt, die sie an eine deutsche Agentur verleiht. In ihrem Fall ist das die Agentur Petras. Rechtsgrundlage dafür ist die EU-Entsenderichtlinie. Damit wird sichergestellt, dass die Leiharbeiter im Heimatland Sozialabgaben und Steuern bezahlen. Zusätzlich dürfen die Betreuerinnen nur befristet bleiben, maximal 181 Tage im Jahr. Da es sich nicht um anerkannte Pflegefachkräfte handelt, muss der Anteil der Pflege an der Betreuung unter 50 Prozent liegen. Die schließen medizinische Leistungen wie Körperpflege, Ernährung und Lagerung ein. Medizinische Behandlungspflege gehört nicht dazu. Ist diese nötig, muss das ein ambulanter Pflegedienst oder ein Arzt machen.

Kostenpunkt: im Schnitt 2.500 Euro

Ein Beispiel: Magdas Dienste kosten Bianca Dahlke 2.500 Euro im Monat, 300 Euro erstattet ihr die Pflegeversicherung. 250 davon behält die slowakische Agentur, 250 die Agentur Petras in Geesthacht. Dazu kommen 500 Euro Umsatzsteuer und 250 Euro Sozialversicherung. Für Magda bleiben am Ende 1.250 Euro im Monat. Magda ist krankenversichert und erhält den Mindestlohn. Damit wollen sich die Agenturen auch gegen den Vorwurf wehren, Billigkräfte auszubeuten.

Hohe Dunkelziffer an Schwarzarbeit

Vermittler Petras ist es wichtig, dass seine grenzüberschreitende Leiharbeit legal abläuft. Er spricht aber von inoffiziellen Zahlen: Danach sind 70 bis 80 Prozent aller Betreuungskräfte schwarz oder illegal beschäftigt. Der Grund: Das ist viel billiger. Selbständige sparen die Sozialbeiträge und können so ihre Dienste billiger anbieten. Da sie aber in einer 24-Stunden-Betreuung arbeiten, haben sie normalerweise nur einen einzigen Auftraggeber. Damit gelten sie in Deutschland als scheinselbständig und das ist illegal. Und das kann teuer werden, sagt Petras: "Wenn der Zoll zu einer Kontrolle kommt, dann müssen die Angehörigen die Sozialbeträge nachzahlen. Und dann wird noch eine kleine Gebühr oben drauf gerechnet."

Betreuungskräfte aus Deutschland: unbezahlbar

Eine deutsche Fachkraft zu beauftragen wäre viel teurer. Nach geltendem Recht bräuchte man zwei bis drei Vollzeitkräfte. "Dann muss man aber mit einem Monatssatz zwischen 8.000 und 12.000 Euro rechnen", sagt Thomas Petras. Aber er weiß auch, dass der Bedarf an häuslicher Pflege groß ist und weiter wächst. Ohne Betreuungskräfte aus Osteuropa wäre häusliche Pflege nicht zu finanzieren. "Gesetzt den Fall, diese Frauen dürften hier nicht mehr arbeiten, dann hätten wir keinen Pflegenotstand, dann hätten wir eine Pflegekatastrophe."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.06.2018 | 19:30 Uhr

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