VIDEO: An Hamburgs Schulen ist das Thema Digitalisierung fast überall zu kurz gekommen (2 Min)

Kritik am digitalen Unterricht an Schulen in SH

Stand: 30.09.2020 07:19 Uhr

Was ist, wenn Schulen in der Corona-Pandemie ein zweites Mal für längere Zeit geschlossen werden sollten? Beim Online-Unterricht ist Luft nach oben, finden unter anderen viele Eltern im Land.

von Andrea Schmidt

Seit fast zwei Monaten läuft an den schleswig-holsteinischen Schulen wieder der Präsenzunterricht - und wohl jeder ist dankbar, dass bisher alles relativ glatt gelaufen ist. Immer wieder müssen einzelne Klassen oder Jahrgangsstufen wegen eines Corona-Falls in Quarantäne, aber ein kompletter Lockdown wie im Frühjahr konnte bislang verhindert werden. Aber was wäre, wenn es jetzt doch noch mal dazu kommen sollte? Sind die Schulen besser vorbereitet als im März? Besser schon, aber keinesfalls richtig gut, finden sowohl der Bildungsexperte der SPD, Martin Habersaat, als auch der Landeselternbeirat der Gymnasien im Land.

SPD-Politiker Habersaat: Warum wird nicht mehr digital geübt?

Der Kandidat Martin Habersaat (SPD) im Porträt © SPD
"Es hängt an der einzelnen Lehrkraft", sagt Martin Habersaat von der SPD.

"Viele Schulen haben große Schritte nach vorn gemacht", erklärt Habersaat. Bei der technischen Ausstattung gehe es voran, auch beim Glasfaseranschluss sei man in Schleswig-Holstein ziemlich weit. "Insgesamt sind die Schulen wohl besser vorbereitet als beim letzten Mal, aber noch nicht gut genug. Ich hätte mir gewünscht, dass in den vergangenen Wochen mehr geübt wird. Warum nicht eine Stunde am Tag Homelearning, warum nicht auch jetzt mehr Videokonferenzen?". Es gebe immer einige Schulen, die Vorreiter seien. "Aber es hängt sehr von der einzelnen Lehrkraft ab", sagt der SPD-Politiker. Nicht jeder hänge sich in das Thema digitaler Unterricht richtig rein.

Landeselternbeirat: Digital passiert noch zu wenig

Auch der Landeselternbeirat der Gymnasien im Land zeigt sich enttäuscht von dem Vorankommen in Sachen Online-Unterricht. "Man muss es doch mehr proben, wie es im Ernstfall funktionieren soll", sagt die Vorsitzende Claudia Pick. "Derzeit ist es so, dass noch nicht alle Schulen eine digitale Lernplattform haben. Das heißt, die können schon mal nicht üben. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf Präsenzunterricht". Wenn Schüler fehlen, dann laufe es häufig so, dass Arbeitsblätter und Unterrichtsmaterial zum Schüler nach Hause gebracht werden. Viel besser wäre es, findet Pick, wenn das Kind dann online in den Unterricht zugeschaltet wird. Auch die Funktion "chatten" auf den Lernplattformen wird aus Sicht des Landeselternbeirates zu selten praktiziert. "Schön wäre es auch, wenn das Land alle Beteiligten - auch uns Eltern - mehr einbeziehen würde", kritisiert die Vorsitzende Pick.

Ministerin Prien: Schulen sind gut vorbereitet

Das Bildungsministerium bewertet die derzeitige Situation ganz anders. "Unsere Schulen sind gut vorbereitet", sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Fast 400 Schulen im Land benutzen dem Ministerium zufolge mittlerweile digitale Systeme zur Schulkommunikation wie "SchulCommSy", "iServ" oder "Moodle". "Wir bieten zusätzlich seit diesem Schuljahr ein weiteres Lernmanagementsystem für die Schulen an und haben in den vergangenen Wochen bereits über 200 Schulen mit dem System ausgestattet". Gemeint ist "itslearning". Das Land stellt dafür 74 Millionen Euro zur Verfügung. Lehrkräfte und Schüler können dort Aufgaben austauschen, per Videokonferenz zusammenarbeiten und in kleinen Gruppen chatten.

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Ein Schüler hält ein Tablet in der Hand, während er Hausaufgaben macht. © picture alliance Foto: Britta Pedersen

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Das Land stellt für die digitale Modernisierung der Schulen 74 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Das System itslearning wird schon in anderen Bundesländern eingesetzt. mehr

Doch werden wirklich viele Schulen wechseln - jetzt, da sie sich mühsam in andere Systeme wie "iServ" eingearbeitet haben? "Ich kenne keine Schule, die jetzt wechseln will", sagt Martin Habersaat von der SPD. Karin Prien betont: "Entscheidend ist, dass Schülerinnen, Schüler und die Lehrkräfte gut mit dem System arbeiten". "itslearning" wird laut Ministerium auch in anderen Bundesländern genutzt.

Digitale Fortbildungen für Lehrkräfte

Zusätzlich zur Ausstattung mit dem Lernmanagementsystem entsteht laut Landesregierung gerade ein einheitliches Schulportal, das Verwaltung vereinfachen und Kommunikation verbessern soll. Hunderte Lehrkräfte haben außerdem in den vergangenen Wochen Fortbildungen besucht. Auch über die Internetplattform des IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein) stehen Materialien zum digitalen Lernen bereit. Wenn eine Lehrkraft also in Sachen Online-Unterricht sicherer werden möchte, gibt es dort Möglichkeiten.

Es geht voran - aber langsam

Insgesamt ist bei dem Ausbau des digitalen Unterrichts viel in Bewegung. Das bestreitet niemand. Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat Schüler, Lehrer, Eltern und Politiker alle gleichermaßen ins kalte Wasser geworfen. Es zeigt sich, dass es Zeit und Geld kostet, den Präsenzunterricht sinnvoll und nachhaltig durch digitales Lernen zu ergänzen. Das geht nicht innerhalb weniger Wochen. Laut Prien geht es aber voran: "Wir können eine große Bereitschaft unter den Lehrerinnen und Lehrern feststellen, sich mit digitalen Unterrichtsmethoden zu befassen und sich selbst fortzubilden". Das Alter der Lehrer spielt ihrer Meinung nach dabei gar keine Rolle: "Es gibt junge Digitalisierungsmuffel und Lehrkräfte über 60, denen niemand am Computer etwas vormachen kann".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.09.2020 | 08:00 Uhr

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