Stand: 02.09.2018 07:00 Uhr

Kreativ auf dem Land? Co-Working macht's möglich

von Frank Hajasch

Die edlen Pferde, die Ruhe der Hüttener Berge, die Wanderwege - dazu ein lockender Kaffeegeruch: Da ist es nicht leicht, konzentriert zu arbeiten. Die Hände von Dominik Schreiber gehen wieder zum Laptop. Das zufriedene Grinsen bleibt. "Es gibt Schlimmeres", lacht der 37-jährige Kieler. Dominik Schreiber ist ein typischer Kopfarbeiter - ein Texter. Der Freiberufler bereitet bei spätsommerlichen Temperaturen das Weihnachtsgeschäft einer norddeutschen Handelskette vor. Seit zwei Wochen arbeitet er im sogenannten Co-Work-Land. Ein zum Büro umgebauter, mobiler Übersee-Container, der nun auf der Koppel auf Hof Papenwohld bei Klein Wittensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) steht. Ein Projekt der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein - kostenlos für die Nutzer. Für Schreiber ist es die dritte Kreativ-Station.

So funktioniert Co-Working in Schleswig-Holstein

Co-Working als neue Arbeitsform

Für seinen Job braucht der Kieler nicht viel: einen Laptop, einen Arbeitsplatz mit Internetanschluss und natürlich gute Ideen. Aber Technik ist nicht alles. "Co-Working will das Miteinander. Jeder macht seins. Aber wir tauschen uns aus. Das bringt echt viel. Manchmal sogar neue Jobs." Außerdem gibt es eine nette, kleine Kaffeebar. Man schnackt, hat Spaß.

200 Mbit pro Sekunde auf dem Land? Kein Problem!

Co-Working-Spaces stehen und fallen mit einer guten Internetverbindung. Das weiß auch Dominik Schreiber. "Ich war am Anfang skeptisch. Auf dem Land mit bis zu 200 Mbit pro Sekunde unterwegs sein? Aber klappt, kein Ding." Dafür sorgt auch Ulrich Bähr. Er ist für die Böll-Stiftung mit dem Co-Work-Land außerhalb der Großstädte unterwegs. Der Projektleiter macht fast alles möglich. "Wir haben wichtige Partner an Bord: die Wirtschaftsförderungen der Kreise Plön und Rendsburg-Eckernförde, dazu die Kiel Region. Außerdem wird das Projekt vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert."

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Die Familie Schreiber war auch schon zusammen in Brasilien - nicht im großen in Südamerika, sondern im kleinen Brasilien im Kreis Plön. Geschlafen haben alle im Wohnmobil. Wenn Frau und Kind am Strand waren, ging Papa zur Arbeit. Nur dass die ein paar Meter weiter weg war: Das Co-Work-Land mit seiner coolen Terrasse und wohlig-duftenden Kräuterbeeten stand direkt an der Wasserkante.

Was ist Co-Working?

Als Co-Working wird ein neues Arbeitsmodell bezeichnet. Freiberufler, Kreative, Start-ups oder Gründer können sich in meist größere Räumlichkeiten zeitweise einbuchen und sowohl unabhängig arbeiten oder durch gemeinsame Projekte voneinander profitieren. Bei den sogenannten Co-Working Spaces kann es sich um ausgestattete Büros, aber auch lediglich um die Räumlichkeiten handeln.

Die Standorte fürs mobile Büro sind gut gewählt: am Ostseestrand, auf einem Gutshof, in beschaulichen Dörfern. Immer bietet sich eine entspannte Atmosphäre, wo Selbstständige, Gründer und junge Unternehmen zusammenkommen. "Hier arbeite ich anders", sagt Schreiber. "Na klar, hab' ich zu Hause ein Büro. Aber in der Wohnung, bei Frau und Kind. Da bin ich schnell raus aus dem Text. Auf Hof Papenwohld krieg' ich Stille. Und der Freizeitwert ist hoch."

Co-Work-Land ist gut gebucht

Die kostenlose Nutzung des Büro-Containers ist ein Anfang. Mit ihm will die Böll-Stiftung testen, wie Co-Working auf dem Land funktioniert. "Bisher richtig gut", schätzt Ulrich Bähr die vielen Online-Buchungen ein. Und der Projektleiter möchte mehr. Dass kreative Köpfe zusammenkommen, neue Ideen entwickeln, dabei Arbeit und Freizeit besser vereinbaren können, sei das eine. "Und die vielen Pendler", ergänzt der Mann von der Böll-Stiftung.

Landflucht entgegenwirken

Engagierte Bürgermeister auf dem Land sehen die Co-Worker aus der Stadt als Chance. Die Lokalpolitiker haben die Landflucht in den vergangenen Jahren miterlebt. Warum also nicht neue Einwohner gewinnen? Viele Dörfer hatten mal eine Schule, einen Bäcker, einen Kaufmann. Da ließe sich einiges zurückholen. Auf Hof Papenwohld liegt jedenfalls seit Kurzem eine Glasfaserleitung. Familie Bielfeldt als Eigentümer freut sich über maximales Datenvolumen. Nun hat sie einen WLAN-Hotspot eingerichtet. So kann sich das Co-Work-Land schnell und unkompliziert ein- und ausloggen.  

Warum nicht gleich auf dem Land bleiben?

Tatsächlich könnte Co-Working eine Alternative für Menschen vom Land sein. "Weniger Zeit auf der Straße, keine umweltschädliche Pendelei", sagt Bähr. "Nur bräuchte es dann mehr stationäre Co-Working Spaces." Die Gastgeber auf Hof Papenwohld sind vom Projekt schon mal überzeugt. "Es ist ein Kommen und Gehen", erzählt Jörn Bielfeldt, "mit spannenden Menschen und toller Atmosphäre." Zustimmendes Nicken bei Dominik Schreiber. Er ist bisher jeden Tag hier. Und er wird bei der nächsten Location dabei sein. "Als Stadtmensch lerne ich das Landleben so noch mal anders kennen. Das ist was für uns. Wir erwarten das zweite Kind. Und die Lütten sollen draußen spielen. Durch Co-Working wird so eine Entscheidung einfacher."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 23.08.2018 | 20:05 Uhr

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