Jann Wendt von Offshore Munition Management sitzt in einem Raum vor einer großen Weltkarte und einem Banner. © NDR

Unternehmer aus Kiel will Munitionsreste aus dem Meer holen

Stand: 07.09.2021 11:46 Uhr

Noch immer liegen auf dem Meeresboden in Nord- und Ostsee Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg. Unternehmer Jann Wendt aus Kiel erklärt im Interview, was er dagegen tun will.

Mehr als 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen in Deutschland in Form von Minen, Bomben und Sprengkörpern am Meeresboden von Nord- und Ostsee. Überreste des Zweiten Weltkrieges, von denen eine große Gefahr für die Umwelt ausgeht. Doch eine Bergung ist aufwendig und teuer. Die Industrie sei gefordert, die Technik für große Bergungseinsätze bereitzustellen, sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am Dienstag im Rahmen der "Kiel Munition Clearance Week", die er besuchte. Politik und Verwaltung müssten die Weichen stellen. Die Fachkonferenz zur Bergung von Munitionsaltlasten wurde initiiert vom Kieler Unternehmer Jann Wendt. Er will das Problem angehen und hat dafür mehr als 500 internationale Experten und Expertinnen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammengebracht.

Herr Wendt, das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, warum wird es aus Ihrer Sicht jetzt immer drängender?

Jann Wendt: Das Problem ist einfach größer, weil die Munition durchrostet. Das heißt, wir haben eine Veränderung der Munitionskörper unter Wasser. Das TNT und die Schadstoffe gehen aus der Munition tatsächlich ins Wasser über. Und sie sind krebserregend. Es wurde jetzt auch nachgewiesen, dass diese Inhaltsstoffe zum Beispiel in Fischen und Muscheln angereichert werden. Außerdem kann die Munition eben auch explodieren. Wir rechnen mit 300.000 Tonnen in der Ostsee, 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee. Was einem 2.500 Kilometer langem Güterzug entspricht, vollbeladen mit Munition.

Was war Ihre Motivation, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen?

Wendt: Es geht darum, eine Austauschplattform zu schaffen. Wir haben in den letzten Jahren einfach unglaublich viel Wissen alle gemeinschaftlich angesammelt. Wir wissen, dass dieses Problem größer wird und der Handlungsdruck ist einfach da. Das heißt, wir müssen uns jetzt bewegen. Wir müssen die Politik dazu bekommen, Zusagen zu machen, in eine geordnete Munitionsräumung einzusteigen.

Was ist Ihre Rolle dabei? Sie haben einen universitären Background, aber auch ein Unternehmen, das sich damit beschäftigt, Munition mittels künstlicher Intelligenz aufzuspüren.

Wendt: Das erste Mal habe ich mich im Jahr 2010 mit diesem Themenkomplex beschäftigt und war stark davon irritiert, dass wird so große Menge haben und da bisher nichts passiert ist. In den letzten Jahren haben wir dann ein digitales System entwickelt, um herauszufinden, wo diese Munition liegt. Wir sammeln historischen Daten von Dokumenten zum Zweiten Weltkrieg, in Freiburg gibt es allein 50 Kilometer Akten zu diesem Thema. Das ist eine gigantische Dimension. Da müssen neue Technologien eingesetzt werden, wie künstliche Intelligenz, um diese Dokumente auszulesen. Wenn man das händisch machen würde, hätte man keine Chance, das in den nächsten 200 Jahren zu schaffen.

Die künstliche Intelligenz liest diese Dokumente dann für Sie?

Wendt: Genau, die KI liest das Dokument, verknüpft es mit anderen Informationen und bringt das auf die Karten, so dass wir einfach dargestellt bekommen, wo die Belastungssituation am größten ist.

Was erwarten Sie von der Politik?

Wendt: Es geht darum, die Zusagen zu schaffen, dass wir in eine Räumung einsteigen. Wir haben die Bundestagswahl, die demnächst vor der Tür steht, und jetzt geht's darum, Ideen zu schaffen, wie man mit diesen 1,6 Millionen Tonnen in Zukunft umgehen möchte. Die Zeit tickt, wir haben 30 Jahre bis ein Großteil der Munition durchrostet. Und wir brauchen auch finanzielle Zusagen, weil wir sonst nicht in der Lage sind, was zu unternehmen.

Wie groß sind die Chancen, dass es konkrete Ergebnisse gibt?

Wendt: Das ist eigentlich das Ziel dieser Woche, gemeinschaftlich an der Lösung dieses Problems zu arbeiten. Da geht sowohl darum, das Militär in diese Räumung miteinzubeziehen, als auch die öffentliche Hand und die Industrie. Wir reden von 350 Teilnehmer digital, 150 Teilnehmer die physisch noch dabei sind, also insgesamt 500 Leute, die sich für diesen Themenkomplex interessieren - aus 31 verschiedenen Nationen. Diese Dimension haben wir am Anfang auch nicht erwartet, sind aber unglaublich froh, so einen Zuspruch zu bekommen.

Das Interview führte Malin Girolami, NDR Schleswig-Holstein.

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Jann Wendt sitzt am Schreibtisch und blick auf einen Computerbildschirm © NDR

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.09.2021 | 19:30 Uhr

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