Stand: 06.08.2019 05:00 Uhr

Hochleistungskühe: Mehr Milch, mehr Tierleid?

von Sven Brosda

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Das Milchkarussell dreht sich. Doch Experten und Bauernverband sind unterschiedlicher Meinung über den Leidensdruck der Tiere.

Sie sind schwarz-weiß gescheckt: "Holstein-Friesian", vor allem diese Kuhrasse steht in den Ställen und auf den Weiden in Schleswig-Holstein. Der Bundesverband Rind und Schwein wirbt auf seiner Homepage damit, dass diese Kühe "leistungsstark, gesund und langlebig" seien. Doch über die Gesundheit und Lebenserwartung der Tiere gibt es unterschiedliche Meinungen. "Holstein-Friesian" geben bis zu 10.000 Kilogramm Milch im Jahr. Damit hat sich die Milchleistung durch Zucht in den vergangenen Jahrzehnten mehr als verdoppelt.

Provieh: Auf den Höfen gibt es viel Leid

Kritiker wie der Kieler Verein Provieh halten die Hochleistungszucht für den falschen Weg. Durch diese starken Leistungsveränderungen hätten diese Kühe mit Unfruchtbarkeit, kaputten Klauen und Euterproblemen zu kämpfen, sagt Kathrin Kofent, Diplom-Agraringenieurin bei Provieh. Die Hochleistungkühe hätten kein Leben mehr, die Tiere würden nur noch fressen, um zu überleben. Werden die Kühe nach wenigen Jahren unfruchtbar, werden sie laut Kofent "aussortiert", also zum Schlachthof gebracht. Ihrer Meinung nach ist es unumgänglich, wieder zurück zu alten Rassen zu kommen, die weniger Milch geben, sie seien dafür aber robuster.

In der Sendung Zur Sache sitzt Hans Peter Goldnick, Vorsitzende des Geflügelwirtschaftsverbands, am Mikrofon. © NDR Foto: Christian Wolf

Experte Schallenberger: Milchkühe bewegen sich zu wenig

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Hoch gezüchteten Milchkühe sind anfälliger für Krankheiten. Ein weiteres Problem sei die intensive Stallhaltung, meint der Kieler Nutztierexperte Edgar Schallenberger.

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Veterinär: Müssen an Züchter appellieren

Der Tierarzt Gero Masekowski aus Hohenwestedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) malt in Sachen "Turbokühe" ein nicht so schwarzes Bild. Er bestätigt zwar, dass die hoch gezüchteten Tiere an entzündeten Klauen erkranken oder Euterprobleme haben. Gewisse Klauenerkrankungen hätten genetische Ursachen, sagt er. Da sollten die Züchter umdenken und diese Probleme angehen, die Bauern könnten das nicht alleine. Auf der anderen Seite hätten es die Hochleistungskühe aber insgesamt besser als die Tiere, die vor Jahrzehnten in engen, dunklen und muffigen Ställen lagen, meint der Tierarzt, der in seiner Region Landwirte betreut.

Wissenschaftler Schallenberger: Bewegungsmangel problematisch

Professor Edgar Schallenberger hat jahrelang angehende Agrarexperten an der Kieler Christian-Albrechts-Universität ausgebildet. Seiner Meinung nach sind Milchkühe faul geworden. Die Tiere werden laut Schallenberger immer häufiger im Stall gehalten, weil die "Turbo-Kuh" auf den Weiden nicht so viel fressen kann, wie sie müsste, um die Milchleistung zu erbringen, die erwartet wird. Deshalb bekommt sie im Stall Kraftfutter, vor allem Mais und Soja, um ihren Kalorienbedarf zu decken. Im Stall kann sich die Kuh aber nicht so viel bewegen wie auf der Wiese, sagt Schallenberger. Die Tiere würden nur noch zum Fressplatz und zum Melkstand gehen und sich die übrige Zeit auf die nächste Melkrunde vorbereiten. Die Hochleistung würden die Tiere nicht lange durchstehen und nach ein paar Jahren zum Schlachter gebracht werden - das sei das Problem mit der Hochleistungszucht, sagt Schallenberger.

Bauernverband: Die Haltung ist ausschlaggebend

Bauernverbands-Vize Klaus-Peter Lucht aus Mörel im Kreis Rendsburg-Eckernförde räumt ein, dass die Hochleistungskühe anfälliger für Krankheiten seien. Das könnte laut Lucht aber verhindert werden, indem die Tiere vernünftig gehalten werden und intensiv auf die Hygiene geachtet wird. Dass die Kühe im Stall weniger laufen als auf der Wiese, lässt Lucht nicht gelten. Die heutigen Ställe seien modern und groß, der Weidegang werde dort simuliert. Außerdem komme es auf das Wetter an, so Lucht. Die hohen Temperaturen der vergangenen Tage würden die Kühe draußen nicht vertragen, im Stall gebe es Ventilatoren, die die Tiere kühlen.

Außerdem sagt Lucht, die Landwirte in Schleswig-Holstein hätten ein großes Interesse daran, dass es den Tiere gut gehe, egal wie hoch die Milchleistung sei, sonst verdiene der Landwirt mit den Kühen kein Geld. Zu bedenken gibt Lucht: Die Hochleistungszucht sei entstanden, weil der Verbraucher nicht gewillt sei, einen anständigen Preis für einen Liter Milch zu zahlen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 01.08.2019 | 07:00 Uhr

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