Stand: 24.06.2020 12:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Große Probleme beim Umbau von Marine-Versorger

von Andreas Schmidt

Bild vergrößern
Ein Konstruktionsfehler verzögert den Bau eines mobilen Hospitals auf der "Frankfurt am Main" der Deutschen Marine.

Leicht kräuselt sich das Wasser der Kieler Innenförde. Die kleinen Wellen plätschern am riesigen grauen Stahlrumpf mit der Aufschrift "A 1412". Seit fast einem halben Jahr liegt der Einsatzgruppenversorger "Frankfurt am Main" an der Nordmole der Werft German Naval Yards in Kiel. Jeden Morgen zum Sonnenaufgang hisst die verbliebene Mannschaft die Flagge am Heck des 18.000 Tonnen Kolosses. Die Fahne weht im lauen Sommerwind. Ansonsten passiert fast nichts. Die "Frankfurt am Main" ist eines der drei größten Schiffe der deutschen Marine. Es sollte mit einem neuen Bordkrankenhaus fit für die nächsten Einsätze gemacht werden. Jetzt steht die "Frankfurt am Main" für eine fast unglaubliche Pleite.

Rückblick: German Naval Yards sichert sich Auftrag

Am 25. September 2019 kommt Jörg Herwig, Chef von German Naval Yards, mit breiter Brust zum sogenannten Brennstart einer eckigen Stahlstruktur in die Werfthalle. "Wir sind stolz, erneut einen wichtigen Beitrag für die Optimierung der Fähigkeiten der Marine leisten zu können", wird er nach der Feier zitiert. Der neue Auftrag zeige einmal mehr, "wie eng der Schiffbau mit der maritimen Zulieferindustrie in Deutschland zusammenarbeitet, um technische Innovationen für die Bundeswehr zu entwickeln und umzusetzen."

Pfusch am Marineversorger "Frankfurt am Main"

Schleswig-Holstein Magazin -

Auf den Rumpf des Marineversorgers "Frankfurt am Main" soll ein Krankenhaus gebaut werden. Der stählerne Rohbau für das Krankenhaus ist fertig, passt aber nicht auf das Schiff.

4,14 bei 14 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

German Naval Yards hatte sich einen wichtigen Auftrag gesichert. Die Werft sollte ein Krankenhaus auf den Rumpf der "Frankfurt am Main" bauen, genannt iMERZ. Die Abkürzung steht für "integriertes Marine-Einsatz-Rettungszentrum". Der zweistöckige Stahlbau sollte zwei OP-Säle, Labore und sogar eine Zahnarztpraxis beherbergen. Das Vorgängersystem, ein modulares Krankenhaus aus 26 Containern, war im Jahr 2015 in einer Bremer Lagerhalle abgebrannt.

Kieler Werft hatte Ausschreibung für Neubau gewonnen

German Naval Yards hatte 2016 eine Machbarkeitsstudie für den Neubau des iMERZ geliefert und danach die Ausschreibung für den Neubau gewonnen. Natürlich war der Auftrag für die Kieler Werft höchst willkommen, gerade vor dem Hintergrund der Unsicherheit über den riesigen MKS-180-Auftrag der Marine.

Am 18. Februar diesen Jahres bugsieren zwei Schlepper den Koloss der "Frankfurt am Main" langsam an die Nordmole der Werft. Der stählerne Rohbau des iMERZ liegt schon in der Halle bereit. Nach einigen Vorarbeiten soll der Bau im April mit einem Kran auf das Schiff gehoben und angeschlossen werden. Geplanter Abschluss der Arbeiten: Sommer 2020.

Probleme: Passungenauigkeit und komplizierter Anschluss

Mittlerweile sind sowohl die Werft als auch der Auftraggeber, das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung (BAAINBW) in Koblenz, recht kleinlaut bei dem Projekt geworden. Offenbar passt das Bauwerk nicht aufs Schiff und muss verschrottet werden. Zusätzlich scheint der Anschluss an das Schiff dermaßen kompliziert zu sein, dass die ursprüngliche Werftmannschaft damit überfordert ist. Mittlerweile ist der Kieler Projektleiter ausgetauscht. In der Konsequenz kann die "Frankfurt am Main" seit einem halben Jahr nicht zur See fahren, und das Projekt kommt nicht weiter.

Verzug trifft Marine hart

"Das ist alles hanebüchen", kommentiert Marco Thiele vom Bundeswehrverband. Auch wenn den finanziellen Schaden zunächst die Werft selbst habe, treffe der Verzug die Marine hart: "Letztlich hat die Marine ein Schiff länger als geplant nicht zur Verfügung. Die Einsatzverpflichtungen bleiben. In der Konsequenz müssen andere Schiffe länger im Einsatz bleiben." Am schlimmsten sei aber, dass die Frauen und Männer der Besatzung nicht wüssten, wann es wieder losgeht.

Nach der Werft ist vor der Werft

Das Militärschiff "Frankfurt am Main" liegt im Hafen von Kiel. © NDR Foto: Andreas Schmidt

Panne bei German Naval Yards: Aufsatz passt nicht

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Die Techniker auf der Kieler Werft German Naval Yards haben für ein Schiff der Deutschen Marine einen stählernen Decksaufsatz konstruiert, der nun offenbar überhaupt nicht passt.

3,24 bei 17 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Es drohen weitere Probleme. Die "Frankfurt am Main" soll im Herbst in eine längere Werftliegezeit für eine Grundinstandsetzung gehen. Dabei wird sie unter anderem für den neuen Marinehubschrauber umgerüstet. Derzeit läuft das Ausschreibungsverfahren für diesen Auftrag. Es ist völlig offen, welche Werft den bekommt. Da es eine europaweite Ausschreibung ist, sind auch hier Verzögerungen und Rechtsstreitigkeiten denkbar. Erst danach kann das neu gebaute iMERZ aufgesetzt werden. "Die finale Planung für das Aufsetzen des iMERZ ist maßgeblich vom derzeit noch nicht feststehenden Instandsetzungsstandort des EGV abhängig", so BAAINBw in einer Stellungnahme auf Anfrage des NDR Schleswig-Holstein.

Bis die "Frankfurt am Main" also mit einem funktionierenden Krankenhaus in den Einsatz gehen kann, wird es wohl noch bis ins Jahr 2022 dauern. Vorausgesetzt German Naval Yards bekommt die technischen Probleme bis dahin in den Griff.

Weitere Informationen

Werften German Naval Yards und Lürssen kündigen Fusion an

14.05.2020 06:00 Uhr

Zwei norddeutsche Unternehmen wollen eine neue Großwerft zum Bau von Marineschiffen gründen. Die Bremer Lürssen-Werft und German Naval Yards aus Kiel planen eine Zusammenarbeit - ohne ThyssenKrupp. mehr

Bundesregierung stärkt Werftindustrie

12.02.2020 17:00 Uhr

Der Marine-Schiffbau wird von nun an als nationale Schlüsseltechnologie eingestuft. Nach diesem Beschluss des Bundeskabinetts müssen künftig Aufträge nicht mehr europaweit ausgeschrieben werden. mehr

Verlorener Marine-Auftrag: Kieler Werft reicht Rüge ein

27.01.2020 13:00 Uhr

German Naval Yards zieht vor Gericht. Die Kieler Werft hat Rüge gegen die Auftragsvergabe für den Bau neuer Kampfschiffe eingereicht. Der Milliarden-Auftrag ging an eine niederländische Werft. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 24.06.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:33
Schleswig-Holstein Magazin
05:23
Schleswig-Holstein Magazin

Norderstedter gesteht Kindesmissbrauch

Schleswig-Holstein Magazin
01:51
Schleswig-Holstein Magazin