Gewalt gegen Frauen: Mehr Schutz für Hochrisikofälle

Stand: 11.06.2021 05:00 Uhr

40 Frauen sind in den vergangenen drei Jahren in Schleswig-Holstein durch Partnerschaftsgewalt getötet worden. Fast immer habe es Alarmzeichen gegeben, sagt der Landesverband für Frauenberatung und fordert einen besseren Schutz für Hochrisikofälle.

von Malin Girolami

Neben all der Trauer ist da die Wut bei Katharina Wulf vom Landesverband Frauenberatung - nach der Gewalttat von Dänischenhagen und Kiel zum Beispiel. Vor gut drei Wochen hat ein Mann mutmaßlich seine Ex-Ehefrau und ihren neuen Partner, sowie einen weiteren Mann erschossen. Über das Motiv sagt die Staatsanwaltschaft Kiel bis heute nichts. Doch klar ist: Es hat Alarmsignale gegeben. Eine Anzeige wegen Körperverletzung lag vor. Auch soll es dem Mann gerichtlich verboten worden sein, seiner Frau nahe zu kommen. Und genau deshalb wird Wulf auch wütend, wenn sie liest und hört, dass eine solche Tat unfassbar und unvorhersehbar sei. Ihrer Erfahrung nach kündigen sich solche Gewalttaten sehr wohl an. Zehn Frauen sind 2020 von Ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet worden. Jeweils 15 in den Jahren 2019 und 2018. Bei fast allen Fällen habe es schon vorab Morddrohungen und eine Eskalation der Gewalt gegeben - die oft auch aktenkundig ist, sagt Wulf.

Risikoanalyse für Gewaltopfer

Kerstin Küster ist Beraterin beim Frauennotruf in Flensburg. Bei ihr können Frauen in Not anrufen oder sie bekommt die Telefonnummer des Opfers nach einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt von der Polizei - für eine proaktive Beratung. Sie hört dann zu und macht eine Risikoanalyse. Sie fragt nach der schlimmsten Form von Gewalt, die in der Beziehung geschehen ist, und hört dann zum Beispiel, dass ein Aschenbecher gegen den Kopf geworfen wurde. Auch ob Drogen oder Alkohol konsumiert werden und ob es einen Zugang zu Waffen gibt, erfragt sie im Gespräch. Denn das alles sind Hinweise für eine hohe Gefährdung der Frau. Auch eine Trennung sei ein Risikofaktor für eine Eskalation. Wenn Küster merkt, dass ihre Klientin in Gefahr ist, sagt sie ihr das auch direkt und bespricht, welche Optionen es gibt, um sie zu schützen.

"Wer schlägt, geht!"

Bei einem akuten Einsatz wegen häuslicher Gewalt gibt es die Möglichkeit einer Gefährderansprache, also einem Gespräch zwischen Polizei und Täter. Manchmal hilft es schon, wenn ein Polizeibeamter deutlich macht, dass Grenzen überschritten wurden, erzählt Küster - oft aber auch nicht. Dann hat die Polizei die Möglichkeit eine Wegweisung auszusprechen - also dem Täter den Wohnungsschlüssel abzunehmen und ihn bis zu vier Wochen der Wohnung zu verweisen. "Wer schlägt, geht", heißt es. Es wäre hilfreich, wenn die Polizei ihre Möglichkeiten, also die vollen vier Wochen, auch ausschöpfen würde, sagt Küster. Denn drei Tage sind oft zu kurz für eine Frau, um sich um weitere Schritte zu kümmern, wie zum Beispiel ein gerichtliches Näherungs- und Kontaktverbot. 676 Wegweisungen hat die Polizei nach Angaben des Innenministeriums in Schleswig-Holstein 2020 ausgesprochen.

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Gefordert: Mutigere Entscheidung von der Justiz

Doch selbst wenn der Täter die gerichtliche Auflage hat sich seiner Partnerin weder zu nähern noch sie zu kontaktieren, hindert das viele nicht daran, ihre Partnerinnen trotzdem aufzusuchen. Als Sanktionen werden bislang vor allem Geldstrafen verhängt, erklärt Wulf. Doch die hätten bei vielen kaum Wirkung. Rein rechtlich gäbe es die Möglichkeit, dem Täter mit Unterlassungshaft zu drohen. Doch das, so Wulf, hätte sie noch nicht erlebt. Außerdem steht das Näherungs- und Kontaktverbot oft gegen das Umgangsrecht des Vaters mit seinen Kindern. Den müsste die Frau dann trotzdem ermöglichen. Hier wünscht sich Wulf mutigere Entscheidungen von der Justiz, um Opfer und Täter voneinander fernzuhalten - und um auch die Kinder zu schützen. Denn wenn Kinder erleben, dass es Gewalt in der Beziehung der Eltern gibt, sei auch das eine Kindeswohlgefährdung, so Wulf.

Landesverband: Frauenhäuser sind nicht die Lösung des Problems

Die Entscheidung ins Frauenhaus zu gehen sei für viele erst nach einer langen Gewalteskalation denkbar, erzählt Küster. Und trotzdem sind die 16 Frauenhäuser im Land nahezu voll belegt. Sie nehmen jedes Jahr bis zu 2.000 Frauen auf - und müssen noch mehr Frauen abweisen. Laut Bedarfsanalyse des Landes fehlen 100 Plätze, um allen Frauen spätestens nach der zweiten Anfrage ein Angebot machen zu können. Mehr Ressourcen und mehr Personal würden helfen, sagt Wulf, doch gleichzeitig seien die Frauenhäuser auch nur eine Übergangslösung. "Wir haben uns viel zu sehr daran gewöhnt zu sagen: 'Verstecken Sie sich, denn die Polizei kann Sie nicht schützen'." Frauen und Kinder würden ihr gewohntes Umfeld, Kita, Freunde sowie den Arbeitsplatz verlieren. Viel wichtiger sei es ihrer Ansicht nach, den Radius des Täters einzuschränken.

Bessere Vernetzung bei Hochrisikofällen

Schärfere Sanktionen, wenn Kontaktverbote unterlaufen werden, aber auch regelmäßige Fallkonferenzen würden helfen, den Täter in die Verantwortung zu nehmen. Da sind sich Kerstin Küster und Katharina Wulf einig. Wenn bei Hochrisikofällen ein regelmäßiger Austausch zwischen Frauenberatung, Polizei und Jugendamt stattfinden würde, dann hätten sie die Sicherheit der betroffenen Frauen besser im Blick. Im Innenministerium wird dieser Vorschlag gerade intensiv beraten, heißt es auf Anfrage des NDR.

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Schleswig-Holstein Magazin | 10.06.2021 | 19:30 Uhr

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