Unverpackt-Laden als Genossenschaft macht Schule

Stand: 22.04.2023 17:57 Uhr

Der Barmstedter Unverpackt-Laden feiert seinen zweiten Geburtstag. Als Genossenschaft ist er Vorbild für Elmshorn. Das Konzept: Bürgerinnen und Bürger haben Anteile an dem Geschäft, die Verkäuferinnen und Verkäufer arbeiten ehrenamtlich.

von Corinna Below

Ein kleiner Laden in der Chemnitzstraße in Barmstedt (Kreis Pinneberg): KöpManLose heißt er. Plattdütsch. Das passt zu uns, sagt Gaby Müller. Sie gehört zum Gründungsteam des ersten genosschaftlichen Unterpackt-Ladens in Deutschland. Alles, was es hier zu kaufen gibt, ist unverpackt - ohne Plastik. Die Kundinnen und Kunden können sich die Ware selbst abfüllen.

Gaby Müller liebt die Ware, die sie hier verkaufen. "Unsere Händler sitzen hier in Schleswig-Holstein. Kurze Wege - das ist uns wichtig." Nuss-Mischungen, Getreide, getrocknete Früchte, Müslimischungen, jede erdenkliche Art von Flocken, Linsen, aber auch Öle, Essig, Soya-Sauce oder Zahnpasta, Deo, Handcreme, fest und flüssig, Waschmittel und und und. Es gibt ein Vollsortiment mit über 500 Artikel des täglichen Lebens, vor allem Lebensmittel. Sogar Käse und Butter verkaufen sie.

So funktioniert's

Eine Kundin füllt sich Waren ab in einem Unverpackt-Laden. © NDR Foto: Corinna Below
500 Waren hat das Geschäft im Sortiment.

Das Laden-Team muss ständig nachfüllen. Gaby Müller öffnet einen schweren Papier-Sack mit Hafercrunch. Sie nimmt einen Messbecher aus Metall und taucht ihn tief in das Müsli. Dann füllt sie es in den sogenannten Bin. Ein Gefäß, nach unten hin offen und durch einen Schieber geschlossen. "Glas drunter halten und abfüllen, ganz einfach," sagt sie. Wichtig ist: Das Glas wird vorher gewogen, damit das Gewicht auch stimmt.

Wie alles losging

Vor ziemlich genau zwei Jahren eröffneten Barmstedterinnen und Barmstedter den Laden. Es hatte sich eine Gruppe gefunden, die für ihre kleine Stadt unbedingt einen Unverpackt-Laden haben wollte. Doch keiner wollten allein verantwortlich sein, geschweige denn den Laden besitzen. Und Geld hätten sie natürlich gebraucht, erzählt Gaby Müller. Also gründeten sie erst mal eine Genossenschaft, "so dass die Menschen, die dieses System großartig finden, Genossenschaftsanteile kaufen konnten". 150 Menschen kauften welche. 70 Euro je Anteil. Das Geld, was da zusammen kam, war das Grundkapital.

"Zum zweiten haben wir ein Crowdfunding gemacht. Im Internet ist es auch gut angenommen worden, und somit hatten wir Startkapital, um die Einrichtung, die Ware und die Miete und Nebenkosten für die ersten drei Monate zu zahlen", erzählt Gaby Müller strahlend. Das Mobiliar hätten sie dann secondhand gekauft. "Wir sind mit zehn Mann und Lkw nach NRW gefahren und haben das Mobiliar in einem Laden abgebaut, die ein neues Konzept hatten und haben hier alles eins zu eins wieder aufgebaut." Dass sie sogar das Mobiliar nachhaltig verwenden, freue Gaby Müller, denn Nachhaltig ist hier allen wichtig.

Viele Kundinnen und Kunden haben Genossenschaftsanteile

Eine Frau befüllt Waren und lächelt dabei in die Kamera. © NDR Foto: Corinna Below
Gaby Müller vom Team KöpManLose in Barmstedt gehört zum Gründungsteam.

Wer hier einkaufen geht, nimmt sich Zeit. Ulrike Draht ist Kundin und Genossenschaftlerin. Sie nimmt heute Nüsse und gefriergetrocknetes Obst mit. "Das ist für eine Kollegin. Sie ist süchtig danach", sagt sie und lacht. Ulrike Draht ist begeistert von KöpManLose. "Das Team hier ist eine super Truppe mit viel Herz und Verstand." Sie finde es wichtig, "dass wir versuchen, Müll zu vermeiden". Insofern sei sie glücklich, "dass sich hier so viele Menschen zusammengefunden habe, um diesen Laden ins Leben zu rufen". Die Ware sei super, ganz tolle Qualität. "So etwas findet man im normalen Supermarkt einfach auch nicht."

Das System funktioniert nur über das Ehrenamt

40 Ehrenamtliche arbeiten hier. Manche zweimal in der Woche, andere seltener. "Alle so, wie sie es einrichten können", erklärt Gaby Müller. Das Team organisiert seine Dienste über eine App.

Olga Grebenyuk steht heute in der Nachmittagsschicht an der Kasse: "Ich arbeite als Verkäuferin einmal im Monat, dann komme ich noch mal einmal pro Woche zum Putzen, und ich bin sonst auch berufstätig." Gaby Müller betont: "Nur dadurch, dass wir alle ehrenamtlich arbeiten und wir keine Gehälter zahlen müssen, kann sich der Laden tragen." Das sei auch der Grund, warum die Preise halbwegs günstig seien, ergänzt sie.

Ein Konzept, das inzwischen Schule macht

Ortswechsel. Elmshorn, Kirchenstraße 4. Nur 19 Autominuten vom Barmstedter Unverpackt-Laden entfernt: Simpelunverpackt. Große , helle Räume. Auch hier gibt es ein großes Sortiment an unverpackter Ware. Gleich im Eingangsbereich steht ein Tisch. Darauf Gläser gefüllt mit Süßigkeiten: Schokoladen, Gummi-Zucker-Zeug, Pralinen.

Kunden bezahlen ihre Waren in einem Unverpackt-Laden. © NDR Foto: Corinna Below
Simpelunverpackt in Elmshorn ist jetzt eine Genossenschaft.

Seit 2020 gibt es hier bereits einen Unverpackt-Laden, zunächst gegründet als GmbH. "Die ersten Monate liefen super," sagt Jannes Meyer, der den Laden mit einer kleinen Gruppe von Leuten damals gegründete. Aber dann kamen Pandemie, Ukraine-Krieg und Inflation. Das sei zu viel gewesen. "Das Einkaufsverhalten hat sich verändert." Auf Dauer hätte das so nicht mehr funktioniert, sagt er. Laut bundesdeutschem Verband der Unverpackt-Läden haben im vergangenen Jahr zwar 39 Läden aufgemacht, 69 aber geschlossen. Der Trend sei also rückläufig.

Trotzdem wollten die Gründer in Elmshorn nicht einfach so aufgeben. "Wir haben uns dann mit den Barmstedtern ausgetauscht, wollten wissen, wie die das machen." Auf einer Versammlung hätte sich eine große und überwältigende Mehrheit der Kundinnen und Kunden dafür ausgesprochen, eine Genossenschaft zu gründen, um den Laden zu retten. "Das kam bei den Leuten, die zu uns kommen, einfach sehr gut an."

Ein Konzept für die Zukunft?

Martina Grag-Weber steht am Schrank mit den Haushaltshelfern: plastikfreie Schwämme, Bürsten und Lappen, alles waschbar. Sie ist seit 2020 Kundin, liefert aber auch den Kuchen. Seit ein paar Wochen ist sie auch Genossenschaftlerin: "Ich finde das ein tolles Prinzip, weil es nicht gewinnorientiert ist." Es gehe hier um eine Gemeinschaft, die den Laden gemeinsam trage, "von selbst", wie sie sagt. Eben mit einer gemeinsamen Idee. "Und das ist die Zukunft, denke ich." 160 Menschen kauften bei Simpelunverpackt bereits Genossenschafts-Anteile. Aber es können gerne noch viel mehr werden, sagt Mitgründer Jannes Meyer. Das sieht Gaby Müller von KöpManLose in Barmstedt genauso. "Je mehr wir sind, umso besser!" Denn: Sie alle sind überzeugt vom plastikfreien Einkaufen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 24.04.2023 | 19:30 Uhr

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