Gegen den Inselschwund: Sandvorspülungen auf Sylt

Stand: 11.11.2021 17:52 Uhr

Damit die Insel Sylt Bewohnern und Besuchern erhalten bleibt, muss jährlich Sand vorgespült werden. Denn die Insel ist massiv vom Landrückgang betroffen.

von Sabrina Santoro

Der Strand von Westerland, das Rote Kliff, List und Hörnum - die Aufzählung klingt erstmal nach den beliebtesten Inselorten auf Sylt (Kreis Nordfriesland). Es sind aber auch die Orte, die so nicht mehr vorhanden wären, gäbe es nicht jedes Jahr Sandvorspülungen. Quasi ungeschützt vor Wind und Wetter liegt die Insel in der Nordsee. Vor allem die Sturmfluten rauben der Insel jährlich mehrere Millionen Kubikmeter Sand. "Würden wir nichts tun, um die Insel zu schützen, würde sie jährlich ein bis vier Meter zurückgehen. Und dann wäre sie irgendwann nicht mehr da", erklärt Birgit Matelski, Direktorin des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN).

Seit 1984 jährliche Sandvorspülungen

Bei einer durchschnittlichen Sturmflut in den Herbst- und Wintermonaten ist der Wasserstand vor Sylt um bis zu drei Meter höher als normal. Die Wellen schlagen noch mal weitere drei Meter höher auf den Strand. Vermessungsdaten im Zeitraum von 1950 bis 1984 ergaben einen Rückgang des Strandes und der Düne von 1,5 Metern pro Jahr. Damit gingen jährlich 1,4 Millionen Kubikmeter Sand verloren. Erstmals wurde deshalb 1972 Sand vorgespült.

"Seit 1984 machen wir das regelmäßig - also jährlich. Das läuft immer so, dass wir im Herbst eine Vermessung des Strandes haben und dann ein Volumen und eine Tendenz berechnen, wie viel Sand wo benötigt wird, um einen Vergleich zum Referenzzustand von 1984 zu haben und die Insel zu halten", erläutert Matelski. Es gehe also nicht darum, die Insel zu vergrößern, sondern um ihren Erhalt, so die Direktorin weiter.

Von der Insel ins offene Meer

Eine Luftaufnahme zeigt die Südspitze der Nordsee-Insel Sylt. (Archiv, 27.05.2014) © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder/dpa-Bildfunk
Würde kein Sand vorgespült, existierten die Insel-Enden wie im Süden Sylts so nicht mehr.

Dass Westerland, das Rote Kliff, List und Hörnum besonders betroffen sind, liegt an ihrer Lage. Westerland und das Kliff ragen westlich aus der Insel heraus und sind damit leicht exponiert, List und Hörnum bilden die Inselenden. Da Sylt im Wesentlichen nord-südlich ausgerichtet ist und der Wind, der den Seegang hervorruft, überwiegend aus westlichen Richtungen weht, laufen die Wellen nahezu senkrecht auf die Küste auf. Bei Fluten trägt das Wasser den Sand aus der Vordüne, dem Bereich zwischen Ufer und Dünengürtel, und der Randdüne, der ersten Düne vom Meer aus Richtung Land, ab. Der Sand geht aber nicht direkt verloren, er bewegt sich im Wasser zunächst gen Inselenden. Hier bleibt er aber leider nicht liegen, sondern gelangt durch den Seegang zunächst in die sogenannten Tiderinnen und von dort dann in die offene Fläche - in die Nordsee.

2,45 Millionen Kubikmeter Sand in diesem Jahr

Die flexiblen Sandvorspülungen erwiesen sich bisher als beste Methode, um die Insel zu erhalten und den Abtransport den Landes auszugleichen. Die Arbeiten dafür starten bereits im April. Acht Kilometer vor Westerland nimmt ein Saugbagger in einem genehmigten Gebiet aus circa 14 Metern Tiefe den Sand und verlädt ihn auf ein Schiff. Das wiederum dockt mit dem Sand an eine Leitung wenige Hundert Meter vor dem Strand an. Hierüber wird dann das Sand-Wasser-Gemisch an die entsprechende Stelle gespült und verteilt. So ergeben sich bis zum Oktober für die Herbst- und Wintermonate die Sanddepots in den Vordünen. Für dieses Jahr sind die Sandvorspülungen abgeschlossen. 2,45 Millionen Kubikmeter wurden benötigt, allein die Hälfte davon für die besonders gefährdeten Hotspots.

Alternative Methoden haben versagt

Die Küstenschützer probierten schon einiges aus, um die Insel zu erhalten. Tetrapoden beispielsweise wurden vor Westerland installiert. "Letztlich haben sie die Ufermauer nicht geschützt. Die Wellenenergie wirkt auch auf sie ein, sodass sie sich verlagern und teilweise sogar eingesunken sind. Wir mussten sie an manchen Stellen regelrecht ausbuddeln", sagt Matelski. Die Betonblöcke wurden schließlich wieder abgebaut. Lediglich im Süden an der Hörnum-Odde kommen sie noch zu Einsatz, um den Sand, der von Westerland nach unten abgetragen wird, so lange wie möglich zu halten. Der Sand, der nun vorgespült wird, sei im Gegensatz zu den Tetrapoden eine Konstante, die über den Winter halte und die Küstenlinie bewahre, so Matelski weiter.

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NABU kritisiert: "Kaum ein Tier überlebt das"

Darüber hinaus sei die Sandvorspülung ein naturnahes Verfahren, erklärt Matelski. Das sieht der NABU aber nur bedingt so. "Millionen Würmer, Muscheln, Krebse und junge Fische werden mit den Saugbaggern aufgenommen und über Pipelines auf den Strand geworfen. Kaum ein Tier überlebt das", sagt Kim Cornelius Detloff, Leiter der Abteilung Meeresschutz beim NABU. Seiner Ansicht nach verlieren die Menschen so technisch den Wettlauf gegen den Meeresspiegelanstieg und Sturmfluten. "Vielmehr müssen wir mit der Dynamik im Wattenmeer leben, sie nutzen. Das braucht aber eine nachhaltige Strategie und die Bereitschaft, Veränderungen in der Form von Küstenlinien zu akzeptieren. Sand wird natürlicherweise abgebaut und an anderer Stelle abgelagert. Küstendünen, Salz- und Seegraswiesen sind gleichzeitig natürlicher Küsten- und Klimaschutz", so Detloff weiter.

Matelski betont, dass für die Entnahme ein Ausgleich geschaffen wird: "Es wurden und werden noch Buhnen vor Sylt, Föhr und Amrum zurückgebaut und Stelen zur Besucherinformation und -führung aufgestellt. Kann damit nicht die volle Kompensation erfolgen, werden zusätzlich Ökopunkte erworben", so die LKN-Direktorin. Ein Ökopunkt entspricht laut Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein einem Ausgleichsbedarf von einem Quadratmeter.

Ein Verfahren mit Zukunftsperspektive?

Seit 1972 wurden zum Schutz der Insel Sylt rund 57 Millionen Kubikmeter Sand vorgespült - für Kosten in Höhe von rund 262 Millionen Euro. In diesem Jahr belief sich die Summe auf 13,8 Millionen Euro. 70 Prozent der Kosten trägt der Bund, die restlichen 30 Prozent muss das Land Schleswig-Holstein selbst aufbringen.

LKN-Direktorin Matelski geht davon aus, dass das Verfahren auch noch die nächsten Jahrzehnte so angewendet wird. Es sei die einzige Möglichkeit, die Insel und die Küstenlinie Jahr für Jahr so zu erhalten.

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Schleswig-Holstein Magazin | 11.11.2021 | 19:30 Uhr

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