Stand: 12.08.2020 20:00 Uhr

Forscherteam weist in Arktis langlebige Chemikalien nach

Fluor-Kohlenstoff-Verbindungen, mit denen Kaffeebecher, Pizzakartons, Outdoorjacken, Einwickelpapier für Lebensmittel und andere Produkte beschichtet werden, belasten die Natur. Konkret handelt es sich um sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFAS. Erst kürzlich warnte das Umweltbundesamt (UBA) vor den Schadstoffen, die fett-, wasser- und schmutzabweisend sind. Wissenschaftler aus dem Helmholtz-Zentrum Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) haben nun im Wasser der Arktis PFAS gefunden. Diese Substanzen kann die Natur nicht abbauen. "Gerade wenn man selbst vor Ort war, ist es schon irgendwie bedrückend, wenn man weiß, dass sich die Substanzen eben nicht abbauen und dort Jahrhunderte verbleiben werden, dann in die Nahrungskette gelangen", sagt Hanna Joerss vom Geesthachter Helmholtz-Zentrum.

VIDEO: PFAS - langlebig und nicht zu zerstören (3 Min)

Auch industrielle Ersatzstoffe zu finden

Viele PFAS-Kombinationen wurden inzwischen verboten. Doch Hanna Joerss hat durch ihre Wasserproben in der Arktis jetzt nachgewiesen, dass sogar Ersatzstoffe - die von der Industrie eingesetzt werden - ebenfalls dort zu finden sind. Alle aus derselben chemischen Gruppe, mit problematischen Auswirkungen.

Experten befürchten, dass erhöhte Konzentrationen dieser Substanzen im menschlichen Blut die Wirkungen von Impfungen vermindern, die Neigung zu Infekten sowie die Cholesterinwerte erhöhen und bei Nachkommen ein verringertes Geburtsgewicht zur Folge haben könnten.

Experte: Immunsystem kann beeinträchtigt werden

Jürgen Gandrass vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, erklärt, dass die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit darauf hingewiesen hat, dass das Immunsystem beeinträchtigt werden kann. Dem hat sich auch das Umweltbundesamt in Deutschland angeschlossen. "Und es gibt erste epidemiologische Studien, die darauf hindeuten, dass auch die Auswirkungen auf die Effektivität von Impfungen eingeschränkt sein kann", sagt Jürgen Gandrass.

Umweltamt: Kinder und Jugendliche haben zu viele Chemikalien im Blut

Forscherin Hanna Joerss vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht steht in einem Labor vor einem Tisch mit durchsichtigen Behältern und Rörchen. © NDR
Hanna Joerss vom Helmholtz Zentrum in Geesthacht hat mit ihrem Team in der Arktis geforscht.

Auch in Nord- und Ostsee hat Hanna Joerss mit ihrem Team Proben genommen - und PFAS-Substanzen gefunden. Eine neue Studie des Umweltbundesamtes zeigt, dass schon jedes fünfte Kind im Alter von 3 bis 17 Jahren Konzentrationen davon im Blut hat, die gesundheitsgefährdend sind. Insgesamt umfasst die Stoffgruppe laut Umweltbundesamt jedoch etwa 4.700 Substanzen. Das Blut aller in der Studie untersuchten Kinder und Jugendlichen war laut Bundesamt mit den Chemikalien belastet.

Mehr als 4.700 PFAS-Varianten

Die Wissenschaftler aus Geesthacht sind überzeugt, dass die gesamte Gruppe der 4.700 PFAS-Varianten schnell verboten werden sollte. Wichtig wäre Hanna Joerss vor allem eine Kennzeichungspflicht von Produkten, die PFAS enthalten. So könnten sich Verbraucher bewusst entscheiden, ob sie solche Produkte kaufen wollen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 12.08.2020 | 19:30 Uhr

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