Stand: 10.02.2018 08:00 Uhr

Frühchensimulator "Paul": Üben für den Ernstfall

von Astrid Wulf

Im Versorgungsraum der Säuglingsintensivstation ist es warm und dunkel. Auf dem kleinen Behandlungstisch liegt "Paul". Das neugeborene Frühchen ist winzig, gerade mal 35 Zentimeter groß. Die Ärmchen sind dünn, die Finger winzig. "Der macht noch nicht so viel", murmelt Kinderarzt Thomas Weisner. "Ich taste mal den Puls, der ist auf jeden Fall so unter hundert." Kinderkrankenschwester Grit Rorich hüllt "Paul" in ein warmes Tuch. "Ich bau mal Elektroden und Sättigungsfühler an." Die Kontrolltöne der Monitore mischen sich mit dem metallischen, kraftlosen Krähen des Babys.

Lübecker Klinik setzt auf Frühchensimulator

Der Trainer steuert die Herzfrequenz und Atemwerte der Puppe

Das Frühgeborene auf dem Versorgungstisch ist nur eine Silikonpuppe, trotzdem stehen der Kinderarzt und die Krankenschwester bei diesem Simulationstraining unter Druck. Philipp Jung steuert das Training einige Meter abseits mit seinem Tablet. Der Teamtrainer kann digital unter anderem die Atemwerte und Herzfrequenz steuern. "Die Herzfrequenz ist weiter 85", sagt Schwester Grit. Der Kinderarzt drückt ein kleines Atemgerät auf den Mund des zarten Babys, immer wieder checken die beiden die Kontrollmonitore. Nach einigen Minuten ist es geschafft - "Paul" ist stabil.

In den Trainings sollen Fehler passieren

"Super." Philipp Jung erlöst seine Kollegen. "Wir machen hier einmal Schluss im Szenario." Thomas Weisner und Grit Rorich atmen auf. Diese Simulationstrainings sind fast stressiger als der Alltag, findet die Kinderkrankenschwester, schließlich wisse man nie, was einen erwartet. Auch Kinderarzt Weisner findet es leicht, sich auf diese Übungen voll einzulassen: "Adrenalin ist immer dabei." Die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger unter Stress setzen - das ist genau das, was Philipp Jung und seine Kollegen mit den Trainings erreichen wollen. "Wir versuchen es zum Teil ganz gezielt, Fehler hervorzurufen, um Lösungsstrategien zu erarbeiten, wie man aus dieser Situation möglichst ohne Patientenschaden wieder herauskommt."

Nur drei Kliniken bundesweit arbeiten mit dem Simulator

Etwa jedes zehnte Baby kommt zu früh auf die Welt, sagt Philipp Jung. Im UKSH Lübeck versorgen die Ärzte, Pfleger und Schwestern etwa einhundert Frühchen im Jahr. In vielen Fällen ist die Lunge der kleinen Babys noch unreif, oft brauchen sie Unterstützung bei der Atmung. Bei Ärzten und Krankenschwestern muss dann jeder Handgriff sitzen, auch die Kommunikation innerhalb der Versorgungsteams muss stimmen. Um diese Abläufe üben zu können, hat sich die Klinik "Paul" angeschafft. Damit gehört die Lübecker Uniklinik zu den bundesweit drei Krankenhäusern, die mit den realistischen Simulatoren arbeiten.

Schwierige Abläufe und Kommunikation können trainiert werden

Grit Rorich ist froh, dass es die Trainings gibt. "Man wird einfach sicher in seinem Handeln. Sachen, die da vielleicht nicht so gut laufen, verinnerlicht man so, dass die im normalen Alltag fast nicht mehr passieren."

Einen gelegten Beatmungsschlauch ziehen zu müssen, weil er nicht richtig liegt und möglicherweise nicht genug Luft in der kleinen Lunge ankommt - davor hatte Assistenzarzt Thomas Weisner immer Hemmungen. Das Training habe ihm geholfen, im Ernstfall bei Frühchen richtig zu handeln. Auch die Absprachen bei den gemeinsamen Einsätzen lassen sich so gut trainieren, findet er. "Man weiß, wie man miteinander sprechen muss, was so die Stolpersteine sein könnten, das finde ich superwichtig."

Start-Up aus Österreich hat den Frühgeborenen-Simulator entwickelt

Jens Schwindt ist Chef des Österreichischen Startups, das "Paul" entwickelt hat. Schwindt hat früher selbst als Kinderarzt Frühchen versorgt. Damals fehlte ihm ein realistischer Simulator, um mit seinem Team üben zu können - also entwickelte er "Paul" mit Hilfe der Uni Wien kurzerhand selber. Heute ist "Paul" in Lübeck, Passau und Tübingen im Einsatz, außerdem in Österreich und Kasachstan. Dass Simulationstrainings an Kliniken noch nicht gesetzlich vorgeschrieben sind, kann er nicht verstehen. Er findet, dass Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger verpflichtet sein müssten, an Puppen zu trainieren - schließlich trainierten auch Piloten viele Stunden an Simulatoren, bevor sie mit echten Passagieren abfliegen dürfen.

Mehr Trainings wären sinnvoll, sie sind allerdings sehr teuer

Viele Kliniken arbeiten mit einfacheren Patientensimulatoren,  "Paul" ist hingegen ein recht teures Exemplar. 50.000 Euro für die Puppe und das nötige Equipment hat die Dräger-Stiftung finanziert, auch die Trainings selber sind ein Kostenfaktor für die Klinikleitung. Schließlich müssen sich dafür Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger kurzzeitig aus dem eng getaktetem Stationsalltag ausklinken. Trotzdem: Wenn es nach Philipp Jung und seinem Team ginge, dürften die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger auf der Kinder-Intensivstation viel öfter an "Paul" trainieren - momentan können die Kollegen nur alle paar Monate an den Simulationen teilnehmen.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 08.02.2018 | 20:05 Uhr

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