Daniel Hettwich sitzt gelassen in einem Stuhl an einem runden Tisch. Links neben ihm ist eine weiße Stehlampe. © NDR Foto: Linda Ebener

Freiwillig im Gefängnis: Buß- und Betjahre eines Ostholsteiners

Stand: 17.11.2021 05:00 Uhr

Der Ostholsteiner Daniel Hettwich ging einst freiwillig ins DDR-Gefängnis, weil er einen tödlichen Autounfall verursacht hatte. Zum Buß- und Bettag geht er mit der Geschichte sehr offen um.

von Linda Ebener

Daniel Hettwich ist in West-Berlin - oder wie er sagt: "auf der Straße groß geworden, in Kreuzberg". Er wollte Geld verdienen und hat als Pharmakant gearbeitet und Arzneimittel hergestellt. "Da wo ich herkomme, war das eine echte Leistung." Mit 23 Jahren wurde er in seiner Firma sogar zum Betriebsrat gewählt. In dieser Position fragte ihn eine Kollegin, ob er den Umzug ihres pflegebedürftigen Vaters von Celle nach West-Berlin übernehmen könnte. Ihr fehlten die finanziellen Mittel dafür. Er sagte zu. Mit einem Lkw, der 7,5 Tonnen laden kann, machte er sich auf den Weg nach Celle über die Transitstrecke von Ost- nach Westdeutschland.

Tödlicher Unfall in der damaligen DDR

Zu sehen ist ein grüner Berechtigungsschein zum mehrmaligen Empfang eines Visums. © Daniel Hettwich Foto: Daniel Hettwich
Diesen Berechtigungsschein benötigte Hettwich, um über die Transitstrecke von Ost- nach Westdeutschland zu kommen.

Der Zeitraum der Überquerung der Transitstrecke von Ost- nach Westdeutschland und wieder zurück war begrenzt, weshalb sich Hettwich beeilte und es an einem Tag schaffen wollte. Er fuhr nach Celle, füllte den Umzugswagen und fuhr zurück nach West-Berlin - völlig übermüdet.

Auf der Transitstrecke in der ehemaligen DDR krachte es dann plötzlich. Hettwich kann sich noch gut an ein ängstliches Gesicht einer älteren Dame in einem Trabant erinnern. Der heute 57-Jährige hatte nicht bemerkt, dass sich der Trabbi vom Beschleunigungsstreifen wieder auf die Autobahn einfädeln wollte.

Mit ungebremster Geschwindigkeit fuhr Daniel Hettwich auf den Trabant auf. Drei Personen wurden schwer verletzt. Die Frau, an die er sich erinnert, starb.

Eine Zeit der Gewalt und Angst begann

Daniel Hettwich versuchte noch, die Personen zu bergen. Dann kamen Volkspolizisten der DDR und nahmen ihn in Gewahrsam. "Es kam ein Gefangenentransporter. Darin waren kleine Zellen, nicht größer als ein halber Quadratmeter. Darin hab' ich in Handschellen gefesselt gekauert, in absoluter Dunkelheit, und hab' geguckt, was jetzt passiert."

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Eine Stunde später kam er bei der nächsten Polizeistation an. Zwei Tage lang fanden Verhöre statt. "Die Polizei wollte von mir wissen, seit wann ich diesen schlimmen Auffahrunfall geplant hatte. Für sie war es ja kein Unfall, sondern ein Anschlag auf Bürger der DDR", erinnert sich Hettwich.

Gefängnisstrafe statt Kaution

Dem damals 23-Jährigen wurde immer bewusster, was er getan hatte. Nach dreimonatiger Untersuchungshaft kam er gegen eine Kaution von 100.000 D-Mark frei. Die zahlte er durch Eigenmittel und seine Rechtschutzversicherung. Hettwich durfte zurück in seinen Wohnort in Westdeutschland fahren.

Drei Monate später wurde er während eines öffentlichen Prozesses in Brandenburg zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Da die Strafe in der Bundesrepublik nicht vollzogen wurde, war ihm freigestellt, die Haft anzutreten.

Zu sehen ist eine Arrestzelle in der Strafvollzugseinrichtung Berlin-Rummelsburg 1990 © Daniel Hettwich Foto: Daniel Hettwich
So sah die Zelle von Daniel Hettwich in Berlin-Rummelsburg aus.

Daniel Hettwich trat an - er wollte für den Tod der Frau büßen. Von November 1987 bis Oktober 1989 saß er seine Strafe in der Strafvollzugseinrichtung Berlin-Rummelsburg ab.

Glaube zu Gott hat Hettwich Kraft gegeben

In dieser Hilflosigkeit nach dem tödlichen Unfall und im Gefängnis betete Daniel Hettwich zu Gott. Er, der mit Glauben eigentlich vorher nichts am Hut hatte. "Lieber Gott, wenn Du mir hilfst, dass irgendwie auszuhalten, dann versprech ich dir für den Rest meines Lebens ein anständiger Mensch zu sein", erinnert sich Hettwich an seine Gebete: "Und er hat mir irgendwie geholfen."

Nach Entlassung nur noch soziale Berufe

Nach seiner Entlassung im Oktober 1989 krempelte Hettwich sein Leben komplett um. Er arbeitete nicht mehr in der Arzneimittelherstellung, sondern nur noch in sozialen Berufen. Er kaufte zum Beispiel in Thüringen verfallene Gebäude auf und sanierte sie für den sozialen Wohnungsbau. Später machte er eine Ausbildung zum Erzieher und arbeitet jetzt als Flüchtlingsbeauftragter des Ev.-Luth. Kirchenkreises Ostholstein.

Inzwischen geht Hettwich mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Der Buß- und Bettag sei der richtige Tag, um darauf aufmerksam zu machen, Verantwortung für die persönliche Schuld zu übernehmen, sagt er.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 17.11.2021 | 19:05 Uhr

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