Forscher in SH kämpfen gegen antibiotikaresistente Keime

Stand: 27.05.2022 14:46 Uhr

Sie gelten als Meister der Evolution: Bakterien. Bei immer mehr Menschen helfen die verschriebenen Antibiotika nicht mehr. Aber statt neue Medikamente zu entwickeln, die die Bakterien bekämpfen, setzen sich Forscher in Kiel und Lübeck für eine neue Strategie ein.

von Jens Zacharias

Wenn Antibiotika gegen krankheitserregende Bakterien nicht mehr helfen und wirkungslos sind, spricht man von Resistenz. Gefährlich wird es, wenn ihnen praktisch nichts mehr etwas anhaben kann, erklärt Professor Hinrich Schulenburg von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU): "Das ist so, als wenn wir gar kein Medikament nehmen." Das wurde im vergangenen Jahr mehr Menschen zum Verhängnis als die Corona-Pandemie. Innerhalb eines Jahres sind knapp fünf Millionen Menschen weltweit an multiplen Resistenzen gestorben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat diese gefährliche Lage erkannt und empfiehlt zehn bis 15 neue Antibiotika zu entwickeln. Der Kieler Professor Schulenburg meint, das sei verrückt. Er hätte einen viel besseren Weg.

Die Meister der Evolution

Ein Mann arbeitet an einem Laptop. © Jens Zacharias/NDR Foto: Jens Zacharias
Prof. Dr. Hinrich Schulenburg findet es verrückt, im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen immer neue Antibiotika zu entwickeln.

Bakterien sind Meister der Anpassung und der Evolution, erklärt Schulenburg. Einige von ihnen überleben extreme Hitze oder Kälte, auch Säuren, Radioaktivität oder Bakteriengifte können ihnen oft nichts anhaben. Deswegen würden sie es leider immer schaffen, sich auf neue Antibiotika einzustellen. "Von der Weltgesundheitsorganisation wird Evolution kaum bis gar nicht berücksichtigt", erklärt Schulenburg. Wenn der Gegner ein Meister der Evolution und der Anpassung ist, dann sollten wir Menschen auf der anderen Seite ebenfalls zu Meistern der Evolution werden. In seinen Forschungen holt Schulenburg zum evolutionären Doppelschlag aus. "Wenn die Bakterien eine Resistenz gegen Antibiotika A entwickeln, zeigen sie gleichzeitig eine deutlich schlechtere Resistenz gegenüber einem anderen Antibiotikum B und zwar schlechter als vorher."

Im Boxring gegen den Meister der Evolution

Auf einen Boxring übertragen heißt das: Der erste "Antibiotikum A Schlag" wird zwar abgewehrt, aber unser Gegner, das Bakterium, hat seine Deckung aufgemacht und wir holen zum zweiten "Antibiotikum B Schlag" aus, der dann laut Schulenburg "viel besser wirkt und es funktioniert." Und nicht nur der evolutionäre Doppelschlag mit einer ganz bestimmten Antibiotika-Kombination nacheinander funktioniert. Schulenburg hat schon jetzt eine Serie zufälliger Kombination aus drei verschiedenen kurzen Antibiotikaschlägen getestet, die noch bessere Ergebnisse im Kampf gegen krankheitserregende Bakterien liefert.

Der schnelle Wechsel der Umwelt

Eine Grafik einer Zeitleiste über den Einsatz von Antibiotika. © Professor Hinrich Schulenburg/CAU Kiel Foto: Professor Hinrich Schulenburg/CAU Kiel
Eine Zeitleiste der Antibiotika-Geschichte: Oben sind Antibiotika und ihr erster Einsatz. Unter der Zeitleiste, das erste Auftreten von Unwirksamkeiten bzw. ersten Resistenzen.

"Grundsätzlich haben Organismen Schwierigkeiten sich anzupassen, wenn die Umwelt sich schnell und zufällig verändert," sagt Schulenburg. Deswegen wären für den Kampf gegen resistente Bakterien also nicht unbedingt immer neue Antibiotika nötig. Die Alten tun es mit der Zweifach- oder Dreifach-Schlag-Kombination anscheinend auch ziemlich gut und haben noch einen weiteren Vorteil, erklärt Schulenburg: "Das Schöne ist, das wir mit den vorhandenen Antibiotika arbeiten können. Da muss nicht erst geprüft werden, ob die Schaden anrichten oder nicht. Das wissen wir bereits. Wir wissen auch, dass sie grundsätzlich effizient sind. Das Wenige, was wir jetzt nachweisen müssten ist, dass auch die Art und Weise, wie sie angewendet werden, tatsächlich effizienter ist, als das, was man normalerweise macht."

Forschung auf den Klinikalltag übertragen

Die Arbeit von Schulenburg ist biologische Grundlagenforschung, die bereits jetzt in Zusammenarbeit mit Professor Jan Rupp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck medizinisch getestet wird. In Kiel arbeitet Doktorand Florian Buchholz an der Zusammenarbeit mit den Lübeckern. Dafür sitzt er täglich am Lesegerät für Mikrotiterplatten um die Wirkung seiner Versuche zu überprüfen. "Für uns ist die Frage: Wie kriegen wir evolutionsbasierte Methoden, die wir hier im Labor benutzen, näher in den klinischen Alltag", sagt Buchholz.

Der Doktorand ist froh, zusammen mit Schulenburg, Rupp und den vielen Kollegen in Kiel und Lübeck an einer evolutionären Methode gegen antibiotikaresistente Bakterien zu arbeiten. Denn die könnte vielleicht schon bald Millionen Menschen das Leben retten.

Weitere Informationen
Bakterienkulturen in einer Petrischale.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 27.05.2022 | 19:30 Uhr

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Medizinische Forschung

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