Fehmarnbelttunnel: Werden Riffe stärker belastet als erlaubt?

Stand: 31.05.2022 13:15 Uhr

Die Bauarbeiten für den Fehmarnbelttunnel zwischen Fehmarn und Dänemark stehen erneut in der Kritik. Ein Tauchteam von NDR Schleswig-Holstein entdeckte jetzt eine Belastung der angrenzenden Riffe, die das erlaubte Maß übersteigen könnte.

von Philipp Jeß

Ein Korallenriff liegt auf Meeresboden. © NDR Foto: Uli Baron
Die Aufnahmen zeigen: Die Riffe sind stark von Sediment bedeckt.

Wer unabhängig überprüfen will, welche Auswirkungen die Tunnel-Bauarbeiten im Fehmarnbelt auf das Leben in der Ostsee haben, braucht ein Boot, Unterwasserkameras, Tauchequipment und eine Sondergenehmigung, um im Sperrgebiet operieren zu dürfen. Das Tauchteam des NDR Schleswig-Holstein und Reporter von Panorama 3 hatten all das und konnten auf diese Weise an mehreren Tagen im Mai dieses Jahres dokumentieren, dass der Tunnelbau das Ökosystem offenbar stärker belastet als behauptet.

Aufnahmen bestätigen Befürchtungen

Die NDR-Forschungstaucher Jonas Drescher und Philipp Jeß fuhren im Rahmen eines neues Wissenschaftsformats zu einem Riff, das mehrere Hundert Meter von der Tunnelbaustelle entfernt liegt und das bereits vor Beginn der Bauarbeiten vergleichbar gefilmt wurde. Die Taucher stellten fest: Im Mai 2022 sind auf dem Riff deutlich mehr Sediment und weniger Schwämme nachweisbar als auf Aufnahmen der Tauchfirma Submaris aus dem Jahr 2020. Dabei sind die Aufnahmen 2020 sogar im September entstanden, wenn die Biomasse der Schwämme geringer ist als im Mai. Damit scheinen die Aufnahmen Befürchtungen zu bestätigen, dass Riffe im Umfeld der Baustelle durch Baggerarbeiten so stark von Sediment bedeckt werden, dass ihr Überleben in Gefahr ist.

Die eigentlich sehr langlebigen Schwämme sind elementar für das Ökosystem, weil sie den Lebensraum für andere Arten bereiten und somit am Anfang der vielfältigen Nahrungskette stehen, die von Muscheln und Krabben über Dorsch bis zum Schweinswal reicht.

Spezialisten entdeckten schützenswerte Riffe

Bereits im Vorfeld der Bauarbeiten war herausgekommen, dass durch den Bau ökologisch wertvolle Riffe zerstört werden würden, weil sie dem Tunnel im Weg sind. Diese Riffstrukturen hatte die Vorhabenträgerin Femern A/S in ihrer Planung nicht angegeben. Sie wurden erst durch Spezialisten entdeckt und kartiert, die im Auftrag des Umweltschutzverbands NABU mehrere Transekte im Bereich der geplanten Baustelle untersuchten. Auch das NDR-Tauchteam konnte 2020 ein in der Planung nicht erwähntes Riff nachweisen.

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Teil eines Riffs im Fehmarnbelt (Quelle NABU). © dpa picture alliance Foto: Ida Marie Odgaard

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Bau an gesamter Tunneltrasse erlaubt

Das Unternehmen musste mit einer Planänderung reagieren. Klagen, die das Ziel hatten, wegen der Riffe einen Baustopp zu erwirken, scheiterten und seit dem Planänderungsbeschluss im Herbst 2021 darf Femern A/S entlang der gesamten Tunneltrasse arbeiten und dabei auch Riffe zerstören. Außerdem genehmigten die Behörden, dass weitere Riffe im Fehmarnbelt im Zuge der Baggerarbeiten durch Sediment belastet werden dürfen. Allerdings nur in einem Ausmaß, das sie nicht nachhaltig beschädigt. Das bedeutet: Die Steinriffe dürfen nicht so stark mit Sediment bedeckt werden, dass die auf ihnen lebenden Pflanzen und Schwämme absterben.

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Aktionsbündnis misstraut dem Umweltmonitoring

Aber genau das passiere gerade im Fehmarnbelt, sagt Isabel Arent vom "Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbelt-Querung". "Diese Sedimente kommen aus der Tiefe der Baggerarbeiten, sie sind nicht an der Oberfläche des Meeresgrundes zu finden." Das Aktionsbündnis vertraut nicht auf die Daten, die Femern A/S im Rahmen eines Umweltmonitorings selbst erhebt.

Diese Messungen der Sedimentströme werden zwar unter anderem der schleswig-holsteinischen Planfeststellungsbehörde zur Verfügung gestellt und dort laut Wirtschaftsministerium "sehr gewissenhaft und genau" geprüft, eigene Untersuchungen führen die Behörden aber nicht durch. So entsteht für manche der Eindruck, dass Femern A/S sich hier selbst kontrolliert.

Femern A/S: Nur temporäre Beeinträchtigung

Deswegen charterte das Aktionsbündnis ein Forschungsschiff samt Besatzung, um der Bauträgerin auf die Finger zu schauen. Ein Team von Panorama 3 war im Mai mit an Bord und konnte mit Hilfe eines Tauchroboters nicht nur das Ausmaß der genehmigten Zerstörung von Riffen auf der Tunnelstrecke filmen, sondern ebenfalls Aufnahmen machen, die zeigen, wie Riffstrukturen in 200 Meter Entfernung zum Graben mit einer dicken Masse belegt sind.

Femern A/S teilt NDR Schleswig-Holstein auf Anfrage mit, nach ihren eigenen Daten wäre das Ausmaß der Sedimentierung völlig in Ordnung. Riffe würden nicht zerstört, "sondern lediglich temporär beeinträchtigt". Es würde nur Sediment freigesetzt, wie es natürlicherweise in der Ostsee anzutreffen sei. Das sei nicht immer von den bei Stürmen freigesetzten Sedimenten zu unterscheiden. Das Aktionsbündnis fordert jetzt eine neue Untersuchung des Zustandes der Riffe im Fehmarnbelt - von einem unabhängigen Institut.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 31.05.2022 | 19:30 Uhr

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