Erster Datenträgerspürhund in SH: Der Joker der Polizei

Stand: 22.11.2021 12:32 Uhr

Die Bedeutung von Datenträgern wird immer größer - auch beim Aufklären von Verbrechen. Da sie auch immer kleiner werden, sind sie nur schwer zu finden. Darum bildet die schleswig-holsteinische Polizei gerade ihren ersten Datenträgerspürhund aus - Joker.

von Kai Peuckert

Eine alte Lagerhalle in Neustadt in Holstein ist heute der Trainingsort von Hundeführerin Bonny Häusler und ihrem Schutzhund Joker. Es riecht modrig, als sie die Räume zum ersten Mal betreten. Joker wird gerade zum Datenträgerspürhund ausgebildet, dem ersten in Schleswig-Holstein. Ausbilderin Annika Leinius hat den "Tatort" zuvor präpariert. Sie hat USB-Sticks und Handys - komplett oder nur die internen Speicher - versteckt, zusätzlich eine Minikamera mit Micro-SD-Karte von NDR Schleswig-Holstein. Joker soll diese nach und nach erschnüffeln. Doch sofort loslegen kann Joker nicht. "Erstmal muss er sich akklimatisieren, sich an die Luft hier drin gewöhnen, die ist ganz anders als draußen", erklärt Bonny Häusler.

Suchbereich wird genau eingegrenzt

Nach ein paar Minuten kann es dann losgehen. Als erstes streift Häusler ihrem Deutschen Schäferhund ein silber-orangefarbenes Signalhalsband über. "Das ist für ihn das Zeichen: Jetzt wird nicht mehr gespielt, jetzt wird gesucht", erläutert Häusler. Aber nicht frei Schnauze in der ganzen Halle. Die Hundeführerin gibt ihm mit ihren Händen den Suchbereich vor. Zwei Schreibtische, Bürostühle und Metallstangen im Eingangsbereich der Halle. Irgendwo versteckt: Unsere Mini-Kamera mit Micro-SD-Karte als Speichermedium - eine neue Kombination für den schwarzen Hund. Auf Häuslers Kommando: "Spür!" legt Joker los.

Gewissenhaft und verspielt

Gewissenhaft riecht Joker die Einrichtungsgegegenstände ab - ganz ruhig. Dieses Suchverhalten ist neben einem ausgeprägten Spieltrieb eine wichtige Voraussetzung, ein Datenträgerspürhund werden zu können. "Er hat eine super gute Geruchsleistung und er ist ein ganz, ganz ruhiger und genauer Sucher, er wird nicht fahrig. Das braucht man in diesem Bereich, weil die Datenträger nicht viel Eigengeruch aussenden", sagt Häusler.

Nach einem Klick ist die Suche vorbei

Zwei Polizistinnen stehen in einem Raum und beobachten einen schwarzen Hund bei der Suche nach etwas. © NDR
Ein neuer Geruch: auch unsere versteckte Kamera mit Speicherkarte findet Joker auf Anhieb.

Die Kamera mit Micro-SD-Karte ist für den drei Jahre alten Joker kein Problem, obwohl er diese Kombination nicht kannte. In den vergangenen zehn Wochen seiner Spezialausbildung hat er gelernt, auch verwandte Gerüche als Zielobjekt zu erkennen. Als er sie erschnüffelt hat, weicht er etwas zurück, er scheint einzufrieren. Mit einem Klick-Geräusch erlöst Ausbilderin Leinius Joker aus seiner Starre und signalisiert ihm, dass er richtig liegt. Sofort läuft Joker zu seiner Hundeführerin und bekommt eine Belohnung. "In diesem Fall Futter, weil das ein verfressener Hund ist", sagt Leinius mit einem Augenzwinkern.

Viele Festplatten und Handys auseinander gebrochen

Mit neun Monaten hat Bonny Häusler ihren Joker bekommen und bereits kurz danach begonnen ihm die Kombination "bei Klick gibt es eine Belohnung" beizubringen. Erst danach kamen die Gerüche ins Spiel. Damit er nicht auch auf Kunststoffe anspringt, haben Leinius und Häusler Handys und Festplatten auseinander gebaut und Joker mit den reinen Gerüchen der Speichermedien vertraut gemacht. "Wir haben ihm beigebracht, wenn Du diesen oder jenen Geruch irgendwo wahrnimmst, dann zeig mir dein Anzeigeverhalten, dass er dann Platz macht oder einfriert in seiner Bewegung, dann weiß ich, er hat was gefunden", sagt Häusler.

Joker erkennt auch verwandte Gerüche

Nach und nach wurden die Aufgaben schwerer - Handys, SIM-Karten, USB-Sticks. Joker findet sie inzwischen fast alle, wenn auch nicht auf Anhieb. Nachdem Joker den Geruch einer externen Speicherkarte verinnerlicht hatte, sollte er ein Modell eines anderen Anbieters finden. Zunächst ohne Erfolg. Häusler dachte, nun müssten sie ihm jedes Modell von jedem Hersteller beibringen. "Das sind zu viele, das wäre unmöglich", sagt sie. Aber Joker verstand schnell, dass er auch bei ähnlichen Gerüchen sein Anzeigeverhalten zeigen muss - und dafür belohnt wird. Er speichert neu gelernte Düfte sofort ab und kann das Wissen später abrufen.

Unklar, was Joker genau riecht

Eine blonde Polizistin führt einen schwarzen Hund in einem Raum an der Leine. © NDR
Zwölf Wochen dauert die Ausbildung zum Datenträgerspürhund für Bonny Häusler und ihren Joker.

Die schwierigste Aufgabe für den angehenden Datenträgerspürhund heute: An einem Regal ist ein Plastikrohr befestigt, in dem ein Smartphone versteckt ist. Da die Öffnung oberhalb von Jokers Nase nach oben zeigt, muss er den geringen Eigengeruch der verbauten Datenträger durch den Kunststoff wahrnehmen. "Es sind verschiedene Metalle, es sind verschiedene Lötsachen - ich kann jetzt aber nicht sagen, das ergibt deinen Zielgeruch", erläutert Ausbilderin Leinius. Während der Ausbildung muss sie daher möglichst viele Metalle in verschiedenen Größenordnungen abdecken. Joker riecht inzwischen die meisten Objekte, sogar durch verschlossene Plastiktüten. Es gebe aber Grenzen. Auch diese versuchen sie in dem zwölfwöchigen Lehrgang auszuloten.

Datenträgerspürhunde bereits im Einsatz

In anderen Bundesländern sind Datenträgerspürhunde bereits im Einsatz. In Lügde in Nordrhein-Westfalen wurde ein Hund in einem Kindesmissbrauchsprozess eingesetzt und fand versteckt in einem Sessel einen Datenträger, den die menschlichen Ermittler übersahen. Ein wichtiges Beweismittel. Und Leinius erinnert sich an einen Fall, in dem Ermittler ein Auto penibel durchsucht hatten, zwei im Sitz eingenähte USB-Sticks waren aber für sie nicht zu ertasten. Ein Spürhund brachte sie dann auf die richtige Spur. "Im Prinzip kann ich mir vorstellen, dass das in fast jedem Straftaten-Bereich gebraucht wird, denn gerade Handys und alle weiteren Speichermedien können ja Beweismittel sein", sagte Häusler.

300 Atemzüge pro Minute mit geschlossenem Mund

Datenträgerspürhunde werden also dringend benötigt, aber die Arbeit ist nicht nur kompliziert, sondern auch anstrengend. Beim Suchen kommt er auf 300 Atemzüge pro Minute, das schlaucht. Hinzu kommt, dass er mit geschlossenem Mund atmet. Würde er das nicht tun, könnte es sein, dass er mit seiner Atemluft den geringen Geruch der Datenträger überdecken würde. Das erhöht die Arbeitsbelastung zusätzlich. Bei einer Übung kann er einen USB-Stick in einer Heizung nicht sofort erschnüffeln. Er braucht deutlich länger als bei den anderen Aufgaben. Deswegen heißt es sofort Pause und raus an die frische Luft. Einsätze nach der Spezial-Ausbildung werden sich je nach Größe des Objektes daher über mehrere Tage ziehen. Laut Leinius gilt die Faustformel: 20 Minuten Suchen - 20 Minuten Pause - 20 Minuten Suchen - 40 Minuten Pause.

Bereits viele Anfragen

Deswegen hofft Annika Leinius, dass sie bald weitere Datenträgerspürhunde ausbilden kann, denn bereits jetzt gibt es viele Anfragen. Bonny Häusler und Joker haben noch zwei Wochen Training vor sich. Die Hundeführerin ist sich sicher: Erhält Joker seine Zulassung - wonach es derzeit aussieht - werden sie nicht mehr oft in ihrer Dienststelle in Aukrug sein. Dann wird sich ihr Arbeitsalltag fast nur noch um die Datenträgersuche drehen. Sie freut sich drauf, sagt sie, während sie am Neustädter Binnengewässer mit Joker eine wohlverdiente Pause macht.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.11.2021 | 19:30 Uhr

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