Eine Mutter sitzt an einem Tisch und arbeitet an einem Laptop während neben ihr ein Kind sitzt und Bilder malt. © Picture Alliance Foto: Julian Stratenschulte

Ende der Homeoffice-Pflicht in SH: Langsame Rückkehr ins Büro

Stand: 30.06.2021 10:30 Uhr

Zum 1. Juli 2021 endet für die Firmen in Deutschland die Pflicht, falls möglich, Homeoffice anzubieten. Viele große Unternehmen in Schleswig-Holstein kehren schrittweise zurück zur Normalität.

von Hauke Bülow

Küchentisch statt Schreibtisch, Sofa statt Bürostuhl: So oder so ähnlich hat der Arbeitsalltag für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zuletzt ausgesehen. Mehrere Umfragen zeigen, dass sich die Mehrheit der Beschäftigten auch nach der Pandemie mehr Homeoffice-Möglichkeiten wünscht. Viele Arbeitgeber in Schleswig-Holstein sind demgegenüber aufgeschlossen, machen aber auch deutlich: ohne Präsenz am Arbeitsplatz geht es nicht.

Rückkehr ins Büro - aber langsam

Wie in vielen Unternehmen haben auch bei Tesa in Norderstedt die meisten Büro-Beschäftigten von zu Hause gearbeitet - sofern es der Job zuließ. Wie das Unternehmen mitteilte, soll im Juli nun etwa die Hälfte der Beschäftigten ihre Arbeit im Büro wieder aufnehmen, weiterhin mit einer Abstands- und Maskenpflicht. Nach den Sommerferien will Tesa dann prüfen, mit welchen Sicherheitsregeln es in den Herbst startet. Laut Unternehmen wünschen sich die meisten Beschäftigten, endlich wieder zusammenzukommen und sich persönlich auszutauschen. Ein enges Miteinander sei entscheidend für eine gute Unternehmenskultur und erfolgreiche Arbeitsergebnisse. Wie die Firma nach der Pandemie mit Homeoffice-Möglichkeiten umgehen wird, wird zur Zeit intern besprochen. Tesa spricht allerdings von guten Erfahrungen mit dem mobilen Arbeiten.

"Mitarbeitende wünschen sich alte Normalität"

Ähnlich will auch die Freenet AG in Büdelsdorf verfahren. Dort haben nach Unternehmensangaben zuletzt rund 90 Prozent der Beschäftigten mobil gearbeitet. Im Juli soll die Präsenz am Arbeitsplatz langsam auf 30 bis 50 Prozent hochgefahren werden. Viele Mitarbeitende wünschten sich wieder den persönlichen Austausch, Kontakt vor Ort und die alte Normalität, erklärte eine Freenet-Sprecherin. Das Unternehmen sei auch der Meinung, dass ein Ideen- und Erfahrungsaustausch in Präsenz andere und zum Teil bessere Arbeitsergebnisse hervorbringe.

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Insgesamt sieht das Telekommunikationsunternehmen große Vor- aber auch Nachteile beim mobilen Arbeiten. So hätten beispielsweise IT-Entwickler konzentrierter arbeiten können. Durch weniger Meetings konnte Zeit eingespart werden und die Mitarbeiterzufriedenheit sei höher geworden durch flexiblere Arbeitszeiten. Allerdings sei gleichzeitig Innovationskraft für neue Produkte, Ideen und Geschäftsfelder verloren gegangen. Und nicht alle Beschäftigten hätten zu Hause die Möglichkeit, in einem extra Arbeitszimmer mit Büroausstattung zu arbeiten. Insgesamt plant Freenet auch nach der Pandemie, mehr Möglichkeiten für das mobile Arbeiten anzubieten.

Gemischte Erfahrungen bei privaten und öffentlichen Arbeitgebern

Auch beim Müsli-Hersteller Brüggen in Lübeck kehren die Bürobeschäftigten langsam zurück ins Unternehmen. In den vergangenen Monaten haben rund 80 Prozent von ihnen zu Hause gearbeitet. Bis August läuft nun eine Übergangsfrist, teilte das Unternehmen mit. Die Beschäftigten können zurück kommen, müssen aber noch nicht. Geschäftsführer Jochen Brüggen erklärte, dass die Firma trotz Homeoffice vernünftig weiterarbeiten konnte. Allerdings hätten soziales Miteinander und die Kommunikation gelitten. Gerade in Projekten habe es Verzögerungen und Mehraufwand gegeben. Laut Brüggen ist noch unklar, ob die Homeoffice-Möglichkeiten nach der Pandemie im Vergleich zu der Zeit vor Corona hochgefahren werden.

Der IT-Dienstleister Dataport in Altenholz bei Kiel war bereits vor der Corona-Pandemie auf Homeoffice-Lösungen eingestellt. Auch nach dem Wegfall der Pflicht werden viele Mitarbeitende nach Unternehmensangaben von zu Hause arbeiten. Dataport setze vermutlich erst für September eine langsame Rückkehr in die Büros an, so eine Sprecherin.

Auch in den Kreisverwaltungen läuft die Rückkehr schrittweise ab. Im Kreis Herzogtum Lauenburg gibt es vorerst keine organisatorischen Veränderungen, so ein Sprecher. Die Verwaltung wechsele noch nicht in den "Vor-Pandemie-Modus". Schwierigkeiten beim mobilen Arbeiten habe es in den Bereichen gegeben, die noch nicht mit der sogenannten "E-Akte" arbeiten. Die Erfahrungen unter den Mitarbeitern seien gemischt gewesen. Einige hätten Anträge gestellt, die Homeoffice-Möglichkeit zu verlängern, andere wollten wieder zurück ins Büro.

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Der Kreis Ostholstein will seine Angestellten bis Anfang September nach und nach in den Präsenzbetrieb zurückholen. Die Erfahrungen mit der "alternierenden Telearbeit" seien überwiegend positiv gewesen. Auch künftig werde diese möglich sein, so eine Kreissprecherin.

DGB Nord für gesetzliche Homeoffice-Regelung

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund kommt das Ende der Homeoffice-Pflicht zu früh. Die Pandemie sei noch nicht zu Ende. Die Arbeitgeber seien aufgefordert, alle Anstrengungen zu unternehmen, um ihre Beschäftigten zu schützen, so der stellvertretende Vorsitzende des DGB Nord, Ingo Schlüter. Er fordert außerdem ein Recht auf Homeoffice. Allerdings zeigten neue Untersuchungen, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit für viele Beschäftigte verschwimmen. Zu Hause fühlten sie sich häufiger verpflichtet ständig erreichbar zu sein. Deshalb fordert der DGB einen gesetzlichen Rahmen.

UVNord gegen gesetzliche Vorgaben

Die Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein UVNord hält das Ende der Homeoffice-Pflicht dagegen für eine logische Konsequenz, angesichts sinkender Inzidenzwerte. Viele Unternehmen würden ihren Mitarbeitenden auch weiterhin Homeoffice-Modelle anbieten, erklärte Geschäftsführer Sebastian Schulze. Allerdings habe die Pandemie gezeigt, dass Arbeitgebende und Arbeitnehmende gute Regelungen zum Homeoffice finden. Eine gesetzliche Regelung brauche es nicht. Unternehmen wollten ihre betrieblichen Abläufe selbst organisieren, dafür brauchen sie den Gesetzgeber nicht, so Schulze.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin Schleswig-Holstein – mit Mandy Schmidt und Horst Hoof | 30.06.2021 | 09:10 Uhr

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