Stand: 27.11.2017 05:00 Uhr

Elmshorner von Steinbachs Hetze genervt

von Robert Tschuschke

Der Elmshorner Lichtermarkt ist am Montagabend eröffnet worden. Doch schon seit zwei Wochen war er bundesweit in den Schlagzeilen: Ein Tweet der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach löste einen Shitstorm aus. Steinbach hatte getwittert, dass Elmshorn die deutsche Kultur und Tradition über Bord werfe. Hintergrund: Der Weihnachtsmarkt dort heißt Lichtermarkt. Doch der Markt wurde schon vor zehn Jahren umbenannt, und ein Werbeplakat mit einem dunkelhäutigen Mädchen, auf das sich Steinbach mit einem Bild bezieht, gibt es auch schon seit sechs Jahren. Im Fokus der Kritik stehen die Stadt und Bürgermeister Volker Hatje. Wegen der vielen Anfeindungen ermittelt mittlerweile die Kripo in zehn Fällen.

Werbung für den Elmshorner Lichtermarkt.

Rechtsradikale Hetze gegen Lichtermarkt

Schleswig-Holstein Magazin -

Der Lichtermarkt Elmshorn wirbt auf einem Plakat mit einem dunkelhäutigen Mädchen. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Steinbach hat das kritisiert - und eine Hasswelle losgetreten.

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Steinbachs Aussage "unerhört"

In der Fußgängerzone Elmshorns: Rund um die Nikolaikirche bauen Kaufleute und Budenbesitzer ihre kleinen Holzhütten auf, schmücken sie mit Tannengrün und Lichterketten. Die Stadtwerke haben gerade einen riesigen Weihnachtsbaum aufgestellt. Es riecht nach Zucker und Schmalzgebäck. Das Plakat mit dem dunkelhäutigen Mädchen hängt an Straßenlaternen und Zäunen.

Mit diesem Tweet hetzte Erika Steinbach gegen die Stadt Elmshorn.

Als der Name Erika Steinbach fällt, können die Budenbesitzer nur mit dem Kopf schütteln. "Das sind Verrückte! Das ist unerhört von der Politikerin, dass sie so etwas nach so vielen Jahren breittritt." Schnell kommen andere Kaufleute und Mitglieder eines Bürgervereins dazu. "Alle Elmshorner, die ich kenne, finden den Lichtermarkt gut", sagt ein älterer Herr. Die Kritik an dem Plakat mit dem dunkelhäutigen Kind sei diskriminierend: "Bei den Heiligen Drei Königen war auch ein Farbiger dabei."

"Keine Kapitulation vor dem Islam"

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Der Elmshorner Lichtermarkt: Nach Angaben der Stadt sollte der neue Name vor zehn Jahren den Betreiberwechsel unterstreichen.

Das Mädchen auf dem Plakat hatte 2011 ein Casting an Elmshorner Schulen gewonnen und der Weihnachtsmarkt heißt laut Stadt bereits seit 10 Jahren "Lichtermarkt". Damals habe man so auf den Betreiberwechsel hinweisen und sich von anderen Weihnachtsmärkten abheben wollen. Von einer "Kapitulation vor dem Islam" könne keine Rede sein. Darum gehe es einfach nicht, sagen die Marktleute und die Stadt. Am Wurststand sagt der Budenbesitzer, dass sich jede Stadt für sich entscheiden muss. "Wenn wir meinen, dass wir Lichtermarkt heißen, dann heißen wir Lichtermarkt!" Eine Elmshornerin wirft ein, dass der Lichtermarkt wegen der vielen Lichter ja so heiße. Ein anderer Mann sagt in Hinblick auf die Eröffnung des Marktes am Abend: "Dann kommt der Engel angeflogen, dann gehen die Lichter alle an. Ist schon schön."

"Der Lichtermarkt steht in einer christlichen Tradition"

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Die Elmshorner zeigen sich genervt über die Hasstiraden im Internet - für sie ist ihr Lichtermarkt ein Ort des Zusammenseins.

"Ich bin das Licht der Welt", zitiert Rosmarie Lehmann Jesus Christus. Sie ist Vorsitzende der Kirchengemeinde St. Nikolai und findet die Äußerungen und Hasstiraden im Netz vollkommen indiskutabel. Der Lichtermarkt sei sehr wohl christlich und habe Tradition. Das sehen auch ganz viele Elmshorner so. Seit zehn Jahren leben sie die Tradition des Lichtermarktes. Das sei aber nur ein Name, eine Überschrift. Wichtiger sei, das alles mit Leben zu füllen. Ein weiterer Elmshorner sagt: "Wir feiern hier und genießen das Zusammensein - und nur weil Leute das kritisieren, die nicht mal hier gewesen sind, das ist nicht legitim."

Bürgermeister Hatje wurde massiv angefeindet

Aber es ist eben nicht nur sachliche Kritik, die Bürgermeister Volker Hatje und das Stadtmarketing erreicht hat, viel davon aus Süddeutschland. Die Kripo ermittelt mittlerweile in zehn Fällen unter anderem wegen Beleidigung, Bedrohung und Volksverhetzung. Antisemitische und rechtsradikale Äußerungen haben Hatje tief betroffen gemacht: "Für mich persönlich war es erschreckend, dass man auf rechtsradikalen Seiten ein Foto von mir sieht mit privater Telefonnummer, Adresse sogar. Nach dem Motto: Der war's. Da wird man schon nachdenklich, ob man das in der Form noch machen will. Das hat dann auch alles seine Grenzen." Trotzdem: Der Bürgermeister denkt nicht ans Aufhören. Kneifen komme für ihn nicht in Frage. Am Tag des Postings von Erika Steinbach vor gut zwei Wochen distanzierte er sich augenblicklich in einer Stellungnahme. Für ihn war, ist und bleibt Elmshorn weltoffen: "Wir werden ja bei der Eröffnung sehen, wie die Elmshorner dazu stehen - und ich bin mir ganz sicher: Das wird wie immer brechend voll und die Menschen werden sich freuen, wenn der Engel kommt und gemeinsam werden wir dann die Innenstadt zum Leuchten bringen."

Für Toleranz: Eine Kundgebung am Nikolaustag

Vereine, die Kirche, die muslimische Gemeinde, die Gewerkschaft ver.di und lokale Medien stehen geschlossen hinter dem Bürgermeister. Am Nikolaustag ist eine gemeinsame Kundgebung in Planung. "Elmshorn leuchtet für Toleranz" ist der vorläufige Titel der Veranstaltung. Bis dahin haben die Elmshorner jetzt in der Vorweihnachtszeit eine klare Haltung gegenüber den Kritikern aus dem Netz, gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor: "Mal ein bisschen nachdenken, ein bisschen informieren - betrifft es mich überhaupt? Meistens nämlich nicht - und Essen kaufen!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 27.11.2017 | 07:00 Uhr

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