Ohne Karussell & Zuckerwatte: Schausteller im Lockdown

Stand: 06.03.2021 06:00 Uhr

Seit einem Jahr stehen Karussells, Achterbahnen und Riesenräder mehr oder weniger still. Eine schwere Zeit für eine Branche, in der die meisten Betriebe Familienberiebe sind. Aber es gibt Lichtblicke.

von Cassandra Arden

"Wie lange könnten Sie von heute auf morgen auf ihr komplettes Gehalt verzichten?" Schausteller Marco Lange fragt das sehr ruhig und ganz ernst. Für ihn und rund 200 Schausteller im Land ist genau das seit einem Jahr Realität. Die Karussells, Achterbahnen und Schießbuden waren bereit, im März 2020. Die Betreiber kamen gerade aus der Winterpause, in der traditionell umgebaut, aufgerüstet und investiert wird. Und dann, noch während sie in Heide ihre Fahrgeschäfte und Buden auf dem ersten Jahrmarkt der Saison aufbauten: Zack - dieser Markt und auch fast alle anderen wurden abgesagt. Was folgte, war ein Jahr in dem die Karussells still standen.

80 bis 100 Prozent Umsatzeinbußen in 2020

Marco Lange hat unter anderem eine Kinderachterbahn und ein kleineres Kinderkarussell. Seit Monaten steht die Achterbahn nun verstaut auf einem LKW in einer Lagerhalle in Neumünster und das Karussell bewegungslos auf seinem Hof. "Eigentlich würde ich jetzt meine Fahrzeuge rausholen - alles fit machen und den Start in die neue Saison planen." Aber: der Markt in Heide und auch der Frühjahrsdom in Hamburg sind schon wieder abgesagt. Deswegen stehen Langes und all die anderen Fahrgeschäfte still und staubig weiter in der Halle. Im Jahr 2020 haben die Schausteller in Schleswig-Holstein Umsatzverluste von 80 bis 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gehabt. Einige konnten ihre Stände in den Innenstädten aufbauen und Crêpes, Bratwurst oder Zuckerwaren verkaufen. Aber Marco Lange, der auch Verbandsvorsitzender ist, erklärt stellvertretend für seine Kollegen: "Das ist nur zum blanken überleben, um den Kühlschrank zu füllen. Also, wir sind dankbar, dass das ging, weil weniger ist besser als nichts, aber das ist nichts, womit Sie ihren Betrieb am Leben halten."

Schaustellerbetriebe sind meist Familienbetriebe

Die meisten Schaustellerbetriebe haben eine lange Tradition und sind Familienbetriebe in dritter, vierter oder fünfter Generation. Marco Lange kann seine Schaustellerwurzeln bis 1890 zurückverfolgen: "Meine ganze Familie lebt davon, meine Eltern, wir, mein Bruder und seine Familie." Auch sein Betrieb, an dem so viele hängen, bekommt Hilfen von Bund und Land, aber Marco Lange erklärt: "Die Unterstützungen sind ja nur für betriebliche Kosten. Wenn Sie ein privates Grundstück finanzieren müssen, dann müssen Sie sehen, wie das geht. Es ist Existenznot hoch fünf." Davon abgesehen, dass die Dezemberhilfen auch bei vielen Schaustellern Anfang März noch immer nicht angekommen sind.

Gebrannte Mandeln im Vorgarten

Den Betrieb am Laufen halten und machen, was irgendwie möglich ist, das ist auch die Devise von Mona und Jürgen Köster. Die beiden sind nächstes Jahr 50 Jahre verheiratet und dann genauso lange zusammen auf den Jahrmärkten und Festen in Schleswig-Holstein unterwegs. Jürgen und Mona stehen nun auch vier Mal in der Woche in ihrem Süßigkeitenwagen, allerdings ist es ruhiger als gewöhnlich, denn im Moment steht ihr Wagen in ihrem Vorgarten. "Die Nachbarn sind alle begeistert. Wenn wir Mandeln brennen, geht der Geruch bis wer weiß wohin. Die kommen her und sagen, 'ihr habt uns wieder verführt, das riecht so gut'." Weingummi, Zuckerwatte oder Schockofrüchte, alles was das Kinder- oder auch Erwachsenenherz an Süßem begehrt, gibt es nun eben ohne Jahrmarkts-Geräuschkulisse bei den Kösters im Garten. "Das ist unser neuer Alltag, den wir uns nicht ausgesucht haben, aber es nützt ja nun mal nix. So hat man wenigstens Kontakt zu den Leuten und es bleibt ein kleines bisschen was über." Seine Frau nickt, ergänzt aber auch: "Es ist natürlich ganz was anderes. Unterwegs hat man viel mehr um die Ohren. Musik und, naja, es fehlt der Trubel."

"Wir halten durch und kommen wieder"

Eigentlich wollten Mona und Jürgen Köster ihren Schießbudenstand, den sie auch schon Jahrzehnte betreiben, vergangenes Jahr an ihren Enkelsohn übergeben. Dann kam es anders. So wollen die beiden mit zusammen fast 100 Jahren Jahrmarkt-Erfahrung jedenfalls nicht abtreten: "Wir halten durch, wir kommen durch. Wir kommen wieder, einhundertprozentig." Ans Aufgeben denkt in der Branche kaum jemand, stimmt auch Frank Dörksen, Vorsitzender des zweiten Schaustellerverbands in SH zu: "Wir sind Wirtschaftsunternehmen, aber auch Familienbetriebe, das heißt, wir opfern alles dafür, damit der Betrieb weiter läuft." Viele haben ihre Altersvorsorge in die Betriebe gesteckt, privates Vermögen aufgebraucht oder ihr Auto verkauft.

Hoffnung ist, ab Mai wieder auf Jahrmärkten stehen zu können

Frank Dörksen sagt: "Wir hoffen eben, dass wir vielleicht im Mai wieder öffnen können." Denn im Herbst 2020 gab es eine Handvoll kleinere Jahrmärkte unter Corona-Bedingungen. Das, da sind sich die Verbands-Chefs Marco Lange und Frank Dörksen einig, habe ja gezeigt, dass Jahrmarkt und Corona funktionieren kann. "Und jetzt", fügt Frank Dörksen, der selbst auch Süßwarenstände betreibt, hinzu, "jetzt haben wir ja mehr Werkzeuge gegen Corona als letztes Jahr: Wir haben Testmöglichkeiten und Impfangebote." Zusammen mit der Erfahrung und den fertigen Hygienekonzepten der Branche finden er und seine Kollegen, dass Öffnungsperspektiven auch für sie bald möglich sein müssten. Damit sie alle endlich wieder das machen können, was sie lieben - und wovon sie leben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.03.2021 | 19:30 Uhr

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