Neue Technik in der Gastro: "Ein Bier bitte, Frau Roboter"

Stand: 22.10.2021 20:53 Uhr

In Grömitz (Ostholstein) ist Schleswig-Holsteins erste Roboter-Kellnerin im Einsatz. Sie heißt "Bella", kommt aus China und soll fehlendes Personal ersetzen. Die Gäste reagieren unterschiedlich.

von Julian Marxen

Sie ist 1,50 Meter groß, sieht aus wie ein Servierwagen aus dem Flugzeug und fährt von allein durchs Restaurant. Sie kann vier Tabletts voll mit Essen und Getränken transportieren, pendelt immer wieder zwischen Tischen, Tresen, Küche und Spüle. "Wir finden einfach keine neuen Mitarbeiter. Und da habe ich zum Glück Bella im Internet entdeckt", erklärt Restaurant-Chef Tim Bornewasser. Bella - so heißt der Roboter, der in China produziert wird und jetzt im Grömitzer Hafenrestaurant Holsteiner Matjestopf serviert. Der selbst fahrende Servierwagen kann sogar sprechen, wenn auch noch nicht auf Platt: "Ihre Bestellung ist da, greifen Sie zu", ertönt eine angenehme Frauenstimme aus dem Lautsprecher.

Das Servieren selbst übernehmen dann die menschlichen Service-Kräfte. Sie sind es auch, die Bella mit Getränken und Speisen bestücken und den Roboter im Spülbereich wieder entladen. "Der Roboter kann und soll die Fachkräfte, die schon im Restaurant arbeiten, nicht ersetzen. Er soll sie vielmehr entlasten", betont Gastronom Tim Bornewasser. Und das wissen die Mitarbeiterinnen zu schätzen, wie sie selbst sagen.

Lob und Kritik für neue Technik

Bedienung Manuela ist froh über die Hilfe: "Ich muss die schweren Teller nicht mehr tragen", freut sie sich. Das übernehme jetzt der Roboter. "Und manchmal ist hier so viel los gewesen, dass wir es kaum geschafft haben." Skeptischer sind da einige Gäste - wie zum Beispiel Karen, die gerade gefrühstückt hat. "Es ist sehr befremdlich", betont sie. Sie könnte sich den Roboter eher im Selbstbedienungslokal oder Schnellimbiss vorstellen. In diesem Restaurant sei er aber fehl am Platz, findet sie. "Ich komme doch hierher, auch weil ich die Unterhaltung und den Kontakt mit den Service-Kräften haben möchte."

Doch Gastronom Tim Bornewasser weist immer wieder darauf hin, dass das auch so bleiben soll. Das Bedienen, Kassieren, Beraten und der Klönschnack - darum kümmern sich weiterhin die Damen im Service. "Und Schampus aufmachen, kann Bella auch nicht", lacht Mitarbeiterin Eva, die gerade an einem Vierertisch mit lautem Plopp-Geräusch gekonnt eine Flasche Perlwein öffnet.

Ein blinkender Klops als Geburtstagsüberraschung

Am Nachbartisch fährt Bella unterdessen bunt leuchtend mit Kaltgetränken vor. Warum sie so außer Rand und Band scheint, wird schnell klar. Denn sie spielt, vom Chef Tim Bornewasser so eingestellt, den Lionel-Richie-Klassiker "Happy Birthday". Einer der Männer an diesem Tisch hat Geburtstag. "Ich bin wirklich überrascht. Es freut mich, wenn so ein blinkender Klops vor mir steht und mich nett anlächelt", grinst Andreas, der auf das digitale Katzengesicht auf dem Display zeigt. Und die Mimik kann sich sogar ändern. Aber nicht wenn man Bella etwa Trinkgeld gibt, sondern wenn der Gast sie streichelt. Dabei gibt sie auch entfernt an Katzenlaute erinnernde Geräusche von sich. Toll nicht nur für Kinder, wie Gast Christian unter Beweis stellt. "Der Roboter macht schon Spaß", lacht der erwachsene Mann, während er Bella streichelt und gespannt wartet, wie sie ihre Mimik verändert.

Noch eine Bella?

Doch beim nächsten Einsatz bleibt Bella dann aus unerklärlichen Gründen zwischen zwei Tischen stehen. "Bitte lassen sie mich durch. Vorsicht bitte, ich muss kurz durch", sagt die Roboter-Dame freundlich aber bestimmt in Endlos-Schleife. Doch das Problem ist dann doch recht einfach gelöst: Einmal auf das Touch-Display drücken und der Roboter löst seine Selbst-Blockade. "Wir müssen noch an ein paar Dingen feilen. Aber ansonsten bin ich sehr zufrieden mit dem ersten Roboter-Tag", meint Restaurant-Betreiber Tim Bornewasser.

Denn Bella ist dank ihrer Mini-Kameras und dem Laser-Sensor ohne größere Rempler durch die erste Service-Schicht gekommen. Rund 20.000 Euro hat die neue Mitarbeiterin aus Fernost gekostet. Das sei gut investiertes Geld, meint der Grömitzer Gastronom. Denn wenn er weiter keine Mitarbeiter finde und seine aktuellen Service-Kräfte durch die neue Technik entlasten könne, werde er sich im kommenden Jahr vielleicht einen zweiten Roboter anschaffen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.10.2021 | 19:30 Uhr

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