Stand: 03.04.2019 05:00 Uhr

Ein Abgasabsauger für Kiels Schadstoff-Hotspot

von Kevin Bieler

Die Stadt Kiel hat am Mittwoch am Theodor-Heuss-Ring eine Abgasabsauganlage zur Senkung der Stickoxidwerte aufgestellt - zunächst für eine Woche. NDR Schleswig-Holstein hatte zuvor die Gelegenheit, bei einem Test der Anlage dabei zu sein.

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Die Absauganlage (M.) steht zwischen dem Mercedes-Sprinter und der Messstation.

Es ist ein Versuch unter Extrembedingungen, sagt der zuständige Projektleiter Andreas Hildebrandt. In einer Lagerhalle in Trittau (Kreis Stormarn) testet die Firma Purevento ihre neue Stickoxidabsauganlage. Neben der Anlage steht ein Mercedes-Sprinter, Baujahr 2001. Der Diesel-Motor läuft, in wenigen Minuten füllt er die komplette Halle mit unangenehmen Dieselgeruch. Hildebrandt kann sich nur noch mit Atemmaske bewegen. In einem angrenzenden Büroraum sehen Experten über ein zertifiziertes Messsystem, wie eine Kurve auf dem Computer nach oben schnellt. "Etwa 400 Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft sind es in der Spitze in der Halle", sagt Purevento-Geschäftsführer Robert Krüger. Das Vierfache der Stickoxide des Theodor-Heuss-Rings während der Hauptverkehrszeit.

Reicht die Simulation für die Realität?

Derweil startet Hildebrandt über sein Smartphone die Absauganlage. Im abgedichteten Büro sehen Krüger und seine Kollegen, wie die Kurve der Stickoxide nun nach unten schnellt. Mehr als 85 Prozent der Stickoxide zieht das Gerät nach Angaben des Projektleiters in Höhe des Auspuffs am Sprinter aus der Luft, filtert sie und jagt sie auf der Rückseite wieder sauber raus. Seine Firma hat bereits im Freien einige Tests gemacht. Auch dort seien die Werte gesunken, so Hildebrand.

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Der Computer im Büro zeigt die Stickoxidbelastung in der Halle an, die mit dem Start des Dieselmotors sprunghaft ansteigen.

Eins-zu-Eins lässt sich der Laborversuch in Trittau aber nicht mit Kiel vergleichen. "400 Mikrogramm sind ein wesentlich höherer Wert als wir jemals am Theodor-Heuss-Ring messen werden. Dort sind es, wenn es hochkommt, etwa 120 Mikrogramm" sagt Hildebrandt. Geschäftsführer Krüger erklärt, dass sechs Absauganlagen auf dem 190 Meter langen Abschnitt in Kiel die Stickoxidbelastung im Schnitt um etwa zehn Prozent senken könnten.

Absauganlage nur eine Maßnahme

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Zunächst für eine Woche wird die Abgasabsauganlage am Theodor-Heuss-Ring getestet.

Im vergangenen Dezember hatte die Stadt Kiel ihre Vorschläge für einen Luftreinhalteplan eingereicht. Dieser wird jetzt vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium ausgearbeitet und soll noch im Sommer fertig sein. Darin fehlt die Absauganlage, weil es noch keine Praxiserfahrungen gebe, erklärte Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) damals. Im Plan hat die Stadt vorgeschlagen, das Höchsttempo auf Höhe der Messstation am Theodor-Heuss-Ring von 70 auf 50 Kilometer pro Stunde zu senken. Lkw sollen Umleitungen fahren und Diesel-Pkw an der betroffenen Messstelle auf die linke Spur wechseln müssen. Maßnahmen, die helfen sollen, die Luft zu verbessern.

Lärmfaktor hält sich in Grenzen

Die Anwohner am Theodor-Heuss-Ring müssen durch die Absauganlage nicht mit mehr Lärm rechnen. "Beim letzten Aufstellversuch im Februar ist der Nachweis erbracht worden, dass der Verkehr letztendlich zur Rushhour höher ist als die Lautstärke des Geräts" ergänzt Hildebrandt. Und das Gerät läuft auch nur dann, wenn besonders viele Autos auf der Straße sind. "Ob die Absauganlage dauerhaft am Theodor-Heuss-Ring stehen wird, hängt von der Wirksamkeit ab", sagt Kiels Oberbürgermeister Kämpfer. Bevor es zu einem Fahrverbot komme, würde er auch solche Maßnahmen in Betracht ziehen. Am besten wäre es laut Kämpfer jedoch, die Autos würden durch Hardware-Nachrüstungen sauberer werden.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 03.04.2019 | 08:00 Uhr

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