Luftaufnahme von Rantum auf Sylt © picture alliance/blickwinkel Foto: C. Kaiser

Diskussion um Wohnraum auf Sylt: Beherbergungskonzept als Chance?

Stand: 25.08.2022 12:56 Uhr

Den 11.000 Dauerwohneinheiten auf Sylt stehen mittlerweile rund 7.500 Zweitwohnsitze gegenüber - ein Ärgernis für viele Einheimische der Insel. Auf einer Diskussionsrunde sprachen sie gestern Abend unter anderem mit dem Wirtschaftsminister über mögliche Lösungen.

von Simone Mischke

Die Stimmung kochte im Friesensaal in Keitum gestern Abend - allerdings in erster Linie wegen der für Sylt untypisch warmen Temperatur von 28 Grad. Rund 250 Stühle waren aufgebaut, nahezu alle besetzt. Eingeladen hatte das Bürgernetzwerk "Merret reicht's". Die Mitglieder wollen, dass sich etwas ändert auf Sylt, dass nicht mehr überwiegend Unterkünfte für Urlauberinnen und Urlauber sowie Zweitwohnungsbesitzende entstehen, sondern auch für die Menschen, die die Infrastruktur auf Sylt am Laufen halten. Bei genau diesen bedankte sich der Minister für Wirtschaft und Tourismus, der gestern Abend als Podiumsgast eingeladen war. "Es sind alle hier, die Sylt am Laufen halten. Das ist ja wie bei einer Grillparty, nur dass ich das Grillgut bin", scherzte der parteilose, sichtlich gut gelaunte Claus Ruhe Madsen.

Keine Lösungen, aber Unterstützung

Gegrillt wurde der Minister weder von den Besucherinnen und Besuchern noch auf dem Podium. Dort saßen außer ihm die Gründerin von "Merret reicht's", Birte Wieda, der Vorsitzende des Sylter Hotel- und Gaststättenverbandes, Dirk Erdmann, und Uwe Mantik, der mit seiner Firma ein Beherbergungskonzept für Sylt entwickelt hat. Moderiert wurde die Bürgerversammlung von der Sylter Autorin und Journalistin Susanne Matthiessen. Lösungen hatte der Wirtschafts- und Tourismusminister an dem Abend nicht im Gepäck. Doch er sicherte den Sylterinnen und Syltern seine Unterstützung zu. "Ich kann nicht an einem Abend Lösungen für Probleme präsentieren, die die letzten 40 Jahre verschlafen wurden", so Madsen, der auch gleich den Finger in die nächste Wunde legte: "Ihr müsst euch einig sein, wohin ihr mit der Insel wollt. Ihr braucht eine gemeinsame Strategie." Doch genau die gibt es auf Sylt bislang nicht.

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"Sylt funktioniert nicht mehr"

Die Folgen kann auf Sylt inzwischen keiner mehr ignorieren: Restaurants schließen entweder ganz oder machen zwei Ruhetage - in der Hochsaison, früher undenkbar. Ehrenamtler finden, sich in der Feuerwehr oder anderen Institutionen engagieren - eine große Herausforderung. Bäcker backen sonntags keine Brötchen mehr und wer einen Handwerker braucht, der muss viel Geduld haben. Und das alles, weil es auf Sylt zu wenig Wohnungen gibt für die Menschen, die die Infrastruktur aufrechterhalten. "Sylt funktioniert nicht mehr", sagte Birte Wieda von "Merret reicht's".

Beherbergungskonzept als Chance

Wieda hofft jetzt wie viele ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf das Beherbergungskonzept der Lübecker Beratungsfirma Cima. Das Unternehmen hatte im Auftrag der Gemeinde Sylt im Mai ein Gutachten vorgelegt, Ergebnis: Das Verhältnis von Dauerwohnungen zu Ferienwohnungen ist in der Gemeinde Sylt längst gekippt. "Und zwar nach unseren Zahlen so deutlich wie sonst nirgends", so Projektleiter Uwe Mantik, 7.500 Ferienunterkünfte stünden 11.000 Dauerwohnungen gegenüber. "Das reicht nicht, um eine Infrastruktur aufrechtzuerhalten."

Der Ansatz der Beratungsfirma: das Beherbergungskonzept. Es sieht vor, dass künftig keine neuen Ferienwohnungen mehr genehmigt werden und Dauerwohnraum festgeschrieben wird. Außerdem sollen Projekte wie etwa Hotels nur noch genehmigt werden, wenn sie ein Prüfraster durchlaufen haben. Aber: "Dafür braucht es den politischen Willen und den Beschluss, das Konzept anzuwenden", so Uwe Mantik. Genau das will die Bürgerinitiative erreichen. "Wir brauchen dieses Konzept. Es wird nicht alle unsere Probleme lösen. Aber es wäre ein Anfang, ein wichtiges Signal", betonte Wieda. Doch dieses Konzept liegt erstmal lediglich bei der Gemeinde Sylt auf dem Tisch - nicht bei den vier weiteren Gemeinden Kampen, List, Hörnum und Wenningstedt-Braderup.

Gründerin zufrieden mit der Bürgerversammlung

"Unser Ziel war, den Druck auf die Politik zu erhöhen, das Beherbergungskonzept zu beschließen. Wir wollten die Infos rüberbringen und klar machen: Wir sind der Souverän! Das haben wir erreicht heute Abend", resümierte Wieda. Das Beherbergungskonzept soll am 12. September im Bauausschuss in Westerland diskutiert werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 24.08.2022 | 21:45 Uhr

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