Ein weißer Banner mit der Überschrift "Wir sind Borstel gemeinsam" hängt am Klinikgebäude in Borstel. © NDR

Der Lungenklinik Borstel geht die Luft aus

Stand: 20.11.2020 05:00 Uhr

Die Medizinische Klinik Borstel im Kreis Segeberg schreibt seit Jahren rote Zahlen. Jetzt wird darüber debattiert, ob sie geschlossen wird. Doch dagegen regt sich Widerstand.  

von Johannes Tran

Thorsten Döring bekommt keine Luft mehr. Er fühlt sich müde, hat keine Kraft in Armen und Beinen, hustet ununterbrochen, "ein ganz trockener Husten, 24 Stunden am Tag". Normalerweise ist er täglich mit dem Hund draußen, am Strand, an der Ostsee. Jetzt kämpft er beim Gehen mit der Atemnot. Döring, achtzig Kilo schwer, verliert in vier Monaten 18 Kilo. Zweieinhalb Jahre ist das jetzt her, und wenn Döring, 59, sich heute daran erinnert, sagt er: "Das war eine harte Zeit." Ein Arztbesuch bringt die Diagnose: Tuberkulose, hochansteckend. Döring kommt noch am selben Tag in eine große Klinik in Kiel und wird kurz darauf ins Klinikum Borstel verlegt, das auf Fälle wie ihn spezialisiert ist. In Borstel, das zur Gemeinde Sülfeld gehört, verbringt er seine Tage isoliert in einem Einzelzimmer, seine Familie darf ihn nur in Schutzanzügen besuchen. Trotz der widrigen Umstände sagt er: "Die Pfleger und Ärzte waren einfach toll, so wie die sich gekümmert haben." Er fühlt sich umsorgt und informiert, die Ärzte nehmen sich Zeit, um ihm seine Lungenbefunde zu erklären. "Alles in Borstel ist viel persönlicher als in einer großen Klinik." Nach zweieinhalb Monaten darf er das Krankenhaus wieder verlassen.

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Klinikmitarbeiter bekommen Jobgarantie

Ob in Borstel auch künftig Patienten wie Thorsten Döring behandelt werden, ist ungewiss. Heute diskutiert das Aufsichtsgremium der Klinik, darunter vor allem Vertreter des Gesundheitsministeriums von Bund und Ländern, über die Angliederung an einen anderen Standort. Damit würde der Klinikbetrieb vor Ort faktisch geschlossen. Das Forschungszentrum selbst, an dem die Klinik angesiedelt ist, steht dabei nicht zur Debatte. Auch die rund 230 Beschäftigten der Klinik würden bei einer Schließung nicht ihren Job verlieren, sondern könnten laut Klinikleitung an einem anderen Standort arbeiten.

Eine halbe Million Euro pro Jahr für Zeitarbeitsfirmen

Der Grund für die Diskussion liegt in der wirtschaftlichen Misere der Klinik. In den vergangenen beiden Jahren sei die Klinik "deutlich im Minus gewesen", heißt es in einer Pressemitteilung des Direktoriums und des Betriebsrats. Und auch in diesem Jahr werde das Defizit "nicht unerheblich" sein, schreibt Stefan Ehlers, der Direktor des Borsteler Forschungszentrums. Es sind finanzielle Sorgen, die viele kleine Kliniken auf dem Land plagen: Die Klinik in Borstel etwa hat nur 81 Betten und keine Notfallambulanz. Deshalb muss sie laut Ehlers wegen rechtlicher Vorgaben jährlich rund 200.000 Euro an andere Kliniken zahlen, die eine Ambulanz betreiben. Außerdem finden sich ihm zufolge kaum Pflegekräfte, die auf dem Land arbeiten wollen; die Klinik habe darum in der Vergangenheit viel Geld an Zeitarbeitsfirmen zahlen müssen, um Fachkräfte zu gewinnen - zuletzt 500.000 Euro jährlich. "Wir haben es nicht geschafft, die Klinik so zu führen, dass sie Gewinn abwirft", sagt Direktor Ehlers.

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Die Politik müsste Millionen zuschießen

Wenn das Kuratorium heute per Videokonferenz zusammentritt, liegen zwei Optionen auf dem Tisch: eine Schließung der Klinik in Borstel und die Angliederung des Betriebs an die LungenClinic Großhansdorf oder das Universitätsklinikum in Kiel; oder der Fortbestand in Borstel, wobei die Politik dafür wohl Millionen Euro zuschießen müsste. Noch sei völlig unklar, wofür sich das Gremium entscheide und ob heute überhaupt eine endgültige Entscheidung falle, sagt Jan Peter Schröder (parteilos), der als Landrat des Kreises Segeberg im Kuratorium sitzt. Er selbst wolle aber für den Fortbestand der Klinik in Borstel kämpfen: "Das ist ein Leuchtturm, der weit über Segeberg hinaus strahlt." Besonders die Kombination aus Forschung und Krankenhausbetrieb sei einzigartig. Man dürfe die Klinik deshalb nicht rein an wirtschaftlichen Maßstäben messen.

Wissenschaftler und Ärzte arbeiten eng zusammen

Auch der Zentrumsdirektor und der Betriebsrat plädieren dafür, die Klinik auf dem Forschungscampus weiterzuführen. Die räumliche Nähe sei der "Garant für einen engen Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Ärzt*innen", heißt es in der Pressemitteilung. Konkret bedeutet das laut Direktor Ehlers: Wenn Ärzte zum Beispiel unter ihren Patienten einen besonderen Krankheitsfall haben, beraten sie ihr weiteres Vorgehen mit den Forschern. Diese können dann Blutproben des Patienten nehmen und direkt auf dem Campus untersuchen. Das spare Zeit und ermögliche es, wissenschaftliche Innovationen direkt im Klinikalltag anzuwenden. Ein Umzug der Klinik wäre laut Ehlers ein "herber Verlust für Ärzte und Forscher".

Beschäftigte fordern eine Bestandsgarantie für die Klinik

Betriebsrat und Direktor argumentieren außerdem mit den Verdiensten der Klinik in der Corona-Pandemie. In ihrer Drive-Through-Teststation seien bislang mehr als 4.000 Patienten auf das Virus getestet worden; zudem befänden sich aktuell mehrere Covid-Patienten stationär in Behandlung. Allen Beteiligten sei "klar, dass es nicht vertretbar ist, in Zeiten der Corona-Pandemie eine Lungenfachklinik zu schließen", schreiben Betriebsrat und Direktor. Ihre Forderung an das Kuratorium: eine fünfjährige Bestandsgarantie für die Klinik. Das Gremium, da ist sich Ehlers sicher, wird sich die Entscheidung nicht leichtmachen: "Keiner möchte der schwarze Peter sein, der in der Pandemie eine Lungenklinik schließt."

Auch der ehemalige Tuberkulose-Patient Thorsten Döring hofft, dass die Klinik in Borstel weitermachen darf. Heute ist er geheilt und geht wieder jeden Tag mit dem Hund spazieren. Dass er genesen ist, rechnet er den Ärzten und Pflegern in Borstel hoch an: "Ich bin ihnen zu tausend Prozent dankbar."

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.11.2020 | 19:30 Uhr

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