Stand: 30.09.2018 06:00 Uhr

Der 100-Sorten-Apfelbaum von Rendsburg

von Frank Hajasch

Aus der breiten Baumkrone leuchten überall rote, gelbe und grüne Äpfel. Sie sind mal kleiner, mal größer. Ihre Schale ist glatt wie Papier, manchmal aber auch schorfig. Die Rinde des Baumes ist rau und gerissen. Seine Zweige reichen weit über die Beete. Es ist ein besonderer Baum, der im Garten des Nordkollegs Rendsburg steht. Er trägt 100 verschiedene, alte Apfelsorten. "Der ist in den 1950ern gepflanzt worden", erzählt Jochen Bock. Als der Gärtner vor 27 Jahren seinen Dienst antrat, war der Baum ein Blickfang im üppigen Grünen des Kulturzentrums. Damals war es ein normaler Boskoop, mit leckeren Früchten. Zum 100-Sorten-Apfelbaum wurde er erst später - durch Veredelung.

Veredelter Apfelbaum trägt 100 Sorten

Veredelung begann vor zehn Jahren

Vor etwa zehn Jahren traute sich Bock ans Veredeln. Er war damals nordöstlich der Elbe unterwegs. In der Haseldorfer Marsch liegt ein Garten mit 500 Bäumen und 125 Sorten. Er wurde einzig und allein angelegt, um alte Sorten zu erhalten. "Früher gab es über 3.000 verschiedene Apfelsorten, heute nur noch ein Drittel", sagt Bock. Der Rendsburger schnitt sich 100 kleine, dünne Zweige von den teilweise mehr als 300 Jahre alten Bäumen in der Haseldorfer Marsch ab. Die brauchte er fürs Veredeln. "Wir nennen sowas Edelreiser", erklärt er.

Können Allergiker profitieren?

Dass Jochen Bock auf alte Apfelsorten steht, hat viele Gründe. "Sie sind so unterschiedlich in Form und Farbe. Ihr Aroma ist toll und auch der Saft", zählt er auf. Der Gärtner erzählt von Polyphenolen. Gerade die alten Sorten enthalten diese Stoffe, bei neuen sind sie weggezüchtet, damit die Form stimmt und die Äpfel beim Anschneiden nur langsam braun werden. "Für Allergiker sind Polyphenole aber interessant. Es wird vermutet, dass sie allergieauslösende Stoffe im Apfel unschädlich machen", sagt Bock.

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Als wäre er natürlich gewachsen ...

Seine Hände wühlen sich durch die Baumkrone. Dicht an dicht hängen die Äpfel. Der Gärtner zeigt auf einen drei Zentimeter dicken Ast, der aussieht, als wäre er natürlich gewachsen. Tatsächlich aber hat Bock den Ast einst an einer Stelle abgeschnitten und die Rinde eingeritzt. Zwischen Holz und Rinde steckte er zur Veredelungszeit im April ein angeschrägtes Edelreis und versiegelte die Stelle mit Wachs, damit sie nicht austrocknet. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.

Kern in die Erde? Funktioniert nicht

"Anders wäre es nicht gegangen", erklärt Bock. "Man kann nicht den Kern einer alten Sorte in die Erde pflanzen. Da kommt immer ein neuer Apfel raus. Wenn ich den genauso wieder haben möchte, geht das nur durch Veredeln." Was der Gärtner vor zehn Jahren begann, wurde zur Erfolgsgeschichte. Es gab Zeiten, da wuchsen 106 alte Sorten auf dem Ur-Boskoop. Darunter Namen wie "Altländer Pfannkuchenapfel", "Schöner aus Haseldorf" , "Satruper Herrenapfel" oder "Holsteiner Zitrone".

Kein Platz mehr zum Veredeln

Am Baum hängen Äpfel, die früh und spät reif sind, süß und sauer. Es sind Tafeläpfel, Mostäpfel und sogar sogenannte Schlotteräpfel, deren Kerne beim Schütteln klappern. Damit man die Sorten auseinanderhalten kann, hat Bock an die Äste Fäden geknüpft. Sie führen durch die Baumkrone zu Erklär-Schildern. Dort stehen wichtige Infos zu den Äpfeln. Einige der Früchte haben am Stiel ein Alu-Schild mit Namen drauf. Mehr Infos und Schilder wird es aber nicht geben. An dem Baum ist kein Platz mehr zum Veredeln.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 24.09.2018 | 20:05 Uhr

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