Stand: 19.03.2019 17:51 Uhr

"CyberRight" übernimmt Gegenrede bei Hass im Netz

von Philip Schroeder

Ein Freitagvormittag in Mölln. Andreas Anders sitzt in seinem geparkten VW-Bus. Wie jeden Tag ist er unterwegs im Lauenburgischen. Er macht das Regionalmedium "Herzogtum Direkt", eine Online-Zeitung, anzeigenfinanziert, gratis, für jeden.

Anders arbeitet dort, wo er gerade ist. Laptop aufgeklappt - und los geht es mit den Aktualitäten des Tages. Aber schon während er schreibt, weiß der Journalist: Er wird ihm wieder begegnen, dem unverstellten Hass im Internet.

Ein Mann sitzt vor einem Laptop.

Einsatzgruppe gegen rechte Trolle im Netz

Schleswig-Holstein Magazin -

"CyberRight" will Hass-Kommentaren in den Internetangeboten regionaler Medien etwas entgegensetzen. Die Einsatzgruppe hat die Region Lauenburg im Blick.

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Manche User kommentieren mit Klarnamen

Vor allem dann, wenn er neue Artikel über seine Facebook-Seite ankündigt. "Das hat ziemlich zugenommen, seit ungefähr einem Jahr ist das ein echtes Problem", sagt Andreas Anders. Vor allem bei Themen wie Flüchtlingsbetreuung, Integration von Migranten, Klimawandel oder Kriminalität könne er die Uhr danach stellen, dass irgendein pöbelnder bis hasserfüllter Kommentar auftaucht. Manchmal sogar unter einem Klarnamen, "die kennt man dann schon".

Kommentare bleiben im Rahmen des Erlaubten

Anders könnte solche Kommentare blocken. "Aber das wäre ja fast schon eine Art Zensur, das will ich nicht", sagt er. Solche Kommentare seien zwar voll von Vorurteilen, Falschinformationen und Verschwörungstheorien, aber meist unter der Grenze der Strafbarkeit. Unangenehm, aber eben noch im Rahmen des Erlaubten.

Anders könnte selbst gegenanschreiben. Für ihn sei das aber schwierig, sagt er: Als Macher der Online-Zeitung wolle er bewusst neutral bleiben. Aber er wünscht sich mehr Gegenrede für die Pöbler. Anders sagt: "Berichte zu Integration, Flüchtlingen oder auch dem Engagement von Jugendlichen haben oft sehr viele Likes, aber wirklich kommentieren tun nur wenige."

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"CyberRight" bildete sich aus Verein "Miteinander leben"

Genau das wollen die Macher einer neuen Eingreiftruppe unter dem Namen "CyberRight" ändern. Sie kommen aus dem Verein "Miteinander leben", der sich in der Region gegründet hat, nachdem 1992 Rechtsextreme in Mölln bei einem Brandanschlag drei Menschen getötet hatten. Aufklärungsarbeit gegenüber rechtsextremistischen Auswüchsen und Bildungsangebote für eine demokratische Lebenseinstellung - das ist das Programm des Vereins, der auch mit Flüchtlingen arbeitet.

Mark Sauer, Vereinsvorsitzender und im Hauptberuf Pressesprecher der Stadt Ratzeburg, hat die "CyberRight"-Idee mit entwickelt. "Ich stelle natürlich fest, dass vieles von dem, gegen das ich arbeite, sich inzwischen ins Netz verlagert hat", sagt Sauer. Das Internet sei ebenso ein öffentlicher Raum wie der Marktplatz einer lauenburgischen Kleinstadt.

Gruppe wird auch bei nicht strafbaren Postings aktiv

"Wenn da auch nur drei Rechtsextreme einen Info-Stand hinstellen, dann protestieren wir dagegen, weil wir denen diesen Raum nicht überlassen wollen", sagt Sauer.  Genauso solle es auch mit "CyberRight" funktionieren: Schon bei Postings aktiv werden, die keine Strafbarkeitsschwelle überschreiten, die Gegenrede wahrnehmbar machen, im besten Fall die Debatte in Gang bringen.

Schnelle Eingreiftruppe gegen Hass-Posts

"CyberRight"-Gruppe per WhatsApp informieren

Noch ist die Gruppe klein, "CyberRight" besteht nur aus einer Handvoll Mitstreiter. Aber die Struktur steht, sie können handeln. Ein Beispiel, wie es laufen könnte: Zeitungsmacher Andreas Anders oder ein anderes regionales Medium entdeckt auf seiner Facebook-Seite ein Hass-Posting. Per Mail oder WhatsApp informiert er dann die ehrenamtliche "CyberRight"-Gruppe. Ein Gruppenmitglied übernimmt dann die Gegenrede - und zwar derjenige, der gerade Zeit und Luft hat.

Labiba Ahmed gehört zum Gründungsteam von "CyberRight". Die Studentin sagt: "Bei solchen Hass-Postings werden Dinge geäußert, die wir uns von Angesicht zu Angesicht niemals sagen würden. Warum erlauben wir uns dann, im Netz solche Sachen einfach stehen zu lassen? Wir finden, dass man das nicht so stehen lassen sollte - und deshalb versuchen wir, was dagegen zu machen."

"Schweigende Mehrheit, die sich aufregt, aber nichts gegen Hass postet"

Sozialpädagoge Ercan Kök berät den Verein "Miteinander Leben" zum Thema Fakenews und Hatespeech. Kök hat daran mitgearbeitet, aus der ersten Idee einer Art Eingreiftruppe im Netz die Gruppe "CyberRight" zu machen, macht selbst mit.

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Er erklärt, warum organisierte Gegenrede wichtig ist: "Das Projekt versucht sich darauf zu spezialisieren, nicht nur die provozierende Person in den Fokus zu nehmen, sondern auch stark an die mitlesende Leserschaft zu appellieren. Die schweigende Mehrheit, das sind Leute, die sich über den Hass aufregen, aber nichts dagegen posten. Vielleicht auch, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen."

"CyberRight" könne da aktivierend wirken, sagt der Sozialarbeiter, auch wenn die Gruppe klein ist und das Internet riesengroß. "Es ist anstrengend, ja, aber Tropfen auf den heißen Stein würde ich nicht sagen, weil dadurch die Realität eher besser abgebildet wird. Weil wir wissen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht von Menschenfeinden dominiert wird."

Die Gruppe will für regionale Online-Medien arbeiten

Eine Handvoll Leute im Herzogtum Lauenburg auf der einen Seite, auf der anderen Seite das globale Problem der Hassrede im Internet. Hat sich da jemand zu viel vorgenommen? Überhaupt nicht, sagt Initiator Mark Sauer. "Wichtig ist uns, dass wir regional arbeiten und dass wir in den Bereichen, wo Hasskommentare auftreten, präsent sind. Natürlich können wir immer mehr Leute, Mitstreiter oder Mitschreiber gebrauchen."

Andreas Anders kann sich mit seinem mobilen Büro beruhigt auf den Weg zum nächsten Termin für seine Online-Zeitung "Herzogtum Direkt" machen. Wenn die "CyberRight"-Truppe richtig aktiv wird, werden die zweifelhaften Kommentare auf seiner Facebook-Seite immer öfter nicht mehr unwidersprochen bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.03.2019 | 19:30 Uhr

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