Portrait von Prof. Uwe Danker © Uwe Danker

Historiker Danker: Nazi-Vergleiche verhöhnen NS-Opfer

Stand: 19.11.2020 17:09 Uhr

Manche Proteste von Corona-Gegnern laufen aus dem Ruder. Warum Verschwörungstheorien und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus mehr als hinken, erklärt ein Experte aus Flensburg im Interview mit NDR Schleswig-Holstein.

Hunderttausende Menschen sprechen sich derzeit per Onlinepetition gegen die von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Neufassung des Infektionsschutzgesetzes aus. Sie vergleichen es mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten von 1933. Manche Demonstranten tragen KZ-Hemden oder Judensterne mit der Aufschrift "ungeimpft". Professor Dr. Uwe Danker, Historiker und Leiter der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte an der Europa-Universität in Flensburg, äußert sich im Interview mit NDR Schleswig-Holstein zu dieser Art von Protesten.

Portrait von Prof. Uwe Danker © Uwe Danker

AUDIO: Corona-Demos: Flensburger Historiker kritisiert Nazi-Vergleiche (5 Min)

Was geht Ihnen als Historiker durch den Kopf, wenn Sie Reichskriegsflaggen oder an Judensterne angelehnte Aufkleber vor dem Reichstagsgebäude sehen?

Uwe Danker: Da fällt mir zunächst die maßlose Verhöhnung der wirklichen NS-Opfer ein. Die Menschen, die ein KZ-Hemd anziehen oder einen Judenstern tragen, setzen sich mit Mordopfern, mit den Leidenden in Konzentrationslagern, in Vernichtungslagern gleich. Und sie marschieren ohne Probleme gleichzeitig zusammen mit Akteuren, die die Reichskriegsflagge tragen. Die Reichskriegsflagge ist seit über 100 Jahren das Symbol der verfassungsfeindlichen, antidemokratischen äußersten Rechten. Das passt überhaupt nicht zusammen. Wer das macht, will nur total provozieren.

Macht sie das wütend?

Danker: Ja, das macht mich richtig sauer.

Viele Demonstranten vergleichen das Gesetz mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten von 1933. Was sagen sie dazu?

Danker: Das Ermächtigungsgesetz vom März 1933 übergab der verfassungsfeindlichen, gewalttätigen Regierung Hitler/Hugenberg sämtliche Macht, die das Parlament bis dahin hatte. Das Infektionsschutzgesetz, das jetzt verabschiedet wurde, regelt für einen ganz engen Notfall auf gesetzlicher Basis die leichte Einschränkung von bürgerlichen Freiheitsrechten - zum Beispiel durch Maskenpflicht und durch Einschränkung der Erwerbstätigkeit. All das ist befristet und jeweils begründet. Und wird übrigens auch von der Judikative, unseren Verwaltungsgerichten, kontrolliert. All das gab es in der NS-Zeit nicht. Und deshalb ist der Vergleich nicht nur maßlos, er ist eine ganz bewusste Provokation.

Es wird ja viel von Corona-Diktatur oder Merkel-Diktatur geredet. Was sagen sie zu solchen Vergleichen?

Danker: Am liebsten würde ich dazu sagen, dass diese Truppe von Spinnern, verwirrten Wichtigtuern und Rechtsextremen von uns allen viel zu sehr beachtet wird. Und dass wir vielleicht doch etwas häufiger über die inzwischen etwa 11.000 Verstorbenen, die einsam und furchtbar verstorben sind, reden sollten. Das ist das eine. Und das andere ist: Ich würde allen Menschen raten, neben sich zu treten. Wir können über manches meckern. Es gibt Fehler in der Politik, auch in den letzten Monaten. Aber insgesamt ist es doch faszinierend, wie unser politisches System diese Krise bewältigt: mit Augenmaß, Ruhe, aber auch Entschlossenheit und Mut. Und die 16 Landesregierungen funktionieren zusammen mit der Bundesregierung. Anders als in der Weimarer Zeit, als genau das eben nicht gelang. Wir können viel diskutieren - und trotzdem ist es faszinierend, wie diese 16 Landesregierungen und die Bundesregierung jeweils zusammenfinden.

Weitere Informationen
Passanten mit Mund-Nasen-Schutz laufen durch eine Fußgängerzone. © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken

Jamaika-Koalition streitet über neues Infektionsschutzgesetz

Weil die FDP die Gesetzesänderung kritisiert, hat sich SH im Bundesrat bei der Abstimmung enthalten. mehr

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) © dpa-Bildfunk Foto: Odd Andersen/AFP/POOL/dpa

Corona-Gipfel: Kontakte reduzieren - Appelle statt Verbote

Ohne neue Corona-Regeln endete das Bund-Länder-Treffen am Montag. Nächste Woche soll es ein langfristiges Konzept geben. mehr

Eine Corona-Leugnerin regt sich auf.
7 Min

Corona-Leugner, Querdenker, Verschwörungstheorien

An alle Querdenker: wenn ihr Euch schon mit Anne Frank vergleichen müsst, dann bleibt doch während der Pandemie auch wenigstens auf dem verdammten Dachboden! 7 Min

Dieses Thema im Programm:

Guten Morgen Schleswig-Holstein | 19.11.2020 | 07:10 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine Polizeimütze mit dem Wappen von Schleswig-Holstein © NDR Foto: Robert Holm

Grote und die Polizeispitze: Führung bot selbst Versetzung an

Ein Papier aus dem Innenministerium zeigt, wie belastet das Verhältnis zwischen Minister und Polizeiführung war. mehr

Am 11. September 2009, sendet Moderator Jan Malte Andresen seine Sendung "Guten Morgen Schleswig-Holstein" aus der Osthusumer Meierei in Witzwort. © NDR Foto: Heike Lang

6,5 Millionen Euro für Meierei in Schleswig-Holstein

Das Unternehmen will seine Kapazitäten erweitern - und das Land unterstützt das Vorhaben. mehr

Die Außenfassade mit dem Karstadtlogo der Filiale in Lübeck.  Foto: Mechthild Mäsker

Nach drohender Schließung: Karstadt bleibt in Lübeck

Die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Lübeck sind nach Angaben des Betriebsrats erstmal gesichert. mehr

Kiels Abwehrspieler Hauke Wahl (l.) freut sich mit Keeper Ioannis Gelios. © imago images / Claus Bergmann

Holstein Kiel - VfL Bochum: Abwehrbollwerk gegen Tormaschine

Mit einem Sieg heute Abend können die "Störche" zumindest für eine Nacht Tabellenführer in der Zweiten Liga werden. mehr

Videos