Stand: 17.04.2019 17:05 Uhr

Boostedt: Flüchtlinge und mediale Blickwinkel

von Sebastian Asmus

In Boostedt kennt man beides: Dass die Medien überwiegend positiv berichten - und dass die Medien überwiegend negativ berichten. Sehr positiv war die Berichterstattung, als im April 2015 in der leer stehenden Rantzau-Kaserne im Ort eine Landesunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet wurde. Viele Bürger bemühten sich aufopfernd, den Asylsuchenden einen freundlichen Empfang zu bereiten. In den Medien war Boostedt schnell die Vorzeige-Gemeinde für Willkommenskultur. Deutsch lernen, Nähen, Fahrräder reparieren, Begegnungscafe und Sportverein - die ehrenamtlichen Boostedter Helfer stellten einiges auf die Beine für die Geflüchteten.

Ein Findling (großer Stein) mit dem Wappen von Boostedt und der Aufschrift "Boostedt 1201".

Boostedt: Flüchtlinge und mediale Blickwinkel

ZAPP -

Mal berichten Medien über Flüchtlinge in Boostedt äußerst positiv - mal überwiegend negativ. Sobald die Kriminalität in den Fokus rückt, trübt sich das Bild ein.

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Ein stolzer Bürgermeister

Einer von ihnen ist Bürgermeister Hartmut König. Der ehrenamtliche Zwei-Tage-die-Woche-Bürgermeister kann immer wieder mit etwas stolz in die Mikrofone erzählen, wie groß die Hilfsbereitschaft in seinem Dorf ist. Und wenn Ministerpräsidenten und Landtagsabgeordnete zeigen wollen, wie es auch gehen kann mit Flüchtlingen, dann fahren sie nach Boostedt. Begleitet von Kameras und Journalisten.

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Anfangs lief alles gut für Bürgermeister Harmut König.

2015 lebten anfangs gut 300 Geflüchtete in der Kaserne, die zuvor Heimat für bis zu 2.000 Soldaten und Zivilisten war. Da sich andere Gemeinden gegen eine Flüchtlingsunterkunft wehren und in Boostedt alles so vorbildlich läuft, will das Land mehr Flüchtlinge in Boostedt unterbringen. Bürgermeister König erinnert sich so: "Ich wurde nachts durch die Staatssekretärin angerufen. 'Herr König, wir können uns nicht mehr an diese Absprachen halten. Da kommt ein Zug von der Grenze. Wir müssen die Menschen unterbringen.' Und ich habe auf einen Sonntagabend den Gemeinderat zusammen gerufen und gesagt, wir müssen hier helfen."

Junge Männer ohne Bleibeperspektive

Boostedt hilft und binnen Monaten leben 1.200 Geflüchtete in der Kaserne. Der Anteil der jüngeren, alleinreisenden Männer ohne Bleibeperspektive wächst. Und sie sind schnell in der Überzahl. Ihr Interesse an Deutschlernen oder Sportverein ist gering. Denn sie wissen, sie werden schon bald abgeschoben. Die Angebote der Ehrenamtlichen werden deshalb kaum noch genutzt. Die Boostedter-Willkommenskultur bricht ein. Stattdessen wächst die Zahl der Bürger, die sich bei König beschweren, dass die Geflüchteten in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, ihren Müll liegen lassen, Mädchen und junge Frauen mit Kuss-Geräuschen auf sich aufmerksam machen wollen oder in der Öffentlichkeit urinieren.

König spürt, dass die Stimmung kippen könnte. Zeitweise fast 2.000 Flüchtlinge sind zu viel für ein Dorf mit gut 4.500 Einwohnern. Er setzt sich für Veränderungen ein, findet aber kaum Gehör. Erst als er seine Sorgen öffentlich macht, bewegt sich etwas.

Ein Dorf in Angst?

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Streit mit seinem Ministerium: Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU).

Die Medien greifen die neue Entwicklung gerne auf. "Integrationsfrust statt Intergrationslust" heißt es - und: "Bürgermeister in Not". Statt der hochmotivierten ehrenamtlichen Helfer äußern sich jetzt fast ausschließlich besorgte Bürger. Nach dem Motto - ein Dorf in Angst. Plötzlich ist Boostedt der Beweis dafür, "wie faul der Asylkompromiss ist" (Bild am Sonntag). Und zwischen Bürgermeister König und dem schleswig-holsteinischen Innenministerium bricht Streit aus, der über die Medien ausgetragen wird. Es geht um die Kriminalität durch Asylsuchende in Boostedt. Der Bürgermeister fühlt sich zu schlecht informiert. Das Innenministerium versichert, angemessen zu informieren. Die Auseinandersetzung gipfelt darin, dass Innenminister Grote König ein Wahrnehmungsproblem unterstellt - obwohl beide in der CDU sind.

Mehr als 100 Straftaten - kein Polizeibericht

Die Kieler Nachrichten finden heraus, dass es zwischen Dezember 2018 und Februar 2019 mehr als 100 Straftaten in der Flüchtlingsunterkunft gegeben hat - von der sich keine in einer Pressemeldung der Polizei wiederfand. Stattdessen gab es von der Polizei-Pressestelle Informationen über einen brennenden Müllbeutel auf einem Balkon und eine illegale Kühlschrank-Entsorgung. Die Bild-Zeitung schrieb: "Polizei verschweigt Straftaten von Flüchtlingen". Der Pressesprecher des Innenministeriums, Dirk Hundertmark, erklärt dazu gegenüber ZAPP: "Das kann ich ganz klar ausschließen. Es ist wichtig, dass einheitliche Kriterien angelegt werden. Das wird auch so gemacht, das ist überprüft worden, auch in Boostedt. Es bedeutet aber eben auch, dass allein die Tatsache, dass in Boostedt eine Tat in einer Flüchtlingsunterkunft durch Flüchtlinge begangen wird, kein besonderes Nachrichteninteresse begründet."

Kein sexueller Missbrauch

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Der Zugang zur Landeserstaufnahmeeinrichtung in Boostedt.

In der aufgeheizten Stimmung um Flüchtlings-Kriminalität in Boostedt überschlagen sich die Medienbericht. Die Kieler Nachrichten schreiben am 11. März auf der Titelseite "Am 12. Februar soll dann ein neunjähriges Mädchen in der Unterkunft von einem anderen Bewohner sexuell missbraucht worden sein." Aber erst im Innenteil des Blattes und dort erst im letzten Absatz erfährt der Leser eine nicht ganz unwichtige Information: Nach den Ermittlungen der Polizei war die Neunjährige von einem 33-Jährigen körperlich angegangen worden. Einen sexuellen Missbrauch gab es demnach aber nicht. Mehrere Zeugen, die bei dem Zwischenfall anwesend waren, hatten das zweifelsfrei ausgesagt.

ZAPP hat bei den Kieler Nachrichten nachgefragt, warum sie auf dem Titelbild von einem "sexuellen Missbrauch" schreiben, wenn weiter hinten im Blatt steht, dass es "nicht zu sexuellen Handlungen" gekommen sei. Die Kieler Nachrichten berufen sich auf "Informationen aus Polizeikreisen". So wird den Lesern der Titelgeschichte vorenthalten, dass der bei der Polizei angezeigte Verdacht widerlegt wurde. Die Nachricht von dem vermeintlichen sexuellen Missbrauch einer Neunjährigen multipliziert sich dennoch durch die Medien und das Internet. Auch die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alice Weidel greift die Nachricht der KN auf, verbreitet die "sexuelle Schändung" über Facebook.

Mehr Menschen bedeuten mehr Kriminalität

Für angeheizte Diskussionen sorgen zahlreiche Medien auch mit der Interpretation der Kriminalitätsstatistik für Boostedt: Die berechneten Steigerungen von 2017 auf 2018 reichen von "verdoppelt" bis "verzehnfacht". Die Medien vergleichen dabei verschiedene absolute Zahlen. Unberücksichtigt bleibt dabei die Entwicklung der Bewohnerzahl in der Flüchtlingsunterkunft. Die hat sich nach Auskunft des Innenministeriums von 2017 auf 2018 fast verdreifacht. Mehr Menschen, mehr Kriminalität - das gilt aber wohl überall. Der Pressesprecher des Innenministeriums, Dirk Hundertmark, erklärt dazu gegenüber ZAPP: "Diese Entwicklung ist nicht auffällig. Man muss dabei berücksichtigen, dass von etwa 400 Bewohnern der Landesunterkunft im Durchschnitt 2017 die Zahlen gestiegen sind auf durchschnittlich etwas über 1100 im Jahr 2018."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.04.2019 | 23:20 Uhr

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