Bodenkundler: Flächenverbrauch in SH ist eine Katastrophe

Stand: 07.01.2021 07:52 Uhr

Aus Sicht von Naturschützern und Bodenwissenschaftlern verlieren wir in Schleswig-Holstein durch Flächenversiegelung zu viel Naturräume und Ackerfläche. Das hat massive Auswirkungen auch auf die Landwirtschaft.

von Andreas Schmidt

Einige gezielte Hammerschläge und Professor Rainer Horn hat seinen Bohrstock etwa 1,5 Meter in einer kostbaren Ressource versenkt, die immer kostbarer wird: Braunerde auf einem Winteracker in der Nähe von Kronshagen. Rainer Horn, einer der renommiertesten Bodenkundler des Landes, zieht den hohlen Bohrstock aus der Erde, begutachtet die Probe und ist zufrieden.

Guter Boden braucht viel Zeit

Der Bauer hat nach der Ernte eine Zwischenfruchtmischung gesät: Raps, Wicken, Lupinen. Deren Laub liegt jetzt welk auf dem nassen Boden, aber die Wurzeln halten die Erde locker und die Nährstoffe fest. Genau so soll es sein. "Die Bodenbildung hier in der Region hat mit Ende der letzten Eiszeit begonnen, also etwa vor 15.000 Jahren", erklärt Professor Horn. "Auch ein Landwirt muss jahrzehntelang arbeiten, um den Boden locker zu halten. Eine falsche Bewirtschaftung und es ist vorbei."

Gesunder Boden, ein immer knapperes Gut

Gesunder Boden beherbergt Mikroorganismen, reguliert das Klima, bildet sauberes Grundwasser - und ist ein immer knapper werdendes Gut. Jeden Tag verschwinden in Schleswig-Holstein mehr als drei Hektar Boden unter Straßenasphalt, unter dem Pflaster der Einkaufszentren auf der Grünen Wiese und unter den Eigenheimen der Neubaugebiete. Im Norden von Neumünster entsteht gerade ein riesiges Logistikzentrum. Auf 19 Hektar Fläche versiegeln Baumaschinen dort die Erde.

Das ist eine Katastrophe, findet Rainer Horn: "Der Boden verliert nicht nur seine ökologische Funktion. Gleichzeitig verlieren wir auch Ackerfläche." Bis zur Mitte des Jahrhunderts müssten weltweit etwa zwei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Die Konkurrenz um die Flächen werde immer härter.

Gift aus der Vergangenheit

Auf einer unappetitlichen Industriebrache stadteinwärts in Neumünster rückt Frank Lepenies seine Mütze zurecht. Er arbeitet für die untere Bodenschutzbehörde der Stadt. Dieses Gelände ist das größte Projekt seines Arbeitslebens. "Etwas sorglos" sei man hier in den 1970er Jahren mit Chemikalien umgegangen.

Etwas sorglos bedeutet, dass hier ein Chemikalienhandel über Jahre den Boden mit Lösungsmitteln verseucht hat. Auf dem Gelände steht eine riesige Pumpe, die das Grundwasser nach oben befördert und durch eine Reihe von Filtern wieder nach unten rieseln lässt, damit das Trinkwasser von Neumünster nicht vergiftet wird. Die Pumpe läuft seit 30 Jahren. Jetzt aber will die Stadt die ganze Fläche endlich sanieren, damit sie hier neues Gewerbe ansiedeln kann, ohne neue Fläche zu verbrauchen.

Nutzbare Fläche kostet viel Geld

"Wir werden jetzt nach einem Verfahren der Uni Stuttgart an 30 Stellen heißen Dampf in den Boden leiten." Dieser Dampf soll auf dem Weg nach oben den Rest der Schadstoffe mitnehmen und so die Fläche wieder benutzbar machen. Das ist ein enormer Aufwand. Am Ende wird das die Stadt und das Land mehr als zwei Millionen Euro kosten, ganze 9.000 Quadratmeter Land wieder in Umlauf bringen zu können.

Ehrgeizige Ziele

Die Landesregierung versucht jetzt verstärkt, gegen den Flächenverbrauch anzukämpfen. Mit mehr Geld für Flächenrecycling und Altlastenbeseitigung, mit neuen Wohnkonzepten, die weniger Platz verbrauchen, mit der Entsiegelung brachliegender Flächen. "Bis 2030 wollen wir so den Flächenverbrauch bis auf 1,3 Hektar am Tag reduzieren," sagt Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU).

Räume teilen = gut für die Umwelt

In Flensburg fördert das Land ein innovatives Wohnquartier am Hafen. Menschen werden sich hier zukünftig Einrichtungen wie Waschküchen oder auch Büros oder Gästezimmer teilen. So verbrauchen am Ende alle zusammen weniger Platz. Fläche kann dadurch entsiegelt und begrünt werden.

Einen Boden wie die Braunerde auf dem Winteracker bei Kronshagen hat man damit noch lange nicht. "Sie können sicher davon ausgehen, dass es Jahrhunderte dauern wird, bis der Boden auch nur einen Teil seiner ursprünglichen Funktion wiederbekommen hat," sagt Rainer Horn. Eine kostbare, knappe Ressource eben.

Weitere Informationen
Auf der Baustelle der A21 neben der Bundestraße 404 in Nettelsee steht ein Trecker mit Anhänger. © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder

Aktuelle Baustellen in Schleswig-Holstein

An zahlreichen Straßen in Schleswig-Holstein wird zurzeit gearbeitet. Hier ein Überblick mit Baustellen auf Autobahnen und Bundesstraßen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.01.2021 | 19:30 Uhr

Ein Zaun sperrt eine Baufläche bei Neumünster ab. © NDR
4 Min

Flächenverbrauch in SH: Gesunder Boden = knappes Gut

In SH werden jeden Tag rund 3,4 Hektar Boden versiegelt. Die Wissenschaft warnt vor massiven Auswirkungen. 4 Min

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Daniel Günther spricht im Landtag. © NDR

Günther: Schritte Richtung Normalität nach Ostern

Der Ministerpräsident sagte, er will den Menschen Perspektiven aufzeigen. Die SPD erklärte, den Kurs der Regierung mitzutragen. mehr

Ein Landwirt hockt mit seinem Hund im Kuhstall. © Nils Hansen Foto: Nils Hansen

Ökolandbau: Backensholzer Hof gewinnt Bundeswettbewerb

Der Backensholzer Hof in Nordfriesland hat die Jury mit einem nachhaltigen Landwirtschaftskonzept überzeugt. mehr

Eine Erzieherin spielt in einer Kindertagesstätte hinter einer Rollbahn mit Kindern. © dpa Foto: Uwe Anspach

Kita-Kosten: Land übernimmt auch weiter die Gebühren

Solange die Kitas geschlossen sind, müssen Eltern nichts für die Betreuung zahlen. Für unter 3-Jährige gibt es weitere Änderungen. mehr

Handballprofi Jacob Heinl von der SG Flensburg-Handewitt. © imago images / Beautiful sports

Erneute Knie-Operation bei Flensburgs Heinl

Beim Handball-Profi soll ein Meniskus- und Knorpelschaden behoben werden. Wie lange der 34-Jährige ausfällt, ist offen. mehr

Videos