Stand: 24.09.2019 00:04 Uhr

Blockade von Yara-Werk in Brunsbüttel geht weiter

Hunderte Klima-Aktivisten aus verschiedenen europäischen Ländern blockieren seit Montagmittag zwei Zufahrten des Chemiewerks der Firma Yara im Industriegebiet von Brunsbüttel. "Uns ist wichtig, dass die Verbindung zwischen industrieller Landwirtschaft und dem Klimachaos gesehen wird", sagte eine Sprecherin der Organisation "Free the Soil" (etwa: Befreit die Böden). Die Polizei sprach von einem friedlichen Verlauf der Demonstration, die zunächst bis 18 Uhr angemeldet war. Das Ordnungsamt genehmigte den Veranstaltern am Montagabend, ihre Aktion vor dem Haupttor und an einer weiteren Zufahrt bis Dienstagnachmittag zu verlängern. Die Aktivisten kündigten an, die Blockade auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten zu wollen - auch nachts.

Aktivisten wollen Produktion des Werks zeitweise stoppen

Die Fabrik in Brunsbüttel gehört zum norwegischen Yara-Konzern. An dem Standort an der Elbe produziert das Unternehmen nach eigenen Angaben mit großem Energieaufwand verschiedene Produkte - unter anderem Stickstoff, der später für die Produktion von Düngemitteln gebraucht wird. In einer Harnstoffanlage entsteht unter anderem der Diesel-Zusatz AdBlue. In der Region gehört das Werk nach Angaben des Umweltbundesamtes zu den Haupt-Emittenten von Kohlenstoffdioxid. Die Aktivisten wollen die Produktion von Yara nach eigenen Angaben zumindest zeitweise stoppen.

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Etwa zehn Aktivisten blockierten am Montagabend eine weitere Zufahrt zu dem Werk.

Eine kleinere Gruppe hatte am Montagabend eine weitere Zufahrt zu dem Gelände der Fabrik blockiert. Der Einsatzleiter der Polizei ließ die Blockade gegen 21 Uhr räumen, da weder Arbeiter noch die Polizei selbst das Fabrikgelände verlassen oder betreten konnten. Nach zwei Aufforderungen durch die Polizisten wurden die etwa zehn Aktivisten - singend und ohne körperlichen Widerstand - weggetragen.

Der Großteil der Demoteilnehmer schien von Anfang an darauf vorbereitet gewesen zu sein, die Nacht in einer der Werkszufahrten zu verbringen: Viele hatten Schlafsäcke und Planen mitgebracht.

Sonderbetrieb bei Yara wegen Demonstration

Auch Yara hatte sich nach Angaben eines Sprechers darauf eingestellt, dass die Aktion der Demonstranten länger dauert. Deshalb seien am Montag weniger Mitarbeiter als sonst vor Ort gewesen. Außerdem sei in zwei statt in drei Schichten gearbeitet worden. "Wir haben Verständnis und respektieren die Sichtweise der Demonstranten - und die Meinungsfreiheit", sagte Mathias Schmahl von Yara.

Aktivisten blockieren Yara-Werk mehr als 24 Stunden lang

"Free the Soil": Agrarindustrie einer der größten Klima-Zerstörer

Die Demonstranten sprachen am Montag von etwa 500 Teilnehmern, die Polizei ging von 350 aus. "Free the Soil" sieht die Agrarindustrie als einen der größten Zerstörer des Klimas. Schon seit Donnerstag haben die Umweltschützer im nahe gelegenen Sankt Margarethen im Kreis Steinburg ein sogenanntes Klima-Camp errichtet.

500 Polizisten sind im Einsatz

Die Landespolizei hat für den Einsatz eine "Besondere Aufbauorganisation" (BAO) gegründet und mitgeteilt, insgesamt mehr als 500 Beamte während des Klima-Camps einsetzen zu wollen. Dazu hat die Einsatzleitung Beamte aus Schleswig-Holstein, aber auch aus anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg und von der Bundespolizei angefordert. Die Polizei will nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein mit dem großen Aufgebot auch verhindern, dass Aktivistinnen die Industrieanlagen betreten können. "Die Grenze der Versammlungsfreiheit endet bei Vorliegen erheblicher Straftaten sowie bei unmittelbarer Gefahr für Leib oder Leben oder hochwertiger Sachgüter", heißt es von der Polizei. Im Rahmen des Klima-Camps hatten die Aktivisten eine Aktion mit "massenhaftem zivilen Ungehorsam" gegen das Werk angekündigt.

Gewahrsam: Gesichter geschwärzt, Fingerkuppen manipuliert

Insgesamt wurden bis Montagvormittag 16 Menschen in Gewahrsam genommen. So wurden unter anderem zwei Fahrzeuge kontrolliert, deren Insassen ihre Gesichter geschwärzt hatten und die Stirnbandlampen trugen. Ein Teil hatte zudem die eigenen Fingerkuppen mit Nagellack manipuliert. Die Personen wurden laut Polizei aus Gründen der Gefahrenabwehr in Gewahrsam genommen. Drei weitere Personen hielten sich nach Angaben der Polizei an den Gleisen der Güterbahnstrecke zwischen Wilster und Brunsbüttel auf. An dem Gleis der Strecke waren Schrauben gelöst und das Schotterbett in Teilen entfernt. Die Polizei geht nach Angaben eines Sprechers inzwischen davon aus, dass diese Schäden schon vorher entstanden sind. Bei dem Einsatz in der Nacht zu Montag war nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein auch ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera im Einsatz.

Demonstration im größten Industriegebiet Schleswig-Holsteins

Mit einer Fläche von 2.000 Hektar ist der ChemCoast Park Brunsbüttel nach eigenen Angaben das größte Industriegebiet in Schleswig-Holstein. Das dortige Atomkraftwerk befindet sich derzeit im Rückbau. Direkt nebenan planen Investoren den Bau des ersten Import-Terminals für Flüssigerdgas (LNG) in Deutschland.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.09.2019 | 22:00 Uhr

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