Aus für Caterpillar in Kiel: Politik völlig überrascht

Stand: 08.07.2021 17:15 Uhr

Die Meldung hat Politiker, Gewerkschaft und Arbeitnehmer kalt erwischt: Caterpillar will an seinen deutschen und chinesischen Standorten keine MSE-Motoren mehr bauen. In Kiel arbeiten gut 670 Beschäftigte.

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) sprach von einem "ganz herben Schlag" und zeigte sich enttäuscht vom US-amerikanischen Unternehmen Caterpillar. Der große Einsatz der Beschäftigten in Kiel sei nicht belohnt worden. "Umso mehr steht der Konzern nun aber in der Pflicht, den betroffenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen über angemessene finanzielle Leistungen und eine Transfergesellschaft Perspektiven zu geben und die Härten so weit wie möglich abzufedern."

Wirtschaftsministerium will Gespräche aufnehmen

Thilo Rohlfs, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, reagierte ebenfalls überrascht und enttäuscht. "Der geplante Stellenabbau - wenn er denn so kommt wie jetzt angekündigt - ist ja quasi eine Schließung der Standorte." Nicht nur für die Mitarbeiter sei das hart, sondern es treffe auch den Industriestandort Schleswig-Holstein. Wir sind von dieser Meldung kalt erwischt worden." Laut Rohlfs gab es gerade Gespräche mit der Geschäftsführung in diesem Jahr - der Schritt jetzt in der Sommerpause sei deshalb "überraschend". Er kündigte an, erneut das Gespräch mit der Geschäftsleitung zu suchen. "Wir bemühen uns derzeit um einen Termin."

Suche nach sozialverträglichen Lösungen für Mitarbeiter

Zusammen mit der Gewerkschaft IG Metall will das Wirtschaftsministerium zunächst mehr Hintergründe erfahren über die Entscheidung. "Wir werden uns auch noch mal stark machen für Alternativpläne - und vor allem für sozialverträgliche Lösungen für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."

Staatssekretär Dr. Thilo Rohlfs blickt leicht lächelnd in die Kamera vor neutralem Hintergrund. © NDR Foto: Pavel Stoyan
AUDIO: Wirtschaftsministerium will Gespräche mit Caterpillar aufnehmen (1 Min)

Seit Jahren ist die Motoren-Abteilung von Caterpillar in Schieflage. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Kurzarbeit für einen Teil der Belegschaft gegeben. Außerdem sind wiederholt Arbeitsplätze abgebaut worden, zuletzt war das vor eineinhalb Jahren der Fall. Der US-amerikanische Mutterkonzern hat am Mittwoch die Belegschaft darüber informiert, dass bis Ende 2022 der Verkauf der mittelschnelllaufenden Motoren (MSE) an allen seinen Standorten in Deutschland und China eingestellt wird.

Nur noch Service, keine Produktion mehr

Künftig wolle sich das Unternehmen auf Aftermarket-Service von MSE-Motoren konzentrieren, so ein Unternehmenssprecher. Und weiter heißt es in der kurzen Mitteilung wörtlich: "Die lokale Geschäftsführung beabsichtigt die erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Geschäftstransformation bis Ende 2022 im wesentlichen abzuschließen."

VIDEO: Motorenbauer Caterpillar will sein Werk in Kiel schließen (1 Min)

IG Metall will kämpfen

Kritik kommt auch von der IG Metall. Die Gewerkschaft kritisiert vor allem die Art und Weise, wie die Belegschaft über die Entscheidung informiert wurde. Das erfolgte nämlich zum größten Teil per Online-Videobotschaft. "Wir haben damit nicht gerechnet, da wir ja erst Ende 2020 einen Sozial-Tarifvertrag mit der Kieler Geschäftsführung vereinbart haben, damit der Standort gesichert ist", so Stephanie Schmoliner, Geschäftsführerin der IG Metall Kiel-Neumünster. Die Politik sei bereits informiert worden, so die Gewerkschaftlerin: "Wir können als IG Metall nur sagen, dass jetzt gekämpft werden muss. Eine Standortschließung nehmen wir nicht hin."

Neben Kiel hat Caterpillar noch einen Standort in Henstedt-Ulzburg im Kreis Segeberg. Im dortigen Lager sind rund 60 Menschen beschäftigt, die nach der Auflösung in Rostock untergebracht werden sollen.

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Der Schiffsmotoren-Hersteller Caterpillar in Rostock-Warnemünde. © picture-alliance Foto: Jens Büttner

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IHK: Erneuter Tiefschlag für maritimen Standort

Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, blickt in die Kamera. © NDR Foto: Christian Wolf
Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, bedauert die Entscheidung von Caterpillar.

Der Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, Jörg Orlemann, sprach von einem erneuten Tiefschlag für den maritimen Standort Kiel und Schleswig-Holstein. "Qualifizierte Arbeitskräfte und über viele Jahrzehnte aufgebautes Knowhow drohen jetzt verloren zu gehen." Caterpillar sei in Friedrichsort nicht irgendein Betrieb, sondern ein Ankerunternehmen. Daran würden auch Nachbarwerften hängen. "Auch diese hängen jetzt in der Luft", meinte Orlemann. Man müsse sich auch folgende Frage stellen: Was hat Rostock, was Kiel nicht hat? Zu häufig seien in den vergangenen Jahren Standortentscheidungen gegen die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt gefallen.

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Firmenschild an einer Halle der Firma Caterpillar in Kiel-Friedrichsort. © picture alliance / dpa Foto: Carsten Rehder

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 08.07.2021 | 12:00 Uhr

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