Ein Workshopleiter des "Revolution Train" steht vor einem Autowrack.  Foto: Jonas Hanst

Anti-Drogen-Zug macht Halt in Norderstedt

Stand: 21.10.2021 20:18 Uhr

160 Meter lang, 300 Tonnen schwer: Der "Revolution Train" fährt in diesen Tagen durch Schleswig-Holstein, es ist ein Anti-Drogen-Projekt aus Tschechien. Es setzt auf Abschreckung, ist aber auch umstritten.

von Jonas Hanst

Die 8. Klasse der Gemeinschaftsschule Harksheide hat Lust auf den heutigen Tag. Pünktlich um 8 Uhr steigen die Schülerinnen und Schüler - etwas aufgeregt - in den "Revolution Train" ein. Ein rollender Zug, der noch bis Montag in Norderstedt (Kreis Segeberg) Halt macht. In den kommenden 90 Minuten erwartet die 16 Jugendlichen im Alter von 14 Jahren eine Menge Stoff in Sachen Drogen-Aufklärung. Der erste Waggon hat es gleich in sich, wirkt bedrückend. Schwarze Wände, ein leichtes Brummen ist zu vernehmen. Hier wird sofort klar: In diesem Zug geht es um die Schattenseiten des Lebens.

Dann beginnt sie, die multimedial dargestellte und inszenierte Geschichte einer Gruppe Jugendlicher. Die Schülerinnen und Schüler erleben sie auf ihrem Weg von den ersten Partys, keine Lust auf die Eltern bis hin zur Entwicklung und die Folgen einer Drogensucht.

Kein Frontalunterricht, sondern Erlebnisunterricht

Jugendliche nehmen an einem Workshop im "Revolution Train" teil.  Foto: Jonas Hanst
Schüler laufen 90 Minuten durch die Waggons. Hier werden verschiedenen Abschnitte im Leben eines Drogensüchtigen gezeigt.

Die 8. Klasse sitzt im Zug vor einer Leinwand. Es läuft ein Film. Jugendliche, die nach einem Fußballspiel Party machen: laute Musik, Alkohol, Zigaretten. Nach dem Feiern steigen sie ins Auto, fahren betrunken los. Ein paar Minuten später kommt der laute Knall. Das Auto stößt frontal mit einem Motorradfahrer zusammen, er stirbt sofort. Jetzt fährt die Leinwand hoch. Die 8. Klasse sitzt direkt vor dem Unfallauto. Unter dem Kühlergrill liegt das Motorrad. Ein Raunen geht durch den Raum.

Auch legale Drogen eine große Gefahr

Max Robitzky vom Jugendzentrum Buschweg führt die Klasse durch den Zug. "Natürlich macht Alkohol nicht sofort abhängig und ab und an mal feiern, ist auch völlig in Ordnung", sagt er zu den Mädchen und Jungen im Raum - und warnt: "Aber das ist eben gefährliches Zeug. Wer zu viel Alkohol trinkt, verliert alle Hemmungen."

Die Nachfrage bei den Kindern zeigt, dass das Thema relevant ist. Einige haben schon mal bei ihren Eltern einen Schluck Alkohol probiert, zum Testen. Auch eine Zigarette sei schon mal geraucht worden, melden die Jugendlichen zurück.

Nach den legalen Drogen kommen die illegalen

Es geht weiter im Zug - und jetzt kommen die harten Drogen: LSD, Kokain, Heroin. Der Waggon, in dem die 8. Klasse jetzt steht, stellt eine inszenierte Wohnung dar. Viel erinnert hier jedoch nicht mehr an ein schönes, gemütliches Zuhause - im Gegenteil: Alles ist verdreckt, Fixerbesteck liegt auf dem Tisch und Kippen in jeder Ecke. Es wurde die Wohnung eines Süchtigen nachgebaut. "Wollt ihr hier mal wohnen?", fragt Max Robitzky. "Nein", ruft die Klasse energisch zurück.

Der Moderator fragt weiter, was sie denken, wie viel Drogen am Tag kosten. Schnell wird klar: Hunderte Euro im Monat oder noch mehr. Wie kommen die Süchtigen an das Geld, fragt er, eine geregelte Arbeit sei ja nicht mehr möglich als Abhängiger. "Durch Dealen? Durch Klauen?", antworten einige Schüler. Max Robitzky stimmt zu. Die Menschen würden kriminell werden, nur um sich den nächsten Schuss finanzieren zu können, erzählt er. Besonders in diesem Waggon macht sich eine bedrückende Stimmung breit. Alle sind froh, als es aus der verdreckten Wohnung rausgeht.

Schülerin: "Ich habe sehr Angst davor"

Am Ende des Zuges wird der "Baum des Lebens" gezeigt. Eine Wand an dem ein großer Baum zu sehen ist, jeder Ast steht für einen Lebensabschnitt. "Viele Drogenabhängige sterben an ihrem Konsum", sagt Max Robitzky. "Schaut mal, wie viel Leben ihnen dadurch genommen wird", sagt er und zeigt auf den Baum.

Am Ende haben die Jugendlichen die Geschichte einer Drogenkarriere miterlebt. Jetzt geht es wieder an die frische Luft, der Zug ist nach 90 Minuten überstanden, die Schüler und Schülerinnen ordnen ihre Gedanken. "Ich habe sehr Angst davor", sagt eine Schülerin. Sie wisse nicht, was Drogen mit ihrem Körper anstellen. Da sie auf jeden Fall Kinder haben möchte, will sie die Finger von dem Zeug lassen. Eine andere Mitschülerin meint, sie wäre vielleicht schon mal auf die Idee gekommen Drogen zu nehmen. Nach den Bildern in dem Zug sei das für sie aber kein Thema mehr, so will sie nicht enden.

Es gibt auch Kritik an dem "Revolution Train"

Die Kinder setzen sich kritisch mit dem eben Erlebten auseinander, das ist ein Ziel der Projektverantwortlichen. Aber der "Revolution Train" ist auch umstritten. Das schleswig-holsteinische Sozialministerium hält nicht viel von dem Zug-Projekt. Auch die Europäische Gesellschaft für Präventionsforschung sagt, dass Aktionen wie der "Revolution Train" zu kurz greifen. Das Projekt setze nur auf Abschreckung, für eine effektive Prävention brauche es aber eine Strategie mit robusten Forschungsmethoden, heißt es.

Ein Zeitungsausschnitt zum Thema Drogen.  Foto: Jonas Hanst
Das Projekt führt die Besucher in die Welt von Drogenabhängigen.

Jürgen Schlichting vom "Revolution Train" versteht die Kritik nicht. Die Jugendlichen würden ihm positives Feedback geben, die Städte schauen sich das Projekt vorab an und entscheiden sich dann auch dafür. Es komme doch auf die Meinung derer an, die es betrifft, die Jugendlichen, sagt er.

"Auch die Kosten sind überschaubar", sagt Schlichting. Pro Schüler oder Schülerin werden demnach 23 Euro fällig. Die Kosten tragen laut Schlichting je zur Hälfte Städte und Kreise sowie Sponsoren. Laut Veranstalter erreicht der Zug allein in Schleswig-Holstein rund 4.200 Schülerinnen und Schüler. Tagsüber sei er fast immer ausgebucht, sagt Schlichting. Die Verantwortlichen betonen aber, dass der "Revolution Train" nur ein Teil innerhalb der wichtigen Präventionsarbeit sein kann.

Weitere Stopps in Schleswig-Holstein

Wer sich selbst ein Bild von dem Zug machen möchte, kann dies am Sonnabend (23.10.) ab 10 Uhr in Norderstedt tun. Terminvereinbarungen sind nicht notwendig und der Eintritt ist frei. Jeder, der Interesse hat, kann vorbeikommen. Der Zug steht auf den Gleisen in Höhe Mühlenweg 141 in Norderstedt. Weitere Stopps sind in Bad Segeberg (26.10. - 29.10.), Bad Bramstedt (01.11. - 02.11.) und Neumünster (03.11.) angesetzt.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.10.2021 | 19:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Sucht

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein umgekippter Milchlaster liegt in einem Graben an der B5. © Westküsten News Foto: Florian Sprenger

B5 bei Heide: Vollsperrung wegen umgekipptem Milchlaster

Der Lkw war mit 22 Tonnen Milch beladen. Die Bergungsarbeiten gestalten sich schwierig. Die Bundesstraße ist seit dem Vormittag voll gesperrt. mehr

Videos