Stand: 23.02.2019 13:30 Uhr

100 Jahre im Dienste von Schifffahrt und Musik

von Peter Bartelt

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Die ersten 50 Kanallotsen mit ihren Angehörigen an der Lotsenstation Nübbel im Kreis Rendsburg-Eckernförde.

Langsam schiebt sich der riesige Stahlrumpf eines Massengutfrachters zentimetergenau aus der Schleusenkammer in Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen). Mit auf der Brücke: ein Kanallotse. Das Ziel ist die Schleuse in Kiel-Holtenau. Rund 98 Kilometer Kanalstrecke sind zu bewältigen. Die Fahrt auf einer der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt ist tückisch. 2018 haben über 30.000 Schiffe den Kanal passiert. Da kann immer etwas schiefgehen. Es gibt enge Abschnitte, entgegenkommende Schiffe, Seitenwinde. Da ist Erfahrung gefragt. Ohne einen Lotsen an Bord geht gar nichts.

Deutscher Lotsenbund gründet sich im Lokal

Das war schon so, als 1895 der Kaiser-Wilhelm-Kanal, wie er damals noch hieß, eröffnet wurde. Damals traten die ersten 50 Kanallotsen ihren Dienst an. Sie waren damals kaiserliche Beamte, die pro Schiffspassage bezahlt wurden. Allerdings mussten sie für die Schäden persönlich aufkommen, die ein Schiff während ihrer Lotsung am Kanal anrichtete. Oder die Prämie wurde gekürzt, wenn nach Ansicht des Schiffskommandanten die Lotsung nicht einwandfrei war. Diese Rechtsunsicherheit führte am 21. Februar 1919 zur Gründung des Deutschen Lotsenbundes.

Im Lokal "Wartehalle" in Kiel-Holtenau wählten die Lotsen den Brunsbüttelkooger Lotsen Franz Sieslack zu ihrem ersten Vorsitzenden. Dass es ausgerechnet in der "Wartehalle" dazu kam, war kein Zufall. Denn dort warteten viele der Kanallotsen auf ihren nächsten Einsatz. "Die Gründung war für das gesamte Lotsenwesen von großer Bedeutung", sagt Andreas Kühn, ehemaliger Lotse in Brunsbüttel. "Denn der Lotsenbund war die erste Lotsenvereinigung überhaupt. Ein Vorreiter für alle Interessensvertretungen der Lotsen, die danach kamen, wie zum Beispiel die Bundeslotsenkammer von 1954."

Der Kaiser-Wilhelm-Kanal - ein Erfolgskonzept

Nach dem ersten Weltkrieg nahm die Wirtschaft erst langsam wieder Fahrt auf, doch nach wenigen Jahren boomte der Kanal. Die Schiffspassagen nahmen zu, die Zahl der Kanallotsen ebenfalls. Umso wichtiger war es für sie, gut organisiert zu sein. Und es auch nach der Auflösung des Deutschen Lotsenbundes im Jahr 1935 weiterhin zu bleiben. In Brunsbüttel und Kiel-Holtenau gibt es inzwischen zwei Lotsenbrüderschaften, die sich den Kanal teilen. Jede Lotsenbrüderschaft übernimmt etwa die Hälfte des Kanals. Früher lag die Lotsenstation bei Nübbel (Kreis Rendsburg-Eckernförde), südlich von Rendsburg. Seit 1995 ist sie wenige Kilometer weiter Richtung Brunsbüttel bei Rüsterbergen, ebenfalls im Kreis Rendsburg-Eckernförde.

Der Lotse ist nicht zu ersetzen - noch nicht

Der technische Fortschritt macht auch vor der Schifffahrt nicht halt. Schiffe aller Gewichtsklassen aus allen Teilen der Welt passieren den Nord-Ostsee-Kanal, mal hochmodern, mal reif zum Abwracken - sogenannte "Seelenverkäufer". Für Andreas Kühn ist eine schnelle Entwicklung - wie beispielsweise auf der Straße mit computergesteuerten Autos - auf dem Wasser nur bedingt vorstellbar. "Lotsen werden immer gebraucht", sagt er. "Das Risiko, dass im Küstenbereich und vor allem im Kanal aus mangelnder Erfahrung was schief geht, können wir uns nicht erlauben", meint Kühn. "Auf hoher See ist ein Computer als Steuermann sicher vorstellbar, aber nicht direkt vor unserer Tür. Der Beruf des Lotsens ist in den kommenden Jahrzehnten aus meiner Sicht nicht zu ersetzen."

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Der Lotsenchor "Takelure" ist seit seiner Gründung 1919 aktiv.
Ein Festakt zum Doppeljubiläum

Die Gründung des Deutschen Lotsenbundes am 21. Februar 1919 hat das Lotsenwesen nachhaltig verändert. Und der Lotse ist auch aus heutiger Sicht, 100 Jahre nach der Gründung der ersten Lotsenvereinigung, aus der Schifffahrt nicht wegzudenken. Aber vor 100 Jahren begann auch noch eine andere Erfolgsgeschichte. Denn drei Tage vor dem deutschen Lotsenbund, am 18. Februar 1919, gründeten Franz Seieslack und drei seiner Kollegen in Brunsbüttelkoog den Lotsenchor "Takelure", dessen inzwischen 30 Stimmen sich bis heute erheben.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.02.2019 | 19:30 Uhr

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