Stand: 20.08.2019 18:20 Uhr

So funktionierte die Plattform "xplosives.net"

Screenshot der illegalen Internet-Plattform "xplosives.net", die Spezial-Ermittler aus Göttingen inzwischen lahmgelegt haben.

Die Göttinger Polizei hat in einem internationalen Großeinsatz die Sprengstoff-Plattform "xplosives.net" stillgelegt. Dies teilten die Beamten am Dienstag mit. Die Webseite, die nicht im Darknet, sondern seit Jahren frei im Internet zugänglich war, hatte es in sich: Auf ihr waren unter anderem konkrete Anleitungen zum Bau von Bomben, Sprengstoffen und Zündern ganz einfach über die Hauptnavigation der Seite zu finden.

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Vom Kinderspielzeug zur "tödlichen Bombe"

Von dort brauchte der User nur zwei Klicks, um die detaillierten Beschreibungen zu finden - etwa wie mit handelsüblichen Materialien, darunter Küchenpapier, Kerze und Leim, in fünf Schritten Sprengkörper hergestellt werden können, die "bei guter Verarbeitung viel stärker als jeder Polenböller" wirken, wie es auf der Webseite hieß. Einer anderen Beschreibung war zu entnehmen, wie sich ein Überraschungs-Ei in kurzer Zeit unter Verwendung von Sprengstoff zu "einer tödlichen kleinen Bombe" formen lässt. "Der Aufwand der Herstellung ist minimal und ist innerhalb von wenigen Minuten erledigt", hieß es dort. Mit drei weiteren Klicks landete man bei der Anleitung zu einer "MARB", womit laut Webseite die "Mutter aller Rohrbomben" gemeint ist.

Ratgeber zum Verhalten bei einer Hausdurchsuchung

Neben weiteren Anleitungen über den Bau von Zündern (vom Abreißzünder bis Zündstrohhalmen), detaillierten Anleitungen zur Herstellung von knapp drei Dutzend Chemikalien mit explosiven Eigenschaften sowie zur Herstellung von synthetischen Betäubungsmitteln konnten sich die Nutzer auch Videos von explodierenden Bomben anschauen und sich in einem Forum austauschen. Unter einem Eintrag erläuterte ein User etwa, wie man sich auf eine Hausdurchsuchung vorbereitet. "Ich gebe aufgrund meiner persönlichen Erfahrung und all dem, was sich ereignet hat, einen kleinen Ratgeber", schrieb etwa ein User, in einem Beitrag, der im Februar 2014 online ging. Neben allgemeinen Tipps und Hinweisen, etwa mit welcher Software man seinen Computer verschlüsseln sollte ("deutsche Behörden geben meistens direkt auf, wenn sie beim hochfahren des Rechners den Truecrypt-Startbildschirm sehen") geht es auch ganz konkret darum, auf welche Art und wo man etwa verdächtige Chemikalien am besten versteckt, damit sie nicht gefunden werden.

Etwa 3.000 registrierte Mitglieder

Die Diskussionsfreude in den verschiedenen Unterforen hielt sich dabei offenbar im Rahmen: Themen, die mehr als zehn Antworten erhielten, scheinen die Ausnahme zu sein. Womöglich lag das auch an den Nutzerzahlen: Die Polizei gibt zwar an, dass rund 3.000 Mitglieder auf der Seite registriert gewesen waren. Im vergangenen Jahr hätten aber nur rund 360 Mitglieder die Seite aktiv genutzt. Die Mitglieder waren laut Polizei nicht inaktiv: Den Angaben zufolge haben diese sich regelmäßig auf sogenannten Spreng-Conventions getroffen, um sich bei öffentlichen Sprengungen gegenseitig zu überbieten.

Vom Schuljungen bis zum Nachbarn

Die Göttinger Polizei und Staatsanwaltschaft gehen bisher nicht von einer politisch motivierten Community aus. Die Nutzer der Website, die nach bisherigem Erkenntnisstand seit dem Jahr 2006 online war, seien bisher keinem extremen Spektrum zuzuordnen. Die Männer seien zwischen 17 und 55 Jahre alt. Vom Schuljungen über Studenten bis hin zum ganz normalen Nachbarn sei alles dabei, hieß es.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.08.2019 | 17:00 Uhr

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