Eine Erzieherin ließt Kindern in einer Kita vor. © NDR

Personalmangel in Niedersachsens Kitas verschärft sich

Stand: 21.10.2021 15:26 Uhr

In den Kitas in Niedersachsen wachsen die Personalprobleme. Immer häufiger müssen Eltern reduzierte Betreuungszeiten hinnehmen. Und das ist erst der Anfang, befürchten Fachleute.

von Torben Hildebrandt

Eltern in Niedersachsen müssen ihren Alltag oft umorganisieren: Sie können die Kinder morgens erst später in den Kindergarten bringen, weil die Frühbetreuung gekürzt wird. Auch mittags werden Zeiten gestrichen. Kitas müssen in den Notbetrieb wechseln, weil Erzieherinnen fehlen. "In manchen Regionen ist es ein eklatantes Problem für alle Träger", sagt Hans-Joachim Lenke, Chef der Diakonie in Niedersachsen. Er spricht von einer "großen Herausforderung", den Wünschen der Eltern gerecht zu werden. Der Städte- und Gemeindebund hat ebenfalls festgestellt, dass sich die Situation verschärft.

Videos
Drei Erzieherinnen halten Plakate auf einer Demonstration.
3 Min

Neues Kita-Gesetz: Betroffene bemängeln Entwurf

Viele Verbände üben bei einer Anhörung im Landtag Kritik. Es fehle an Geld, Personal und Wertschätzung. (08.05.2021) 3 Min

Neues Kita-Gesetz führt im Alltag zu Problemen

Ein Grund für die Probleme ist das neue Kita-Gesetz, das seit dem Sommer in Niedersachsen gilt. Damit hat das Land neue Mindeststandards beim Personal festgelegt, an die sich die Kitas halten müssen. Das Ziel: Die Qualität der frühkindlichen Bildung soll verbessert werden. Das Gesetz regelt etwa, dass auch in Randzeiten – also in Früh- und Spätdiensten – zwei pädagogische Fachkräfte in einer Kita-Gruppe sein müssen. Auch in Kleingruppen mit bis zu zehn Kindern müssen sich zwei Personen um die Kinder kümmern. Früher hätte auch eine Fachkraft gereicht. Die Personaldecke in den Kitas ist sowieso schon dünn. Melden sich Erzieherinnen krank, können die Kindergärten die Doppelbesetzung nicht mehr sicherstellen. Den Kitas bleibt nichts anderes übrig, als Betreuungszeiten zu kürzen.

Eltern sind genervt

Ina Heits ist Elternvertreterin der Kita "Talita Kumi" in Barrien im Kreis Diepholz. Sie bekommt die Ausfälle ständig zu spüren. Weil die Kita für eine ausgeschriebene Stelle keine Erzieherin findet, müssen Früh- und Spätbetreuung regelmäßig eingekürzt werden. Bei spontanen Krankheitsfällen unter den Erzieherinnen erfahren die Eltern erst am Morgen, dass sie ihre Kinder später bringen müssen. "Der Kindergarten ist kein verlässlicher Partner mehr", beklagt Ina Heits. Der Grundansatz, die Qualität zu verbessern, sei gut. Das wünschten sich die Eltern und die Mitarbeiter in der Kita. "Das Problem ist nur: eine Verbesserung der Qualität ist nur möglich, wenn ausreichend Personal da ist,“ so Heits.

Unmut auch bei der Kita-Leitung

Auch die Kita-Leiterin in Barrien, Isolde Huchtmann-Schmedes, ärgert sich über die Situation. Die Ziele der Politik seien "völlig unrealistisch.“ Vor allem kleine Kindergärten auf dem Land könnten die Personalvorgaben kaum erfüllen, sagt Huchtmann-Schmedes. Der Träger, der evangelische Kita-Verband Syke-Hoya fühlt sich hilflos. "Sobald die zweite Kraft fehlt, dürfen wir die Gruppe nicht führen“, sagt Birgit Greve, die pädagogische Leiterin.

Hannover informiert Eltern per Brief

Wegen der Personalvorgaben rechnet auch die Landeshauptstadt Hannover mit Ausfällen. In einem Brief bereitet die Stadt die Eltern darauf vor. "Die Leitungen der Kindertagesstätten werden hierzu das Gespräch mit Ihnen suchen und im Falle von Einschränkungen versuchen, frühestmöglich zu informieren“, heißt es in dem Schreiben. Diakonie-Vorstand Hans-Joachim Lenke fürchtet, dass Eltern im Herbst und Winter noch häufiger vor Betreuungsprobleme gestellt werden. "Wir haben insgesamt ein schwieriges Jahr hinter uns. Die Mitarbeitenden sind wegen der Pandemie erschöpft." Da sei nicht mehr viel Luft, so Lenke. Zudem stünde nun die klassische Infektionszeit bevor.

Kultusministerium betont Kindeswohl

Das Kultusministerium kennt die schwierige Lage in den Kindergärten, dennoch verteidigt es die strengeren Personalstandards. Das Kita-Gesetz rücke das Kindeswohl stärker in den Fokus, indem Personalstandards verbindlich werden. "Es geht um die Kinder und den Schutz der Kinder während der Betreuungszeiten“, teilt das Ministerium mit. Mit Blick auf die Kleingruppen mit bis zu zehn Kindern verweist das Ministerium zudem auf Ausnahmen, die den Kitas Luft verschaffen sollen: Hier könnten neben einer Fachkraft auch Ehrenamtliche, Praktikanten oder Bundesfreiwilligendienstleistende eingesetzt werden, um die Doppelbesetzung sicherzustellen. Tatsächlich hat die Kindertagesstätte in Barrien nach monatelanger Suche einen Freiwilligendienstler gefunden, der ab November die Kinder mit betreuen kann. Ein Lichtblick – aber die grundsätzlichen Probleme bleiben.

Städtetag: 4.000 Erzieherinnen fehlen

Der Niedersächsische Städtetag hat berechnet, dass in den kommenden Jahren rund 4.000 Fachkräfte fehlen. Die Geburtenzahlen und der Bedarf nach Betreuung sind gestiegen, dazu kommen der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz und der Zuzug von Flüchtlingsfamilien. Dass Niedersachsen den kostenlosen Kindergarten eingeführt hat, hat weiteres Interesse geweckt. Das Kultusministerium erklärt: "Wir wissen, dass die Personallage oftmals angespannt ist. Daher haben wir die Ausbildungskapazitäten an den Fachschulen massiv ausgeweitet.“ Jedes Jahr machten sich rund 500 junge Menschen mehr auf den Weg, Erzieherin oder Sozialassistentin zu werden, heißt es aus dem Ministerium.

Geschlossene Gruppen die Zukunft?

Die Zahl der Absolventen reicht nicht, glaubt Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke. "Wir haben eine große Zahl an frisch Ausgebildeten, die in erschütternd kurzer Zeit den Beruf wieder verlassen“, erklärt Lenke. Entscheidend sei, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Kitas verbesserten. Auch der Städte- und Gemeindebund rechnet nicht damit, dass sich schnell etwas ändert. Wie in der Pflege, in der Schule oder in der Verwaltung seien einfach grundsätzlich zu wenig Beschäftigte auf dem Markt. Die Leiterin der Kindertagesstätte "Talita Kumi“ im Barrien blickt deshalb sorgenvoll nach vorne: "Es ist schon passiert, dass Gruppen wegen Personalmangels geschlossen wurden." Wenn sich nichts ändert, werde das die Zukunft sein, befürchtet sie.

Weitere Informationen
Drei Erstklässler bei einer Sammlung von Schultaschen. © picture alliance Foto: dpa/dpa-Zentralbild | Soeren Stache

Niedersachsen bei Ganztagsbetreuung weit abgeschlagen

Im Bundesschnitt wurde 2020 jedes dritte Kind bis sechs Jahre ganztags betreut, in Niedersachsen nur jedes vierte. mehr

Kinder malen in Hamburg auf dem Boden einer Kindertagesstätte. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

Landtag beschließt umstrittenes Kita-Gesetz - Kritik bleibt

Ab 2027 soll die dritte Fachkraft mit halber Stundenzahl kommen. Das geht der Opposition nicht schnell genug. mehr

Blick in eine Kita-Gruppe. Eine Erzieherin sitzt mit Kindern an einem Tisch. Weitere Kinder spielen auf dem Boden.
3 Min

Kitas starten wieder eingeschränkten Regelbetrieb

Impfungen fürs Personal lassen noch auf sich warten. Im Kindergarten St. Josef in Verden war die Freude dennoch groß. 3 Min

Eine Frau spielt mit drei Kindern ein Stapelspiel.
4 Min

Covid-19: Pflegekräfte und Kita-Personal besonders betroffen

Als erste Krankenkasse hat die TK jetzt die Corona-Krankmeldungen für das Jahr 2020 ausgewertet. 4 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.10.2021 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

Ein Schild mit der Aufschrift "Reihe gesperrt" ist an einer Stuhlreihe in einer Veranstaltungshalle angebracht. © picture-alliance /Andreas Franke Foto: Andreas Franke

Theater und Einzelhandel fürchten strengere Corona-Regeln

Sorgen im Advent: Vor allem kleine Theater in Niedersachsen befürchten Zuschauerverluste, sollte 2G-Plus kommen. mehr